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Gedicht, Interpretation, Lesung : „die tischlerplatte“ von Monika Rinck

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In der Werkstatt arbeiten lautstark die Tischler. Monika Rincks „Ich“ liegt indes leidend im Federbett. Doch mit diesem Gedicht zielt die Lyrikerin nicht nur auf unseren Humor.

          Die gemeine Sperrholzplatte, auch bekannt als Tischlerplatte, ist ein beliebter Werkstoff der Möbelmassenproduktion. Formstabil und biegesteif gibt sie uns Struktur und Halt. Ähnlich dies Gedicht, an dessen Anfang Tischler, am Ende aber Dinge stehen: Robust wirkt es und kompakt in seiner aus Versen geschichteten Quaderform, die Stabreim und das Echo der Vokale ganz unauffällig fest verfugen.

          Die Berliner Dichterin Monika Rinck geht gern mit handfestem Material um. Konkret sind die Zündkapseln, mit denen ihre Gedichte uns aus dem Tritt bringen und davon ablenken, wie ernst es ihr ist mit Angst und Hoffnung und diesem „bewölkten nichts“, der Welt. Die „tischlerplatte“ (Gedichttext unten) hat Rinck als Fremdkörper in ihren zweiten Gedichtband „zum fernbleiben der umarmung“ (2007) gesetzt. Die Verse treten hervor, weil sie sich prosaischer geben als die Gedichte, in deren Mitte sie stehen. Oder kommt einem das nur des Motivs wegen so vor? - Tischler-Lärm am Morgen, womöglich verursacht durch eine Werkstatt unter einer Berliner Altbauwohnung, in der sich die Sprecherin notgedrungen aus dem Schlaf schält.

          Müßiggang contra Tagwerk

          Man kennt das: Wie beim Erwachen als erstes die Geräusche einsetzen, als würde der Ton wieder angestellt, eine Platte aufgelegt und los. Ein Alltagsgedicht also, das aber komplexer gebaut ist als die Alltagsdichtung der siebziger Jahre. Rincks „tischlerplatte“ verherrlicht den Alltag nicht durch die Verweigerung lyrischer Mittel und sprachlicher Virtuosität wie es vor rund 35 Jahren eine Zeit lang trotzige Mode war. Ihr Gedicht ist virtuos: Mit den Vokalen gleiten auch wir Leser Vers für Vers vom Schlafen ins Wachen. Der zärtliche Klang steht im krassen Kontrast zur Gewalt, von der das Gedicht spricht.

          Frankfurter Anthologie : Die Tischlerplatte

          Der Gegensatz, mit dem Rinck spielt, ist nicht schwer zu verstehen. Eine Langschläferin fühlt sich vom gottgefälligen Leben der Tischler bedrängt. Deren Werte liegen ihr fern, sie lebt in einer anderen Welt und kann deswegen nur vermuten, dass Andere die Emsigkeit zu früher Stunde zu schätzen wissen. Im ersten Moment könnte man also denken, das Gedicht verspotte die tumbe Wiederholung des arbeitsamen Lebens. Redewendungen wie „Oberkante Unterlippe“, „immer dieselbe Platte abspielen“ und idiomatische Ausdrücke wie „Nervensäge“, auf die Rinck anspielt, legen das nahe. Ebenso der Stabreim, der das Thema des Immergleichen auf der Klangeben durchspielt.

          Die Schläferin erwacht

          Aber wir haben es hier nicht mit einem selbstgewissen Ich zu tun, das spotten könnte. Die Bedrohung ist echt. Die Ausdrücke, die das anzeigen, sind gerade in der Art, wie sie sich verbergen, zu kräftig als dass es nur um ein selbstgefälliges, humoriges Lob des Laissez-faire gehen könnte. Der Schmerz steckt im „scherzerfüllt“, die Todesangst im „dengeln“: ein altes Verb für das Schärfen einer Sense, die im kalten Zustand flach gehämmert und so zugleich gehärtet wird. Der Rhythmuswechsel und der deutlich markierte Widerspruch in der Mitte des Gedichts („doch“) betonen die Furcht vor dem Automatismus des redlichen Lebens, auf dessen Geheiß nicht nur Fenster, sondern auch schon Menschen zertreten wurden.

          Das „Gebet“, die „Seligkeit“ beschwört die Macht einer Gemeinschaft, zu der die Schläferin nicht gehört. Immer wieder spricht in „zum fernbleiben der umarmung“ ein Ich, das am Gewicht der Depression trägt. Ein Ich, das zweifelt, ob es die „diesbezügliche Welt / immer noch gibt, die so mild / und, wie mir versichert wurde: / verletzlich auch ist.“ Der Morgen, in den die passive, noch oder überhaupt nicht zum Handeln fähige Schläferin der „tischlerplatte“ erwacht, wäre vielleicht ohnehin monochrom gewesen, auf seine Weise von einer Eintönigkeit, in die man nicht gern eintritt. Das Fenster hätte dann nur eine kleine Hoffnung auf den Blick in einen größeren Möglichkeitsraum geboten.

          In diese von Melancholie berührte, unaufgeregte Einfarbigkeit drängt die akustisch-aktivistische Wiederholungswelt der Tischler. Erstaunlicherweise erfährt das Ich nur die Stimmen, die durch die Fenster treten, nicht die Geräusche der Werkzeuge als gewalttätig. Hämmern und Schleifen geleiten es sogar sanft und sicher aus seiner Passivität ins Denken und Erwachen. Wie ist das zu erklären?

          „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. / Sie sprechen alles so deutlich aus“, dichtete Rainer Maria Rilke lange vor Rinck in einem frühen Gedicht und klagte: „Bleibt fern. / Die Dinge singen hör ich so gern.“ Der Gesang des Materials fordert nichts. Er begleitet nur, ganz ungerührt. Liegt vielleicht darin seine Beruhigung? Die singenden Dinge garantieren im letzten Vers von Rincks Gedicht ein Dasein jenseits der vergänglichen, zweifelhaft abgezirkelten Existenz des Menschen. Es sind jedoch Menschenhände, durch die sie hörbar werden. Ein Widerspruch, der nicht zu lösen ist. Oder die kluge Gegenrede zu Rilkes Menschen-Furcht? Glücklich verklingt Rincks „tischlerplatte“ am Ende im Ungefähren.

          die tischlerplatte

          urz nach sechs, hier sind sie wieder, diese tischler,

          diese tischlerstimmen, in die unbehandelten kuhlen

          meines halben schlafs gedengelt, unterkante scherzerfüllt.

          im monochromen morgen treffen flächen aufeinander,

          treffen sich die sägen zum gebet, das nennt man wohl

          redseligkeit. das nennt man redlichkeit. doch wenn sie,

          so früh schon, fenster zertreten, klirren mir panische

          träume entgegen. ganz anders das hämmern, in dessen

          rhythmus ich denke, ganz anders das schleifen, auf dessen

          staubiger spur ich dem erwachen zugleite - sie sind

          täglich die ersten, die zeigen: die dinge sind da.

          Monika Rinck: „zum fernbleiben der umarmung“. Gedichte. Mit Zeichnungen von Andreas Töpfer. Kookbooks, Idstein 2007. 78 S., br., 14,90 €.

          Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

          Quelle: F.A.Z.

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