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Veröffentlicht: 15.03.2013, 14:32 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Bühlertal“ von Hans Keilson

Vogelwolkenflug? Was könnte leichter klingen als dieses Wort? Mit dem Gedicht „Bühlertal“ versucht Hans Keilson, seine verstorbene Eurydice lebendig zu träumen.

von Rüdiger Görner

In allem Lyrischen verbirgt sich immer auch ein Es-war-einmal, ein leiser märchenhafter Ton, der das stille Heraufrufen von Erinnerungsbildern untermalt. Der „Widerhall“, das „Verwehen“, der „Hauch“ – sie gehören zu diesem Ton, variieren ihn und lösen ihn auf. Sie tragen zu dem bei, was dieses Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) mit „leichter als Träumen“ doppeldeutig anzudeuten scheint: Zeichen (der „Gruß“) erweisen sich – dem spezifisch poetischen Gewicht nach – als leichter als das Träumen. Oder das im „Märzenwind“ grüßende Haar ist ein Bild, das sich leichter einstellt als ein Traum, der ja oft schwer wiegt und zum Alb werden kann.
Bedenken wir die Form dieses Gedichts.

Der jeweils letzte Vers der drei Strophen wiederholt den ersten, im Falle der letzten Strophe mit einer bedeutsamen Veränderung: Auch rhythmisch liegt das Gewicht auf einem Zustandswort, das zuvor nicht vorkam: „vorbei“. Aber selbst diesem Vorbei eignet etwas Leichtes. Der je zweite und dritte Vers einer Strophe bildet einen Paarreim: die vierten Verse schließen mit einem Wort, das mit der ersten und letzten Zeile reimt; nur die jeweils fünften Verse stehen für sich allein. Wiederholungen prägen das Gedicht: „Dein Gang über die Höhen“, „Haar im Märzenwind“, „ein zärtliches Verwehen“ und die Wortschöpfung „Vogelwolkenflug“ – sie stabilisieren das Gedicht trotz seiner Leichtigkeit.

© F.A.Z., Barbara Klemm, F.A.Z. Hans Keilsons „Bühlertal“, gelesen von Thomas Huber

„Vogelwolkenflug“ – dieses Wort, obgleich eine komplexe Zusammensetzung, hat etwas Natürliches, Selbstverständliches; es wirkt wie gesteigertes Schweben: der Vogelschwarm als Wolke, er ist das Sinnbild höherer Freiheit, auch wenn der Vogelzug an sich instinktbedingt ist.

Immer blüht es im Bühlertal, wo der Schwarzwald nah ist mit Baden-Baden, und die lichte Rheinebene in greifbarer Nähe liegt. Es ist ein Tal des Frühlings, fruchtbar und Heimat linder Lüfte und der hier Gedachten, des „Nervenarztes“, Traumaforschers und Schriftstellers Hans Keilson ersten Frau, die mit ihm das Exil in Holland teilte und zum Judentum konvertierte. Der Lyriker auf Spurensuche: Keilson versuchte dies ein Leben lang auch mit seinen in Birkenau ermordeten Eltern, nur um feststellen zu müssen, wie es in einem seiner Gedichte heißt: „Keine Spuren mehr im Rauchfang der Lüfte –/sprachloser Himmel ...“.

Der Himmel über dem Bühlertal scheint dagegen nicht sprachlos zu sein; der „Vogelwolkenflug“ wirkt lesbar in dem Sinn, dass das Ich des Gedichts sich aufgefordert fühlt zwischen den „Höhen“ und dem „Schattenwald“ weiterzusuchen, bis es das verwehende Haar der Verlorenen im „Märzenwind“ zu sehen glaubt. Ihr „Gang über die Höhen“ hallt im Tal nach – so die zweite Spur. Doch wird sie in der Vorstellung zum „Irrwisch“, zu einem unruhigen Menschen, der sich nicht fassen lässt. Alles Erinnern geht hier von der Natur aus und in sie ein. Darüber hinaus spricht das Gedicht von der Natur als Eigenart des Erinnerns. Ausgelöst wird es durch sinnliche Momente, der Schritte „Widerhall“ und dem Berührtwerden durch das „Verwehen“. Damit ist auch gesagt: Was Erinnerung stiftet, hebt sie auch wieder auf.
Das Gedicht verzichtet mit Ausnahme von zwei Gedankenstrichen auf jegliche Interpunktion.

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Alles in diesem lyrischen Andenken beansprucht gleichen Rang. Es finden sich keine sprachlichen Unterordnungen; Zeile um Zeile verfügt über ihre eigene Wertigkeit. Auch das Enjambement von der zweiten zur dritten Strophe ist kaum merklich; deutlicher synkopieren die beiden Gedankenstriche. Der hochmusikalische Hans Keilson verstand sich auf genaue Notation im Sprachlichen, und wenn er in diesem Gedicht damit so sparsam umging, dann will das etwas besagen: Nichts, keine Übernotierung sprachlicher Gesten, darf dieses Andenken beschweren, denn es soll sich selbst tragen können. Indem Keilson auf unmittelbare Zugänglichkeit und Verständlichkeit im poetischen Ausdruck gerade in diesem Gedicht hinarbeitete, sollte auch die Verstorbene leicht erreichbar bleiben.

Wie von ferne klingt auch der Orpheus-Mythos an: Keilson ließ diesem Gedicht ein Jahr später (1970) eine lyrisch-mythologische Paraphrase „Auch Eurydice“ folgen, die Orpheus „betäubt von/innerem gesang“ vorstellt, der seine Eurydice nicht mehr hört. Im Gedicht „Bühlertal“ verhält es sich anders. Sein Ich bleibt hellhörig und kann deswegen dieses Lied singen. Auf dem „Vorbei“ liegt zwar eine den Gesamtrhythmus des Gedichts verändernde Betonung, aber es ist nicht dessen letztes Wort. Es schließt mit dieser schlichten, aber geheimnisvollen Wendung „leichter als Träumen“. Denn damit kann auch gemeint sein, dass dieses orphische Ich weiß, wo und wann immer es sein Lied singt, ist seine Eurydike – jenseits aller Träume – gegenwärtig.

Bühlertal

Dein Gang über die Höhen
und Widerhall im Tal
auf Wegen allzumal
ein zärtliches Verwehen
wie Vogelwolkenflug
dein Gang über die Höhen


Das Haar im Märzenwind
Schnee auf Geäst und Stein
im Schattenwald allein
ich eine Spur noch find
ein zärtliches Verwehen
dein Haar im Märzenwind


zum Gruß – leichter als Träumen
ein Hauch im Schattenwald
gelöst von Leibgestalt
Irrwisch in allen Räumen
wie Vogelwolkenflug
vorbei – leichter als Träumen

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