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Veröffentlicht: 02.03.2013, 08:28 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Aldi Bumm Baldi“ von Gerhard Falkner

Je stärker wir vergessen wollen, desto genauer erinnern wir uns. In seinem Gedicht „Aldi Bumm Baldi“ sucht Gerhard Falkner den Ausweg in unprätentiösen Versen.

von Sandra Kerschbaumer

Dichten, heißt es, sei Wiedergabe von Erinnerung. Gerhard Falkners Gedicht beginnt mit dem Vorsatz, über das Nicht-Erinnern zu sprechen: „Es gibt hier nichts/was an dich erinnert“ (Gedichttext im Kasten unten). Das ist ganz offensichtlich ein Widerspruch in sich selbst. Denn schon mit dieser Aussage zeigt das in einem sommerlichen Straßencafé sitzende Ich, wie intensiv es an den angesprochenen Menschen denkt. Wir dürfen seinen Aussagen also nicht trauen. Denn Wort und Bedeutung können sich weit voneinander entfernen. Der Sprecher des Gedichts steigert die behauptete Erinnerungslosigkeit ins Allgemeine und Absurde: „Es gibt hier auch niemanden sonst/der sich an irgendetwas erinnert“. Egal, ob hier einzelne Personen gemeint sind oder die Erinnerungskultur, die Überspitzung lässt das Gesagte als Autosuggestion erscheinen, als Abwehrhaltung, die im Laufe des Gedichts durch lyrische Raffinesse zerfällt und Raum für ein elegisches und trotzdem leichtes Erinnerungsgedicht schafft.

Viele der jüngeren Gedichte Gerhard Falkners erkunden nach Phasen der Sprach- und Kulturkritik nun den Innenraum des Ichs. Auch dieser Text gehört dazu. Es geht um einen Verlust, der sich anders als in Elegien der römischen Antike und des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr in Distichen, sondern in freien, aber doch höchst melodischen Versen artikuliert: ein fließender Gedankengang durch Jamben und Daktylen rhythmisiert und durch Enjambements in eine nachdenkliche Form gebracht.

© F.A.Z. Frankfurter Anthologie zum Hören: Gerhard Falkners „Aldi Bumm Baldi“

Über das Verlorene erfahren wir allerdings nicht viel. Die angesprochene Person wird eine Frau sein. Oder aber ein Kind? Was ist geschehen? Der Sprecher verweigert sich der Vergangenheit. Wie groß der Verlust sein muss, zeigt die Hartnäckigkeit, mit der er behauptet, sich nicht zu erinnern, zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der dies für alle Zeiten gelten soll: Schon im letzten Sommer saß er hier. Jeden Sommer wieder wird er hier sitzen und sich nicht erinnern. Immer und ewig. Das alte Liebesversprechen wird ins Gegenteil verkehrt: in das Versprechen, zu vergessen.

Alle Abwehrbeschwörungen sind umsonst

Aber das Gedicht hält das Versprechen nicht. Denn das Ich ist unzuverlässig, porös und die Erinnerung ein schwer zu kontrollierendes Ding. Und schon sind da die Einschränkungen: Nichts „erinnerte an Dich/(nur ein von der Sonne/verzinktes Eukalyptusblatt)“. Auch wenn Gerhard Falkner hier ein schönes Naturbild prägt, weiß der Leser längst, dass es gar keiner Objekte zum Auslösen der Erinnerung bedarf. Sie kommt und geht wie der Wind, eine elementare Macht, von der man nur kurz hoffen kann, sie ließe sich von „Fluchthelfern“ in „leere Zigarettenschachteln“ verfrachten. Folgt man dem Blick des im Café sitzenden Sprechers über die asphaltierte Straße, zeigt schon die allegorische Szenerie wie unwahrscheinlich es ist, der Erinnerung beizukommen.

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Die Leichtigkeit des Textes entsteht durch die gegenwärtige und unprätentiöse Sprache. Sie balanciert das Elegische aus – das allerdings auch zu seiner Blütezeit schon eine ironische Note haben konnte. Nüchtern und rührend ist die zweite Einschränkung des Nicht-Erinnerns: „Jeden Sommer werde ich von nun an/hier sitzen/ohne dass es irgendetwas gibt/was an dich erinnert/höchstens vielleicht/die paar Skateboarder/am Ende der Straße“. Sie summen eine Variation des alten südböhmischen Wiegenliedes „Aber heidschi bumbeidschi“. In dem abgründigen Abendlied soll der lautmalerisch einlullende Refrain eine tröstende Wirkung entfalten, denn auch hier geht es um Einsamkeit und Verlust. Ein Kind sehnt sich nach der abwesenden Mutter. Ihm werden die Verlockungen des Himmels geschildert. Ihnen gibt es nach und geht, ob in den Schlaf oder in den Tod, bleibt offen.

Im Gedicht Gerhard Falkners krachen „Boards“ auf die „Betonrampen“ von „Einkaufscentern“ und im abgewandelten Refrain taucht der Name eines Discounters auf: „...Aber/Aldi Bumm Baldi/Bumm Bumm/aber/Aldi Bumm Baldi/Bumm Bumm“. Wenn aber ein Beobachter coole Skateborder solche Lieder summen hört, heißt das wohl, dass Gefühl und Phantasie die Wirklichkeitswahrnehmung übersteuern. Die charmante Abwegigkeit der klangvoll alliterierenden Szene zeigt, dass nicht nichts, sondern alles das sommerlich sinnierende Ich an das angesprochene „Du“ erinnert, dass alle Abwehrbeschwörungen umsonst waren. Die Erinnerung ist stärker. Aber es hilft auch hier die Kunst, mit der sich jemand selber tröstet, „die kleine Liebe zu den Worten“, wie Gerhard Falkner sie genannt hat.

Aldi Bumm Baldi

Es gibt hier nichts
was an dich erinnert
Der Knoten
in der blauen Krawatte des Kellners
hat nichts zu bedeuten
Es gibt hier auch niemanden sonst
der sich an irgendetwas erinnert
aber das steht auf einem anderen Blatt
Schon letzten Sommer
saß ich hier
und nichts erinnerte an Dich
(nur ein von der Sonne
verzinktes Eukalyptusblatt)
Man hätte meinen können
Fluchthelfer hätten die Erinnerungen
in die vielen leeren Zigarettenschachteln verfrachtet
die ein prinzipienloser Wind
auf dem Asphalt hin und her schob
wie Schachfiguren
Jeden Sommer werde ich von nun an
hier sitzen
ohne dass es irgendetwas gibt
was an dich erinnert
höchstens vielleicht
die paar Skateboarder
am Ende der Straße
die abends, wenn ihre Boards
über die Betonrampen des Einkaufscenters krachen
immer summen: Aber
Aldi Bumm Baldi
Bumm Bumm
aber
Aldi Bumm Baldi
Bumm Bumm

„Ein Gedicht von mir“. Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart stellen sich vor. Hrsg. von Dirk von Petersdorff. Reclam, Stuttgart 2012. 160 S.,geb., 10,–€.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

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Quelle: F.A.Z.

 

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