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Frankfurter Anthologie : Wizława Szymborska: „Aus Erinnerungen“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Schockwirkung der Schönheit: Ein Gedicht der polnischen Literaturnobelpreisträgerin über ein junges Mädchen, das wie eine Unwetterwarnung in eine kleine Gesellschaft platzt. All werden unruhig, nur eine bleibt gelassen.

          Wizława Szymborska hat es zeit ihres Lebens vermieden, poetologische Erklärungen abzugeben, doch als Czesław Miłosz einmal zu ihr sagte, er beginne beim Schreiben stets mit dem Anfang, dem ersten Satz, hat sie sich doch einen Hinweis erlaubt: „Und ich fange oft mit dem letzten an. Und dann ist es sehr schwer, sich zum Anfang des Gedichts hochzuarbeiten.“

          Ob das auch hier so war? Dann hätte alles mit der Witwe begonnen. Die Witwe war der Einfall. Szymborska ist eine Dichterin, deren Gedichte sich fast immer einem Einfall verdanken. Mag er auf einer Beobachtung, einer Idee oder einem Erlebnis beruhen, entscheidend ist, dass dieser Einfall genügend szenisches und philosophisches Potential besitzt.

          Verwirrende Macht der Schönheit

          Beides ist hier gegeben. Beginnen wir mit der Situation, die die Verse vergegenwärtigen. Sie liegt lange zurück, das Gedicht heißt ja: „Aus Erinnerungen“. Irgendein Freundestreffen auf dem Lande, vielleicht in den Bergen, Szymborska fuhr gern ins Gebirge, man war jung, heiter, man saß beisammen und plauderte. Plötzlich verstummten alle. „Ein Mädchen betrat die Terrasse, / ein schönes, ach, / viel zu schön / für unseren ruhigen Aufenthalt hier.“

          Was war geschehen? „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben“, schrieb einst August von Platen in seinem Tristan-Lied. Aber das war es nicht, was hier passierte. Erfinderisch, wie die Szymborska in fast jedem ihrer Gedichte ist, erschafft sie eine Lage, aus der etwas ganz anderes hervorgeht. Das Schöne nicht als ein Ereignis, das uns die Sprache verschlägt, weil wir auf einmal der Vergänglichkeit der Welt innewerden, nicht als interesseloses Wohlgefallen, als willkommenes Objekt apollinischen Staunens, sondern das Schöne als Bedrohung und Gefahr, als Macht der Reize und Verlockungen, mächtiger denn Geld, Stärke und Klugheit zusammen. Nimmt Schönheit gar Gestalt an in einer fremden jungen Frau, die überraschend im Lebensalltag von Paaren auftaucht, ist es aus mit der Gelassenheit. Plötzlich begegnet ein Stern aus einer Leuchtkraftklasse, die noch keiner kannte.

          Szymborska gibt hier zu verstehen, dass in der Aura weiblicher Schönheit etwas Explosives steckt. Wie ein Komet, der einen Schweif der Unruhe, Verwirrung und des Chaos nach sich zieht - so jedenfalls in diesem kleinen Kammerspiel. Da niemand die aparte Sache ungeschehen machen konnte, schon gar nicht unsichtbar, flüchtete sich das feminine Ich des Gedichts - sie war allein angereist und ihr Mann wollte nachkommen - in eine Unwahrheit: „Ich dachte: ich rufe dich an, / komm vorläufig noch nicht, sage ich / es soll voraussichtlich tagelang regnen.“ Charmantes Lügen und der vollendete Humor, sie passen bestens zum Charakter der Begebenheit.

          Aber Szymborska wäre nicht Szymborska, wenn sie den ganzen Aufruhr nicht am Ende mit feiner Ironie und durch das Lächeln einer Witwe beruhigt hätte. Sie wusste aus eigener Erfahrung, mit welchen Augen Witwen die Welt betrachten. Sie gehören einer Lebensordnung an, die durch die Schönheit junger Frauen nicht gefährdet wird. Die Trauer um den verlorenen Gemahl liegt hinter ihnen. Liebe und Eifersucht sind ein Kapitel der Erinnerung. Witwen sind frei und können das Leben leichtnehmen. Wie ein platonischer Philosoph, der den Fallstricken des Begehrens endlich entkommen ist. Schönheit, wo und wann auch immer, begrüßen sie mit einem Lächeln.

          Wizława Szymborska: „Aus Erinnerungen“ / „Ze wspomnień“

          Wir plauderten miteinander,

          plötzlich wurden wir stumm.

          Ein Mädchen betrat die Terrasse,

          ein schönes, ach,

          viel zu schön

          für unseren ruhigen Aufenthalt hier.

           

          Basia warf einen panischen Blick auf ihren Mann.

          Krystyna legte unwillkürlich ihre Hand

          auf die Hand von Zbyszek.

          Ich dachte: ich rufe dich an,

          komm vorläufig noch nicht, sage ich,

          es soll voraussichtlich tagelang regnen.

           

          Nur Agnieszka, die Witwe,

          begrüßte die Schöne mit einem Lächeln.

           

          Aus dem Polnischen von Karl Dedecius.

           

          ***

          Gawędziliśmy sobie,

          zamilkliśmy nagle.

          Na taras weszła dziewczyna,

          ach, piękna,

          zanadto piękna

          jak na nasz spokojny tutaj pobyt.

           

          Basia zerknęła w popłochu na męża.

          Krystyna odruchowo położyła dłoń

          na dłoni Zbyszka.

          Ja pomyślałam: zadzwonię do ciebie,

          jeszcze na razie – powiem – nie przyjeżdżaj,

          zapowiadają właśnie kilkudniowe deszcze.

           

          Tylko Agnieszka, wdowa,

          powitała piękną uśmiechem.

          Wizława Szymborska: „Der Augenblick. Chwila“. Gedichte. Polnisch und Deutsch. Übertragen und herausgegeben von Karl Dedecius. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 111 S., geb., 13,95 €.

          Von Sebastian Kleinschmidt ist zuletzt erschienen: „Gedicht und Gedanke. Neun Interpretationen“. Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2015. 36 S., br., 12,- €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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