http://www.faz.net/-gr0-88sv7

Frankfurter Anthologie : Thomas Kling: „Das brennende Archiv“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / dpa

Der jung gestorbene Dichter Thomas Kling war ein radikaler Durchrüttler lyrischer Traditionen. Doch in diesem kurzen Gedicht fehlt sein typisch unruhiger Sound. Es handelt vom Tod und dem Erinnern.

          Mühelos hat dieses Gedicht (Text im Kasten unten) mein schlechtes Gedächtnis überwunden und sich in das private Archiv eingeschrieben. Wenn ich es aufsage, meistens stumm, dennoch lauschend, durchquere ich eine weite, nicht näher definierte Landschaft, vorbei an Bildern und Installationen, die reale oder phantastische Situationen und Erfahrungen widerspiegeln. Immer aufs Neue mobilisieren die Verse eigene Verknüpfungen, schmerzen und trösten.

          Wer an einer Trauerfeier teilnimmt, gehört für kurze Zeit zu einer Gruppe, die durch den Toten definiert ist. Der erste Vers kennzeichnet dieses Gedenken als Merkmal der Gattung Mensch, mögen die Riten noch so verschieden sein. In Europa assoziieren wir eine dunkel gekleidete, stille Versammlung. Umso heftiger wirkt der Kontrast, mit dem der zweite Vers die graue Skizze des ersten aufbricht: da lodern plötzlich die Flammen, ein heißes Rot überstrahlt das Schwarz. Unwillkürlich setzt man „Herz“ mit Lebensintensität und Liebe gleich, sogar mit Hoffnung, wie vage auch immer. Aber nein, von Hoffnung findet sich zunächst keine Spur. Das Feuer verwandelt alles in Asche, mit dem Körper werden auch die Erinnerungen des Toten, jene in langen Jahren gesammelten Texte und Bilder, in denen der Archivierende sich selber las, vernichtet. Das Herz war ihr Speicherort, sagt das Gedicht, nicht der Kopf. Das immerhin sollten die Lebenden verstehen.

          Langsamer Gang zum Fluss

          Ebenso unerwartet erscheinen im nächsten Verspaar die Engel und nicht näher charakterisierte „alte Gaben“. Bezieht sich das „es“ aufs Gedenken? Oder auf das „Archiv“? Ist darin die Erinnerung der Engel aufgehoben oder solche an die Engel, ist der Genitiv subjektiv oder objektiv? Oder öffnen die Engel nur den Raum für eine metaphysische Antwort auf die Eingangsverse? Wie auch immer, halten wir inne und betrachten die Epiphanie auf goldenem Grund, wo die großen, geflügelten Boten des Göttlichen etwas Unerkennbares in den Händen halten. Woher und warum erscheinen sie? Prophezeien sie Untergang? Verkünden sie Rettendes? Sind wir für ihre Gaben überhaupt gemacht? Und müssen wir sterben, um ihrer ansichtig zu werden?

          Ehe die Fragen in Seufzer münden, versetzt uns der Beginn der Schlussverse in eine andere, nüchtern ausgeleuchtete Gegend. „Die Formel Tod“: als wäre die Endlichkeit mathematisch zu fassen und das Grauen, das sie hervorruft, durch Abstraktion zu bezwingen. Vertrauter ist da schon das Bild der Überfahrt und des „Übersetzens“ in seiner doppelten Bedeutung. Als Hüter mythologischer Bilder beschwört der Dichter den Fluss, wo der Fährmann wartet, der die Seelen ins Totenreich bringt. Aber vielleicht ist es auch nicht falsch, da Kling in der Nähe von Düsseldorf lebte, Beuys‘ berühmte Überquerung des Rheins, die „Heimholung“ im Einbaum, als moderne Konkretisierung des Mythos hinzuzudenken.

          Thomas Kling starb vor zehn Jahren, nicht einmal 48 Jahre alt. Er war ein radikaler Durchrüttler lyrischer Traditionen, ein Erneuerer und Performer, der bei seinen legendären Auftritten die Sprache der Poesie an das Sprechen zurückband. Dieses Gedicht verzichtet auf den typischen, unruhigen Kling-Sound. 1997 zu einem privaten Anlass entstanden und in einem Nachlass-Dossier veröffentlicht, begleitet es knapp und ernst unser Wandern durch die Zeit.

          Thomas Kling: „Das brennende Archiv“

          menschen gedenken eines menschen.

          herz – brennendes archiv!

           

          es ist erinnerung der engel;

          erinnerung an alte gaben.

           

          die formel tod, die überfahrt –

          die wir zu übersetzen haben.

          Weitere Themen

          Aus Müll mach Musik Video-Seite öffnen

          Recycling-Band aus Krakau : Aus Müll mach Musik

          Zuschauer reagieren beim Anblick oft skeptisch. Doch sobald die Musik erklingt, sind alle begeistert. So unkonventionell wie die Instrumente, so skurril ist auch der dargebotene Sound, den die Musiker selbst als eine Mischung aus Rock, Jazz, Soul und Techno beschreiben.

          Zwischen oben und unten

          Frühjahrs-Auktion von Bassenge : Zwischen oben und unten

          Die Frühjahrs-Auktion der Galerie Bassenge wartet mit Büchern und Autographen auf. Darunter finden sich Briefe von Robert Musil sowie Erstdrucke von Goethes „Götz von Berlichingen“ und Schillers „Die Räuber“.

          Angst vor China ist groß Video-Seite öffnen

          Deutsche Unternehmen : Angst vor China ist groß

          Familienunternehmer Thomas Bauer ist besorgt um die Zukunft seiner Firma in China. Es ist ein Wettbewerb gegen innovative Ingenieure. In ganz Deutschland wächst die Angst, dass es mit den guten Zeiten bald vorbei sein könnte.

          Topmeldungen

          Klimaforschung : Der Planet steht, das System wankt

          Von wegen Pause: Im Meer, im Eis, im Grünen und in großer Höhe, der Klimawandel kommt immer schneller auf Touren und hinterlässt radikaler denn je seine Spuren in den Datenreihen.
          Viel Betrieb: Der Mainkai soll von Sommer an zwischen Untermainbrücke und Alter Brücke für den Autoverkehr gesperrt sein (hier die Kreuzung Kurt-Schumacher-Straße und Mainkai).

          FAZ Plus Artikel: Sperrung zur Probe : Autoverbot auf dem Mainkai

          Das Frankfurter Verkehrsdezernat will die nördliche Mainuferstraße zwischen Untermainbrücke und Alter Brücke auf Probe sperren. Am Mainufer selbst soll wieder mehr Platz für Passanten sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.