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Frankfurter Anthologie : Thomas Bernhard: „Erinnerung an die tote Mutter“

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Bild: ullstein bild - Imagno

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1963 ist eines der letzten von Thomas Bernhard. Die ruhigen Verse über den Verlust der Mutter sind für den Dichter ein doppelter Einschnitt.

          Als im Jahr 1963 Thomas Bernhards erster Roman „Frost“ erschien, betrachtete der Autor seine „lyrische Phase“ als abgeschlossen. „Erinnerung an die tote Mutter“ ist das letzte Gedicht dieses Jahres und eines der letzten zu Lebzeiten. Der Schauplatz ist ein konturloser Moment der schmalen Schwelle von Herbst zu Winter. In der Zukunft liegt der Schnee, in der Vergangenheit der Tod.

          Die Auslöschung, die der Tod der Mutter ins Leben des Sprechers getrieben hat, scheint total. Nicht einmal ihr ganzer Körper ist geblieben: „In der Totenkammer liegt ein weißes Gesicht.“ Die unheimliche Intimität des Todes ist auch die Zerstörung aller Intimitätsmöglichkeit, die Vernichtung aller Persönlichkeitsparameter: Ihr Gesicht ist ein Gesicht. Weil nur das Gesicht der Mutter zentriert wird, wirkt es, als wäre dieses behutsam vom Körper losgelöst worden, so wie sich das Gedicht von der Wirklichkeit loslöst, in der man Gesichter eben nicht „aufheben“ kann.

          Die zerbrechlichen Momente der Zärtlichkeit

          Wer aber ist dieses angesprochene Du, das trotzdem jenes Gesicht „aufheben und heimtragen“ kann? Welche Form der Aufhebung trifft hier zu? Man scheint Lauscher eines Selbstgesprächs mit der Fremde, die in jedem Ich wohnt. Die Ansprache des Ichs als Du entdeckt die Einsamkeit des Ichs - ein Gespräch im Spiegel, der Beginn von Literatur. Und die Möglichkeiten des Umgangs mit dem Muttergesicht errichten die ästhetischen Buchstützen, zwischen denen Bernhards Literatur festgehalten ist: Aufhebung als Aufbewahrung und Aufhebung als Auslöschung. Während die Sprechsituation durch den Tod der Mutter angestoßen wird, klingt im Gedicht auch die Beschäftigung mit dem Sterben des Ichs an. Da der Titel es als „Erinnerung“ ausweist, mag das Gedicht aus einem späteren Zeitpunkt auf die geschilderten Geschehnisse zurückblicken - vielleicht verliert man im Angesicht des eigenen Todes erneut all die Menschen, die man ein Leben lang an den Tod verloren hat. Doch vielleicht ist man ihnen dann auf die Weise nahe, die in dem behutsamen Ton dieser Zeilen angedeutet ist.

          Die Behutsamkeit liegt in der Ruhe von Rhythmus und Klang. Da ist nichts von der atemlosen Suada des Erzählers Bernhards, nichts von der lauten Komik des Dramatikers. Ruhe und Behutsamkeit des Textes liegen in den stummen Gesten vom Aufheben als Aufbewahren, vom Heimtragen und Verstecken der Erinnerung an die tote Mutter vor einer Welt des Vergessens. Die Ruhe ist ein harmonisches Netz in den hauchenden Gleichklängen der Ich-Laute in „Lächeln“, „Gesicht“ und „hereinbricht“ sowie in den Gleichklängen der Zischlaute in „verscharrst“, „schöne“ und „zuschneit“. Doch diese Ruhe ist ein Vorbereiten auf die Aufhebung als Auslöschung, denn die sanfte Ruhe kündigt schon vom tonlosen Klang des Schnees, der an kalten, enthausten Orten alles „zuschneit“.

          Während die „Totenkammer“ und das „Elterngrab“ als Orte präzisiert sind, ist das Zuhause des Sprechers schon halb von Fremde verschleiert, nur noch die erste Silbe eines Verbs. Vielleicht ist das Zuhause zur Fremde geworden, weil der Tod der Mutter auch der Tod der ersten Menschenbehausung ist: des Körpers der Mutter. Vielleicht ist es deshalb „besser“, das weiße Gesicht nicht heimzutragen, weil die Differenz zwischen dem lebenden, lächelnden Menschen und der zum Fragment erstarrten Mutter nur Enttäuschung bringen würde, wäre durch das Maskengesicht doch nur vor Augen gehalten, dass es von keinem Menschen mehr gefüllt ist, dass es da nichts mehr gibt, was dieses „schöne Lächeln“ ist.

          Der Sprecher versichert sich, dass es „besser“ wäre, das Gesicht „im Elterngrab“ zu verscharren. In der Verschmelzung von Präposition und Artikel wirkt das Elterngrab wie ein betonter, determinierter Ort, ein Ziel, in dem die Zukunft des Ichs schon liegt, wie es auch im Wort Gesicht verborgen liegt. Der nächste Tod, so die Logik der Serie, ist deiner.

          Das Verscharren, statt eines Vergrabens, suggeriert Heimlichkeit. Wie ein Nager seine Nüsse vor dem Winter versteckt, gilt es, verstohlen das Gesicht vor dem Schnee in Sicherheit zu bringen und vor der Welt. Der Schnee wird als Auslöscher angesehen, so wie er in einem früheren Gedicht „das Leichentuch des Winters“ heißt, welches das noch aufgeprägte Leben, „das schöne Lächeln deiner Mutter“, unsichtbar machen wird.

          Bernhard nutzte die große, weitschweifige Form (wie in „Auslöschung“) zur Klage darüber, dass angesichts des Todes alles lächerlich ist, doch die Verdichtung der minimalistischen Miniatur wusste er sich ebenso zu nutze zu machen (wie in „Stimmenimitator“). Es ist treffend, dass ein Abschiedsgedicht kurz ist. Und haben diese drei Zeilen auch nicht die Form einer Elegie, so ist doch eine Klage angestimmt, die bei ihrer Traurigkeit auch zärtlich das Bleibende anrührt und entdeckt: dass gerade weil die Gesten der Verurteilung in Bernhards Kosmos überwiegen, die zerbrechlichen Momente von Zärtlichkeit nur umso kostbarer darin enthalten sind.

          Diesem Gedicht über den Verlust, mit gelassenem Klang und nicht eingezäunt von einem Versmaß, sondern dahinsinkend wie ein Schneefall, ist neben dem Tod das Bleiben eingeschrieben. Der Schnee, der alles zudeckt, steht bei Bernhard zwar häufig für Auslöschung. In „Frost“ heißt es: „Ein Schneetreiben ist absolut ein Vorgang des Todes.“ Doch in „Frost“ ist auch die Rede von der „weißen Leinwand des Schnees“. Die Aufhebung der Wirklichkeit ist die eigentlich poetische Geste der Literatur. Sie ist eine Auslöschung, die kein Vergessen ist, sondern der „Wiederbeginn des Neuen“, die Geburt der Fiktion. Denn was als Erinnerung bleibt, steht eben immer rittlings über dem Grab zwischen Wahrheit und Dichtung. Die Aufhebung als Verstecken schafft poetischen Freiraum für ein Ich, das paradoxerweise die schöne Wahrheit zudecken muss, damit der Winter des Vergessens sie ihm niemals zuschneien kann.

          Thomas Bernhard: „Erinnerung an die tote Mutter“

          In der Totenkammer liegt ein weißes Gesicht, du kannst es aufheben

          und heimtragen, aber besser, du verscharrst es im Elterngrab,

          bevor der Winter hereinbricht und das schöne Lächeln deiner Mutter zuschneit.

          Thomas Bernhard: „Gedichte. Werke in 22 Bänden, Band 21“. Hrsg. von Raimund Fellinger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 601 S., geb., 39,90 €.

          Von Jan Wilm ist zuletzt erschienen: „The Slow Philosophy of J. M. Coetzee“. Bloomsbury, London 2016. 264 S., geb., 97,49 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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