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Frankfurter Anthologie : Sylvia Plath: „Metaphern“

  • -Aktualisiert am

Bild: Everett Collection

Dieses Gedicht über ein wichtiges rhetorisches Mittel fordert den Leser ganz offen zu extremen Transferleistungen heraus. Gelöst werden soll ein Rätsel in neun Silben. Worin aber besteht es und: Ist es zu lösen?

          Das Gedicht „Metaphern“ aus dem Jahr 1959 liegt mir im Original und in der Übersetzung von Judith Zander vor. Seit Sylvia Plaths Selbstmord 1963, da war sie dreißig Jahre alt, reißen die Spekulationen über sie und den englischen Dichter Ted Hughes nicht ab. Die Geschichte ihrer Ehe nimmt oftmals einen dominanten Einfluss auf die Exegese der Texte. Das vorliegende Gedicht lädt jedoch nur begrenzt zu autobiographisch geprägten Analysen ein. Hier macht Plath ein prominentes Werkzeug der Dichtung zum Thema, wodurch eine Art Metatext über die Erschaffung von Poesie entsteht. Metaphern bitten in dem Gedicht um Entschlüsselung - wobei bemerkt sei, dass der Begriff der „Entschlüsselung“ bereits selbst eine Metapher darstellt.

          Sie gehören gewohnheitsmäßig zu unserem alltäglichen Sprachgebrauch, auch wenn wir sie oft gar nicht als solche wahrnehmen. Ihrem Begriff nach sind sie Übertragungen von einer Sinnebene auf eine andere, etymologisch abzuleiten vom griechischen Wort metapherein. Dieses verborgene sprachliche Wissen rückt das vorliegende Gedicht ins Bewusstsein, indem es das Denken ganz offen zu Transferleistungen herausfordert. Bereits in der ersten Zeile werden wir aufgefordert, das „Rätsel in neun Silben“ zu lösen. Doch welches Rätsel ist gemeint? Aristoteles bringt in seiner „Poetik“ die Metapher mit dem Rätsel in Verbindung - eine zu metaphernreiche Dichtersprache galt ihm als unklar und schwer verständlich. Plath jedoch gibt sich hier zugänglicher als in vielen anderen ihrer Gedichte: Das Rätsel meint ganz offensichtlich das vorliegende Gedicht in seinen neun Zeilen mit je neun Silben.

          Ein Sack grüner Äpfel

          Nimmt man als Leser den Fehdehandschuh auf, ergeben sich folgende Überlegungen: Ein „Elefant“, ein „massiges Haus“, die „Melone wandelnd auf zwei Ranken“, dazu der Gegensatz von „Elfenbein“ und „feinem Holz“, auch der im Aufgehen befindliche „Laib“ - all dies dürften körperliche Merkmale einer Schwangerschaft sein. Hiermit korrespondiert auch die Zahl neun. Auch in biographischer Hinsicht liegen solche Überlegungen nahe, weil Plath im Jahr 1960, als ihr Gedichtband „The Colossus And Other Poems“ erschien, ihre Tochter Frieda zur Welt brachte. Bis hierher arbeiten die Metaphern mit analogen Formen im konkret Wahrnehmbaren, die relativ deutlich erscheinen und deshalb gut auflösbar sind. Doch deutet sich auf einer weiteren Sinnebene eine körperliche Entfremdung bereits an. Das penetrant wiederkehrende Motiv des Schwellenden und Massigen erzeugt die Empfindung einer physischen und psychischen Schwere.

          Im weiteren Verlauf verstärkt sich das Unwohlsein. Die Metaphern „Mittel“ und „Stadium“ greifen weiter aus und sind abstrakter als die vorherigen sinnlichen Beschreibungen. Sie verweisen auf die Zweckdienlichkeit der Mutterschaft und pathologisieren sie zugleich. Dieses Moment, das der Mutterschaft ihren Selbstzweck streitig macht, wird gesteigert durch das biologisierende Bild der „Kuh mit Kalb“, das an Reproduktion und Zucht denken lässt, und eskaliert schließlich im Motiv der „dicken Börse, drin Geld frisch geprägt“, welches nun auch das ungeborene Leben zum Wirtschaftsfaktor und somit zum reinen Mittel werden lässt.

          Im Kontrast zu diesem Ausgreifen ins Politisch-Allgemeine erklärt das lyrische Ich nun seine Lage durch Ereignisse aus seiner Vergangenheit. Es gibt an, einen ganzen „Sack grüner Äpfel“ gegessen zu haben. Bei dieser Hyperbel, die vermutlich auf den Sündenfall anspielt, kräuselt sich der Mund der Leser zu einem unfreiwilligen Lächeln. Mit dem Humor kommt dabei auch der Kampfgeist zurück ins Gedicht. Denn durch den zur Lächerlichkeit übersteigerten Apfelkonsum hat - und das ist wichtig - das Ich sein Schicksal mehrfach und bewusst selbst besiegelt. So hat es ja nicht nur einen oder zwei, sondern gleich den ganzen Sack Äpfel gegessen!

          „Stieg in den Zug“: Es ist nicht klar, in welche Richtung die Reise von Mutter und Kind gehen wird, noch wo ihr Ziel liegt. Ist es der Weg in die Restriktion oder zur Freiheit? Weiß das lyrische Ich, wohin es unterwegs ist und was es dort erwarten wird? Flieht es vor etwas oder hat es ein konkretes Ziel? Auch wenn die Zugfahrt einen Weg ins Ungewisse nimmt, bleibt der Einstieg ein selbstbestimmter Akt, von dem es nun „kein Zurück“ mehr gibt. Man denkt hier an wichtige Entscheidungen, deren Konsequenzen kaum abzusehen sind. In diesem Sinne ist die angetretene Zugfahrt ein eindringliches Bild für das Zukünftige, Unbestimmte und betont zugleich die Bedeutsamkeit unserer eigenen Initiative.

          Auf einer weiteren Sinnebene kann man diesen Zug ebenfalls als Metapher verstehen, insofern er auf das Mittel der Übertragung selbst verweist. Dadurch wird der Zug letztlich selbst zu einer Metapher für die Metapher, wodurch das Gedicht mit der letzten Zeile abermals in geschickter Weise auf sich selbst und sein Thema rekurriert.

          Sylvia Plath: „Metaphern“ / „Metaphors“

          Ich bin ein Rätsel in neun Silben,

          Ein Elefant, ein massiges Haus,

          Melone wandelnd auf zwei Ranken.

          O Rotfrucht, Elfenbein, feines Holz!

          Ein Laib groß vor hefigem Aufgehn.

          Dicke Börse, drin Geld frisch geprägt.

          Bin ein Mittel, Stadium, Kuh mit Kalb.

          Ich aß einen Sack grüner Äpfel,

          Stieg in den Zug, es gibt kein Zurück.

           

          Aus dem Amerikanischen von Judith Zander.

           

          ***

           

          I’m a riddle in nine syllables,

          An elephant, a ponderous house,

          A melon strolling on two tendrils.

          O red fruit, ivory, fine timbers!

          This loaf’s big with its yeasty rising.

          Money’s new-minted in this fat purse.

          I’m a means, a stage, a cow in calf.

          I’ve eaten a bag of green apples,

          Boarded the train there’s no getting off.

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