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Frankfurter Anthologie : Ror Wolf: „Spaziergänge am Rande des Meeres“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Schnee, prächtig und lästig zugleich, ist eines der wichtigsten Motive im Werk Ror Wolfs. In diesem Gedicht verbindet er sich mit dem Meer und seiner zerstörerischen Kraft.

          Vielleicht wird es auch in Zukunft noch schneien, und dann werden die Dichterinnen und Dichter weiter davon schreiben. Vielleicht werden die Wolken aber auch bald aufhören, ihre weiße Stille auf die Welt zu streuen. Dann bleibt nur die Dichtung, um den Schnee, wie auch alles andere, im Zeilenspeicher der Literatur aufzubewahren. „Und ich werde, Leser, mich bemühen, / etwas Wahrheit in die Welt zu sprühen“, heißt es in einem Gedicht von Ror Wolf, der neben allem anderen auch als einer der großen Schneedichter der deutschsprachigen Literatur gelten kann.

          Sein weitwinkliges OEuvre ist vielfach durchschneit. Allerorts sind die Wetterverhältnisse durch den Schnee geprägt. Er fällt auf die Menschen und sogar in sie hinein, er knirscht und schmilzt und verschleiert ihre Blicke und vermummt sogar ihre „kalten schneebezogenen Gedanken“. Kurz und gut: „Er bedeckte die ganze Welt.“

          Vergangenheit und Zukunft des Wassers

          In Wolfs Gedichtband „Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember“, erschienen 2015, ist der Schnee gleichzeitig Programm und Pest, prächtig und lästig, Stimmung und Bedrohung. In dem Band des Spätwerks befindet sich ein kleiner Vierzehnzeiler, der sich durch seine gepaarten Zeilenenden allerdings gleich von der Sonettform fortreimt. In „Spaziergänge am Rande des Meeres“ ist die anfängliche Feststellung „Es schneit auf mich, es schneit auf meinen Hut“ zwar einerseits schlicht zu lesen als kühle Beobachtung, anderseits aber macht das wiederholte „es schneit“ aus dem Anfang fast einen Ausruf, der vielleicht Grund zur Freude verrät, Freude vielleicht darüber, dass endlich etwas passiert. Denn im Leben des Ichs, das da so plötzlich anfängt zu sprechen, wie es angefangen hat zu schneien, in diesem Spaziergängerleben scheint eine Leere zu herrschen, und diese Leere breitet sich aus.

          Gekleidet für die Reise, befindet er sich auf Zwischenstation, in einem Hotel, in dem er wohnt. Vielleicht hält er sich schon länger dort auf. Der Gedichttitel erzählt immerhin von wiederholten Spaziergängen, im Plural. Das Meer wächst, und das Land schwindet. Sogar das Ich ist in Gefahr, denn das aufschwellende Meerwasser „frißt ein Stück von meiner Hand“; „das Meer, es frißt am Ende das Hotel“, und der Reisende muss schließlich weiter, auch wenn es leider vielleicht so nicht weitergeht.

          Dauernd verschwindet er

          In Wolfs Gedicht ist Bewegung, der Jambus schafft einen klaren Rhythmus, wie das Gehen abwechselnder Schritte oder das Schlagen und Schlürfen von Wellen, und die emphatischen Wortwiederholungen („es frißt und frißt“; „es schlingt und schlingt“) spiegeln das klare Paarreim-Schema wider, das ebenfalls Klangspiegelungen schafft. Wie so oft in der Wolfschen Wirklichkeitsfabrik wird die Wirklichkeit zerlegt, sie bricht weg, fällt herab, wird abgeschliffen oder zerfließt – und anschließend wird sie wieder neu zusammengebaut, neu ineinandergemustert wie die Figuren in Ror Wolfs Collagen.

          Die Gleichmäßigkeit der Gedichtform steht augenscheinlich im Widerspruch zur zerbröckelnden Welt des Inhalts. Im Gefäß, das dieses Gedicht ist, befindet sich zu wachsenden Teilen Wasser. Das Wasser des Meeres, das frisst und schlingt und alles in seinen Magen spült, aber auch das Wasser des Schnees, der das Gedicht ursprünglich in Bewegung gebracht hat. Und Schnee ist schließlich auch nur Meer in einem anderen Aggregatzustand. Der Schnee des Anfangs ist die Vergangenheit und die Zukunft des Wassers, aus dem er durch Kälte hervorging und in das er durch Wärme wieder zurückfließen wird. Und auch das Meer wird vielleicht einmal wieder seinen Aggregatzustand ändern wollen und als Wasser in die Wolken aufschweben, um von dort erneut verwandelt weiß und weich die Welt zu überschneien.

          In Ror Wolfs Lyrik enden die Dinge nicht so leicht, wie man meint. Stattdessen verändern sie sich, pendeln vor und zurück und wiegen hin und her. Die bekannteste Kunstfigur seiner Gedichte, Hans Waldmann, verschwindet andauernd, nur um immer wieder neu aufzutauchen. Selbst seinen eigenen Tod – tja, den überlebt er.

          Auch der bemantelte Hutträger dieses Gedichts hat nach dem Ende seines Hotels noch ein „Hier“, wo er sitzen und trinken kann, vielleicht an einer Bar. Auch nach dem Verlust eines Stückes von seiner Hand hat er selbst noch genügend Hände, um sich „alle Ohren“ zuzuhalten. So leicht sind wir von der Welt nicht abzuschütteln, scheint dieses Gedicht zu sagen. Vielleicht kommen wir, wenn wir aufgestanden und gegangen sind, irgendwann ja wieder, wie die Wellen des Meeres oder wie der geschmolzene Schnee.

          Allerdings: „Wenn es so weitergeht, geht es nicht weiter.“ Doch auch am Ende des Gedichts ist es alles andere als ausgemacht, dass es eben nicht doch irgendwie und irgendwo weitergehen wird. Denn das Ende ist durch das konditionale „Wenn“ an eine Bedingung geknüpft. Wenn es so weitergeht. Was ist es, was da so weitergehen könnte? Was ist es, was dazu führt, dass „der Mond“ und „das ganze Land“ verschwunden sind? Augenscheinlich ist es das Fließen des Meeres, wie „es schlingt und schlingt“. Vielleicht ist es aber auch das Schneien des Schnees. Wie alle meteorologischen Verben ist das Schneien von einem „es“ begleitet: Es schneit. Durch dieses „es schneit“ und „es frißt“ und „es schlingt“ kommen Unpersönlichkeit und Leere ins Gedicht und ins Leben des Sprechers. Weil jedoch der Schnee und das Meer als zwei Zustände desselben Materials gezeigt werden, bleibt die Frage offen, ob auch die Abwesenheit, das Fortsein eines Menschen, der aufgestanden und gegangen ist, vielleicht doch auch nur ein anderer Zustand dieses Menschseins ist. Wenn es so weitergeht, taucht vielleicht auch dieser Mensch einmal wieder im Zustand seiner Anwesenheit auf.

          Ror Wolf: „Spaziergänge am Rande des Meeres“

          Es schneit auf mich, es schneit auf meinen Hut,
          und auf den Mantel schneit es, kurz und gut:
          Das Meer beißt große Stücke ab vom Strand,
          es frißt und frißt ein Stück von meiner Hand,
          es schlingt und schlingt in diesen kalten Tagen,
          die Schiffe sinken rasch in seinen Magen,
          das Meer, es frißt am Ende das Hotel
          in dem ich wohne, insgesamt und schnell.
          Die Wälder knicken um und es verschwand
          der runde Mond, der Mond, das ganze Land.
          Hier sitze ich beim vierten Bier und halte
          Mir alle Ohren zu, und als es knallte,
          da stand ich auf und ging und sagte: Leider:
          Wenn es so weitergeht, geht es nicht weiter.

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