http://www.faz.net/-gr0-8213h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 10.04.2015, 20:49 Uhr

Frankfurter Anthologie Simon Armitage: „Der Schrei“

Was mit einem scheinbar belanglosen Kinderspiel beginnt, endet mit einem gewaltsamen Tod. Die erzählende Lyrik des Briten Simon Armitage bringt Zeit und Raum zum Schmelzen.

von Sandra Kerschbaumer
© dpa Picture-Alliance Thomas Huber liest „Der Schrei“ von Simon Armitage

Der Schrei - der Titel lässt etwas Schlimmes erwarten: die Darstellung von Leid, von Gründen für diesen schrillen Ausruf. Umso erstaunter registriert der Leser die Beiläufigkeit des einsetzenden Gedichts, die ruhige Gelassenheit der von Simon Armitage gewählten Sprache. Die Szene, die sich in den ersten drei Strophen entfaltet, scheint unspektakulär. Wir befinden uns auf einem Schulhof zusammen mit zwei Jungen, die ein Experiment machen und sich für die physikalische Beschaffenheit der menschlichen Stimme interessieren. Einer schreit, der andere zeigt an, wie weit der Schall trägt.

Der Schrei ist also einfach ein Signal zwischen Sender und Empfänger. Der gellende Laut wird ohne jede Emotion ausgestoßen. So nimmt Armitage dem expressionistischen Titel sein Pathos. Gedanken an Edvard Munch, Assoziationen greller Angst verschwinden angesichts der Alltäglichkeit und des Eifers im kindlichen Spiel. Hierzu tragen auch die umgangssprachlichen Wendungen und nüchternen Worte wie „Reichweite“ und „Markierung“ bei. In England wird Simon Armitage für diese Lakonik von Kritikern und Lesern geschätzt. Elf Gedichtbände hat er bislang veröffentlicht. Sie brachten ihm Vergleiche mit Ted Hughes und Philip Larkin ein und haben sich zehntausendfach verkauft.

Das Elend eines ganzen Menschenlebens

„Der Schrei“ hat einen erzählenden Gestus. Der Erwachsene, das sich erinnernde Ich, macht dabei erst einmal dem Treiben der Kinder Platz, dem Brüllen und Armheben. Dass sich die Perspektiven überschneiden, zeigt das kindlich vorangestellte Personalpronomen „ich und der Junge“ - im Original wie in der Übersetzung von Jan Wagner, der den deutschen Auswahlband „Zoom!“ zusammengestellt hat. Der lyrische Erzähler unternimmt den Versuch, die Vergangenheit einzufangen, die sich entzieht. Es ist ein Versuch, sich mit dem Zustand der Kindheit wieder zu verbinden, einer Welt, in der ein Schrei ein Schallphänomen ist und das Brüllen ein Spaß. Erzählt wird unverkennbar in der Form eines Gedichts mit seiner markanten Rhythmik und der raffinierten Ausgestaltung des poetischen Raumes.

Denn die beiden Jungen entfernen sich immer weiter voneinander: Die Pronomen „ich“ und „er“ gliedern das Gedicht. Die Enjambements, auch über Strophenenden hinweg, lassen einen Raum entstehen, der sich immer weiter ausdehnt: hinter den Park, ans Ende der Straße bis zum Fuß der Berge, ausgestattet mit Details wie dem Hochsitz von Fretwells Hof. In der sechsten Strophe ist dann die maximale Entfernung erreicht, die größte Spannung zwischen den eigenartig inkongruenten Satzelementen: „Er verließ die Stadt, war in Westaustralien / zwanzig Jahre lang tot / mit einem Durchschuß im Gaumendach“. Plötzlich ist nichts mehr so einfach, wie es schien. Mit dem Sprung in Raum und Zeit ist das Experiment zu Ende. Den Leser erschreckt ein gewaltsamer Tod.

Mehr zum Thema

„Junge, an dessen Namen und Gesicht ich mich nicht erinnere“, der Sprecher des Gedichts wendet sich im Präsens an das Kind, das der Tote einmal gewesen ist, „du kannst aufhören zu schreien, ich höre dich noch“. Der zeitliche und räumliche Abstand schmilzt. Der Schrei dringt mühelos aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Er ist also weit mehr als eine Schallwelle, und die Frage nach der Reichweite der menschlichen Stimme erweist sich als subtiler als zu Beginn des Gedichtes gedacht. Sie betrifft auch das poetische Sprechen. Denn schließlich ist es die Dichtung, die eine Erinnerung, einen Schrei vor dem Verklingen bewahrt, die ihn durch Raum und Zeit transportiert und die ihm am Ende des Gedichts einen schrillen Ton verleiht. Denn der Schrei klingt jetzt nicht mehr nach kindlicher Experimentierfreude, sondern nach erwachsenem Leid. Auch wenn wir über das Schicksal des Jungen kaum etwas erfahren, ist das Elend eines ganzen Menschenlebens im Nachhall dieses Schreis aufgehoben.

Simon Armitage: „Der Schrei“

Wir gingen zusammen

auf den Schulhof, ich und der Junge,

an dessen Namen und Gesicht

 

ich mich nicht erinnere. Wir stellten die Reichweite

der menschlichen Stimme auf die Probe:

Er musste schreien, was das Zeug hielt,

 

ich den Arm heben

zum Zeichen, dass der Klang bis zu mir

jenseits der Markierung getragen hatte.

 

Er stand hinterm Park, schrie - ich hob den Arm.

Als er schon viel zu weit weg war,

brüllte er noch, vom Ende der Straße herüber,

 

am Fuß des Berges,

hinterm Hochsitz von Fretwells Hof -

ich hob den Arm.

 

Er verließ die Stadt, war in Westaustralien

zwanzig Jahre lang tot

mit einem Durchschuß im Gaumendach.

 

Junge, an dessen Namen und Gesicht ich mich nicht erinnere,

du kannst aufhören zu schreien, ich höre dich noch.

Glosse

Roboterkrieg

Von Andrea Diener

Das Zeitalter der paranoiden Androiden dämmert, und sie können einem leidtun: Die Jobs des Niedriglohnsektors zermürben auf Dauer sogar Roboter. Eine Glosse. Mehr 2 15

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage