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Frankfurter Anthologie : Raoul Schrott: „Shak-i-Nabat“

  • -Aktualisiert am

Bild: Daniel Pilar

Jeden, der mit offenen Augen durch Iran reist, erfasst irgendwann der Hafis-Moment. Dann muss er nur noch, wie das lyrische Ich in diesem Gedicht, den Spuren des alten Dichters in der Gegenwart folgen.

          „In Dichters Lande reisen“ – Goethe konnte der Empfehlung aus seinem dem Übersetzen gewidmeten Anhang zum „West-östlichen Divan“ nicht folgen: nicht nur, dass seine Versuche, im Persischen voranzukommen, trotz großer Mühen mäßig blieben; vor allem ist er nicht selbst nach Persien gereist. Oder eben nur in seiner Imagination. Sie mag sich Hafis’ Welt kongenial anverwandelt haben, heutige Dichter haben es da leichter: Sie können, Pass und Visum und Neugier vorausgesetzt, einfach ins Flugzeug steigen und binnen fünf Stunden in Teheran sein.

          Dass sie sich dann dort tatsächlich viel mehr „in Dichters Lande“ als in der „Islamischen Republik“ angekommen fühlen, ist indes alles andere als überraschend: Hafis’ Ghasele sind seit über 700 Jahren der wohl am eifrigsten gehütete Kulturschatz der iranischen Nation – wovon sich jeder überzeugen kann, der einmal in Shiraz am Grab von Hafis stand, inmitten eines der schönsten Gärten der Welt –, wogegen sich das Alter der jetzigen Staatsform sehr bescheiden ausnimmt. Mochte Chomeini (wie vor ihm andere Geistliche) Hafis’ Hingabe zum Wein als mystische Erfahrung deuten, der beseligende Saft lässt sich so wenig aus der Welt leugnen wie die Liebe, die unmittelbare Basis von Hafis’ Lyrik ist.

          In Hafis’ Lande reisen

          Raoul Schrott gelingt es, den „Hafis-Moment“, welcher jeden, der mit offenen Augen durch Iran reist, früher oder später ereilt, in seinen zwischen poetischem Traditionsbewusstsein und Teheraner Alltag vermittelnden Zeilen festzuhalten. In einer Notiz zu „Shakh-i-Nabat“, das (oder: die?) sein 2004 erschienenes „Weissbuch“ beschließt, bemerkt er: „teheran, 21.10.01: sogar der taxifahrer hat seinen hafiz neben sich liegen, um ihn als orakel aufzuschlagen, in jedem gespräch wird er zitiert, und ich hörte die geschichte unzählige male, wie er am grab seines lehrmeisters vierzig nächte wach blieb, um die gabe der poesie, unsterblichkeit und die gunst seiner geliebten shakh-i-nabat zu erhalten, die er jeden tag unerreichbar am balkon stehen sah.“

          Hafis’ Beispiel ist in der Teheraner Gegenwart, die Schrotts lyrischem Alter Ego widerfährt, nicht nur permanent präsent, es wird gelebt. Schrott erinnert an die Praxis, das Schicksal mit Hilfe einer willkürlich aufgeschlagenen Zeile des Diwans zu deuten. Er kennt und vermittelt, ganz poeta doctus, welcher Wissen (wie zuletzt die Geschichte der Naturwissenschaften) in Poesie zu überführen sucht und in der Metapher das Verbindende und Erkenntnisstiftende zwischen beiden fand, die Überlieferungen und Mythen, die sich an Hafis’ Namen knüpfen, spielt subtil auf Hafis-Verse an. Aber ist Hafis-Philologie der Gegenstand seines Gedichts? Zum Glück versucht er gar nicht erst, manieristisch die Form des Hafis-Ghasels zu kopieren, und findet stattdessen eine eigene Form fünfzeiliger Strophen, die das Gedicht zugleich in eine vielschichtige Erzählung verwandeln, ohne ihm seinen lyrischen Charakter zu nehmen – das zeigt sich gut in den vielen alltagsnahen Halbreimen und Assonanzen und nicht zuletzt in den identischen Reimen, die mit ihren Bedeutungsverschiebungen dann doch raffiniert auf die Kunst des Ghasels verweisen („silber“ / „neunsilber“; „würde“ / „würde“; „auszusprechen“ / „versprechen“).

          Mit seinen häufigen Schnitten und Wechseln zwischen Orten und Zeiten ist „Shakh-i-Nabat“ eigentlich wie eine Filmsequenz aufgebaut; mit wenig Phantasie könnte man sich die Taxifahrt, den Mann mit Schreibblock oder die angedeutete Liebesgeschichte auch im Kino Abbas Kiarostamis vorstellen, des großen iranischen Filmemachers, der in seinen so gegenwärtigen Filmen permanent den persischen Kanon zitiert und seine persönliche, 400 Seiten dicke Hafis-Anthologie schlicht „Wein“ nannte. Der eigentliche Gegenstand von Schrotts Gedicht wie Hafis’ Ghaselen liegt jenseits allen Wissens. Das, was einen gefühlsmäßig überrennt, versuchen die Ghasele „mit etwas wie würde“ festzuhalten. Das unerfüllte Begehren ist zugleich der Faden, der den Teppich, auf dem sich östliche und westliche Welt begegnen, immer weiter knüpft – bei Goethe wie bei Schrott. „Deinetwegen hab ich mich in Berg’ und Wüste aufgemacht“, heißt es bei Hafis, dem unerreichten Liebesdichter, als hätte er Raoul Schrott ein Lebensmotto eingeflüstert.

          Raoul Schrott: „Shak-i-Nabat“

          die zigaretten ein abgegriffenes adreßbuch
          streichhölzer und stifte eine schatulle aus getriebenem silber
          das heft mit den notizen meine uhr und der blick aus dem 19. stock
          ein spiegelbild auf den straßenlichtern hin zum golestan
          und zuviel für einen neunsilber

          zeile für zeile ausgestrichen und doch darunter das n deiner brauen
          das a der augen und dieser moment als du das kopftuch
          abnahmst und die nacht dir dann
          lang über den rücken fiel das dunkel der rose
          und hafiz‘ nachtigall in einem rausch auf diesem schreibblock

          sah dich aufblicken wegschauen
          und das haar am nacken fassen und in der geste all das absichtslose
          was ist und was nicht – für jede vollkommenheit
          gilt dasselbe: in diesem spiegelsaal göttlicher gleichgültigkeit
          sehen trunkene und nüchterne am ende sich in einem

          nichts weiß ich von dir sagtest du und meintest
          einen anderen mann und sprachst mit jedem und mit keinem
          gestohlne augenblicke? du verneintest
          denn wenn es zeit ist dieses hotel wieder zu verlassen
          ists egal ob dir der portier die tür aufhält: dem tod wird jede passen

          trotzdem rief ich über die rezeption nochmals an
          um dir zu zeigen daß ich gelernt hatte deinen Namen auszusprechen
          die zunge liegen zu lassen und weich und hinten in der kehle
          du lachtest und sagtest bis teheran
          und wir wußten beide daß es nicht wahr geworden sein würde

          gleich viele nächte wie er wach zu bleiben an baba quhis grab
          um dir morgens dann warmes brot zu bringen sollte ich versprechen
          und dennoch nie an dich glauben o schreib deine ghasele
          aber beweis damit etwas wie: würde –
          dieses eine Pfand das ich nicht einzulösen vermag

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