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Frankfurter Anthologie : Sándor Petöfi: „Freiheit, Liebe“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / dpa

Dieser an einem Neujahrsmorgen hingeworfene Stimmungsbericht in sechs Zeilen ist mehr als ein persönliches Bekenntnis. Mit diesem kurzen Gedicht Sándor Petöfis versteht man Ungarn.

          Ein Gedicht, dessen Bekanntheit in einer Sprachfamilie - Kleinkinder diesmal nicht mitgerechnet - mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach der Niederschrift noch immer an die hundert Prozent heranreicht, gibt viel mehr wieder als die augenblickliche Stimmung eines an einem Neujahrsmorgen einsamen Dichters. Es muss etwas Dauerhaftes in der Mentalität einer ganzen Nation ausdrücken. Sonst wäre es längst zum Geheimtipp der Fachgelehrten geschrumpft oder gar in Vergessenheit geraten. Doch Sándor Petöfis Gedicht, der Länge nach nicht mehr als ein einprägsames Wortspiel, ist jedem Ungarn nicht nur männlichen Geschlechts gewärtig, zumal der erste Satz das Universalbekenntnis des Homo sapiens umfasst.

          Der bald zum Nationaldichter der Ungarn aufgestiegene Petöfi hat es an seinem 24. Geburtstag verfasst - wäre es sein nie erreichter fünfzigster gewesen, hätte er seine dann doppelt so umfangreiche Lebenserfahrung auch nur auf dieselbe Art und Weise auf den Punkt gebracht. Doch der als Alexander Petrovics am 1. Januar 1823 als Kind eines serbischen Vaters und einer slowakischen Mutter in Mittelungarn geborene Gastwirtssohn, Schauspieler, nach der Namensänderung höchst populäre Dichter und schließlich Soldat der Heimatschutzarmee im Freiheitskampf gegen den österreichischen Kaiser und den russischen Zaren verschwand in der Schlacht von Segesvár am 31. Juli 1849 aus dem - für ihn in erster Linie öffentlichen - Leben. Ob er an Ort und Stelle gefallen ist oder als Gefangener verschleppt wurde, ist bis heute unbekannt. Da er nirgends ein Heldengrab hat, ist seither in fast jeder ungarischen Ortschaft eine Straße nach ihm benannt worden.

          Die Bereitschaft zur Vereinsamung

          Sein Neujahrsgedicht ist nur vermeintlich romantisch; die Umstände seiner Entstehung wie auch die anhaltende nationale Virulenz erheben es zu einem politischen Credo, das für jeden potentiellen Usurpator die Drohung bereithält: Dieser Dichter, dieses Volk stellen ihre Freiheit über alles. Blickt ein Politologe in Kenntnis des unter Ungarn allgegenwärtigen Gedichtes auf die Sprach- und Kulturnation und ihren heutigen politischen Kopf Viktor Orbán, so erkennt er sowohl die Bereitschaft, für seine Freiheit sogar seine Liebe - personalisiert „die Geliebte“ oder „den Geliebten“ (die ungarische Sprache macht da keinen eindeutigen Unterschied) - zu opfern, als auch die Bereitschaft zur Vereinsamung. Würde Orbán ganz anders empfinden als das Volk (oder würde das Volk ganz anders empfinden als ihr Regierungschef), hätte er es unter den demokratischen Regeln des 21. Jahrhunderts niemals zweimal zu einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit gebracht, schon gar nicht, da er als früherer Ministerpräsident kein unbeschriebenes Blatt mehr war.

          Das Risiko der Vereinsamung ist logisch größer, als es Petöfi - und in seiner Nachfolge vielen ungarischen Staatsmännern - zunächst bewusst war. Es mag schön sein, für seine Liebe nicht nur die im Deutschen sprichwörtlichen Sterne vom Himmel zu holen, sondern sein ganzes Leben zu opfern. Damit wäre außerhalb Ungarns jedoch schon alles Lebenswerte zu Ende. Nicht so bei Petöfi, dem man Unrecht täte, wollte man folgern, er gebe der Freiheit allein deswegen den Vorzug, um nicht sein Leben für die Geliebte opfern zu müssen. Das wäre Verrat, den man weder ihm noch seinem Gefolge unterstellen darf. Petöfis Leidenschaft galt tatsächlich der Freiheit - und dennoch stünde der leidenschaftlich Bekennende am Ende nicht nur ohne Partner, sondern auch ohne Freiheit da: Er hat nicht einmal die Wahl, sich jeweils eine neue Liebe zu suchen, ohne sich alsbald wiederum unfrei zu fühlen.

          Stets gleichberechtigt

          Auf die Politik übertragen heißt das: Das Volk der Petöfis setzt bereitwillig das Leben aufs Spiel, um seine Verbündeten zu schützen - Ungarn in der seit tausend Jahren so verstandenen Rolle des Bollwerks zur Verteidigung des christlichen Westens -, hat jedoch einen Widerwillen dagegen, sich in eine Gemeinschaft einzupassen, in der es geradezu regelmäßig um seine individuelle und nationale Freiheit zu bangen müssen glaubt.

          Die Lösung für das Dilemma hat Petöfi neun Monate später selbst gefunden: Er ging mit Júlia Szendrey die Ehe ein. So hatte er seine Liebe und genoss in der Gleichberechtigung mit ihr die Freiheit. Die Ungarn wollen in einem Bund stets gleichberechtigt mitbestimmen, mitgestalten - und sich niemals überstimmen lassen. Mehrheitsbeschlüsse an Stelle einstimmiger Entscheidungen zum Beispiel in der EU sind der falsche Weg, um sie zu binden, zumal auch andere europäische Nationen ähnlich fühlen könnten wie Petöfis Volk. Es mag symptomatisch sein, dass der Dichter zuletzt Adjutant des polnischen Freiheitskämpfers General József Bem im Abwehrkampf gegen die Heilige Allianz der Großmächte war.

          Sándor Petöfi: „Freiheit, Liebe“ / „Szabadság, szerelem“

          Freiheit, Liebe!

          Die beiden brauche ich.

          Für meine Liebe opfere ich

          Das Leben,

          Für die Freiheit opfere ich

          Meine Liebe.

          (Pest, 1. Januar 1847)

           

          Aus dem Ungarischen von Georg Paul Hefty.

           

          ***

           

          Szabadság, szerelem!

          E kettö kell nekem.

          Szerelmemért föláldozom

          Az életet,

          Szabadságért föláldozom

          Szerelmemet.

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