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Frankfurter Anthologie : Renate Rasp: „Hilft nicht ein Mann und rettet Kinder“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In den sechziger Jahren galt sie als kühn und rotzfrech. Barbusig las sie auf der Frankfurter Buchmesse. Dann wurde sie vergessen. Fast. Dieses späte Gedicht zeigt sie in alter Aggressivität.

          Man hat sie vergessen. Wenn man Renate Rasp googelt, wird man erfahren, dass sie auf der Frankfurter Buchmesse 1968 „barbusig“ aus ihrem Buch gelesen hat. Wird es das sein, was von ihr in Erinnerung bleibt, ein Happening, das verdächtigt wurde, Marketing zu sein?

          1967, ein Jahr davor, las sie in Waischenfeld vor der Gruppe 47. Sie las, wie es damals hieß, „rotzfreche“, also erotische Gedichte. Es war die letzte Tagung der Gruppe. Über der oberfränkischen Pulvermühle wehte eine rot-blaue Vietcong-Fahne, die demonstrierende Erlanger Studenten an die Stelle der fränkischen Landesfahne (rot-weiß) gehängt hatten. Drinnen verfassten Grass, Rühmkorf, Walser und Lettau bis vier Uhr früh eine Petition gegen die Springer-Presse. Die Lesungen von Günther Eich („Maulwürfe“), Siegfried Lenz („Deutschstunde“) und Jürgen Becker („Ränder“) überdauerten die Geschichte. Neben Renate Rasp lasen zwei weitere junge Frauen: Barbara Frischmuth und Helga M. Novak. Die Herren waren ein letztes Mal auf der Suche nach einer neuen Bachmann. Sie hätten sie fast in Renate Rasp gefunden, die dann ein Jahr später in Frankfurt ohne Hemd auftrat.

          Genau so war es

          Es waren andere Zeiten, diese Zeiten, in denen erotische Gedichte noch „kühn“ genannt wurden. Die zufriedene Kritikerrunde in der Pulvermühle wünschte sich, Renate Rasp solle ihre Gedichte noch ein zweites Mal lesen. Frischmuth, Novak und Rasp: „Sie schreiben uns an die Wand“, sagte Günter Grass.

          1973 veröffentlichte Renate Rasp nach einem ersten Roman ihren zweiten längeren Prosatext, „Chinchilla“, einen „Leitfaden zur praktischen Ausübung“ - nämlich der Prostitution. Ein Lehrbuch für eine Gesellschaft, „die Liebesbeziehungen weitgehend in Tauschbeziehungen verwandelt hat“. Dass die Wut dieses satirischen Buches sich gegen ungleiche Machtverhältnisse auf dem Heiratsmarkt richtete, war offensichtlich. Völlig übersehen wurde, dass der erste in diesem Buch vorgestellte Freier ein Verleger war, „der einen Geschäftsbesuch in der Stadt dazu benutzt, den persönlichen Kontakt mit einem Autor zu pflegen“. Es folgt eine Beschreibung dieser Geschäftsbeziehung, die dem Autor-Verleger-Verhältnis alter Schule entspricht. Wie sich dabei die Machtverhältnisse auflösen, vom zielstrebigen Verleger hin zur Schreibarbeiterin, ist ein ironisches Meisterstück in Sachen Standesbewusstsein.

          Weniger optimistisch, dafür komplizierter, verhandelt unser Gedicht das gleiche Thema. Wenn die punische Fruchtbarkeitsgöttin Tanit, die meist mit freiem Oberkörper dargestellt wurde, dem Roman „Salammbô“ von Flaubert oder Vergils „Aeneas“ (dort heißt sie Juno) entliehen ist - wofür einiges spricht -, dann lässt der formale Umgang mit ihr in diesem Gedicht die souveräne Haltung zur Welt ahnen. Die selbstbewusste Auswahl im literarischen Kostümverleih zeigt eine unbedingte Unabhängigkeit, die in Kauf nimmt, nicht verstanden zu werden. Dieses Gedicht verweigert sich, indem es die Chancen nutzt: Seine brüchige Syntax und die verkürzten Sätze sorgen für „wechselnde Eindrücke“ (wie es in Rasps Roman „Ein ungeratener Sohn“ heißt). Das Gedicht zerfällt in einzelne, scheinbar mythisch aufgeladene, tatsächlich aber dem klassischen Vorrat entwendete, verdichtete und so kühn wie rotzfrech angeeignete Bilder. Diese Freiheit wird nur durch einen Satz zusammengehalten: „Ganz genau so war es.“ Eine exzessive Behauptung, die etwas festhält, was nicht festzuhalten ist, sie wird gesetzt von der Stimme dieses Gedichts. Diese Stimme hält die Fäden in der Hand. Eine Souveränität, die sich von der Welt der Herrschaft, der Welt der Päpste befreit hat.

          Renate Rasps zweiter und letzter Gedichtband, „Junges Deutschland“, erschien 1978. Danach veröffentlichte sie noch einen Roman, der von der Kritik vernichtet wurde. (Waren denn die Zeiten wirklich andere?) Hans Werner Richter bekam in dem Jahr, als Renate Rasp sich für die Buchmesse-Lesung frei machte, Besuch von Gabriele Wohmann. Er notierte danach im Tagebuch: „Ich war allein und sie unter der schwarzen Bluse ,oben ohne‘. Aber sie ist so männlich, oder so wenig weiblich, daß ich es kaum registriert habe.“ Etwas wird er registriert haben. Und wir registrieren, dass es 1968 doch Gründe gab, Brüste zu zeigen. „Die Erhaltung Ihres Selbstgefühls ist eine der Hauptbedingungen, diesen Beruf zu einem erfolgreichen Ende zu führen“, schrieb Renate Rasp in „Chinchilla“. Nur wenige Jahre lang hielt sie dem Literaturbetrieb den Spiegel vor, bis der sich so nicht mehr sehen wollte. Man hat sie nicht vergessen, man hat sie entlassen. Erst 2011 konnte Michael Lentz sie überreden, noch einmal einige Gedichte herzugeben, darunter dieses. Renate Rasp starb im Sommer letzten Jahres. Der letzte Satz des Gedichts klingt resigniert. Aber dem „Fußabdruck, - wo der Kopf lag“ -, der bei Vergil dort ist, wo Tanit ein Tempel gebaut wurde -, ist noch die Aggressivität anzuhören, die Renate Rasp einmal auszeichnete.

          Renate Rasp: „Hilft nicht ein Mann und rettet Kinder“

          Papst kommt auf dich zu,

          und wir sagen es dir:

          Erbe ist er aus dem

          bunten karthagischen Raupenfächer.

          Weiß gekleidet war sie auch.

          Tanit war ihr Name.

          Weibliche Wohnung hatte sie im

          Mondscheinlichten.

          Hengst war doch Vater

          und Mutter die silberne Währung

          aus blendendem steinernem Atem.

          Ganz genau so war es.

          Hatte nicht ein Mann

          den Hengst auf die Hand genommen.

          Hengst am Boden,

          und Mann

          mit dem

          Fuß über ihm.

          Kopf von Hengst an Wasser gesehen.

          Morgen früh wird er eingesammelt.

          War jetzt nicht alles vom Pferd bei der Tanit. Fußabdruck, - wo der Kopf lag.

          Es hatte die Macht

          der kaiserliche Ohrring.

          Renate Rasp: „Hilft nicht ein Mann und rettet Kinder“. In: Neue Rundschau, 122. Jahrgang. Heft 1, 2011. Hrsg. von Michael Braun und Michael Lentz. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 192 S., br., 15,- €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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