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Frankfurter Anthologie : Rainer René Müller: „Lirum, larum“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Dirk Skiba

Der harmlos klingende Titel täuscht: Aus diesem Gedicht spricht eine wütende Trauer über die barbarische Gewalt, mit der große Werke der Kunst von den Nationalsozialisten missbraucht wurden.

          Nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, befand Theodor W. Adorno. Dieses heftig diskutierte und bald auf alle Kunstäußerungen ausgedehnte Diktum revidierte er 1962, rund zehn Jahre später. „Weil jedoch die Welt den eigenen Untergang überlebt hat“, schrieb er, „bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewusstlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler der Gegenwart sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.“

          Teile des poetischen Werks von Rainer René Mueller, einem sehr zu Unrecht halb vergessenen Dichter, scheinen mir genau das einzulösen, was Adorno einforderte: Gedichte, die in einer stockenden, stotternden Sprache von entsetzlichen Beschädigungen berichten und die Bedrohungen abklopfen, die jedes Wort nach 1945 fragwürdig und wahrheitsunfähig machen konnten.

          Nachzitterndes Grauen

          In die Verse des Gedichts „Lirum, larum“, erschienen in Muellers erstem Gedichtband „Lieddeutsch“ im Jahr 1981, ist eine wütende, zitternde, blitzende Trauer eingeschrieben, darüber, dass große Leistungen der Kultur eine barbarische Umformung durch faschistische Gewalt erfuhren. Rainer René Mueller, 1949 in Würzburg geboren, geht von seinem fränkischen Umfeld aus. ‚Kupferstiche‘ – das kann auf den Nürnberger Albrecht Dürer hindeuten, dessen Werke im „Dritten Reich“ bis zur Unkenntlichkeit vermarktet und geschändet wurden. Der Passus ‚die geschränkten Beine des Vogel, – Sängers‘ ruft die bekannte Miniatur der Manessischen Liederhandschrift auf, die Walther von der Vogelweide, den berühmtesten Minnesänger des deutschen Mittelalters, auf einem begrünten Felsen sitzend zeigt, mit übereinandergeschlagenen Beinen. Das Grab des 1230 gestorbenen Dichters befindet sich in Würzburg. Tilman Riemenschneider wird genannt, der überragende Holzschnitzer, dessen Arme ‚unter Kalkschutt‘ liegen, ein Hinweis auf die Verwüstungen am Kriegsende, auch er in Würzburg gestorben im Jahre 1531.

          Diese Galerie großer, in Mitleidenschaft gezogener Ahnen wird in eine Landschaft gestellt, das ‚Käppele‘. Der Volksmund bezeichnet damit die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung in Würzburg und ihren Stationsweg, den größten seiner Art in Deutschland. Er wird ‚der berutschte Marienweg‘ genannt. Auf beängstigende Weise führt Mueller dieses Erinnern an die deutsche Kunst- und Kulturgeschichte eng mit dem aufkommenden Unheil: ‚aus Franken blühte Sturm‘. Das Lied des Vogelsängers wird zum Stürmerlied, zum Trümmerlied. Julius Streicher, auch er ein Franke aus Fürth, hatte 1923 die Zeitschrift „Der Stürmer“ gegründet, das schlimmste antisemitische Hetzblatt, das mit seinen Artikeln den Boden für die Auslöschung der Juden vorbereitete. Es skandierte schon früh den Vernichtungswillen des Reiches, nahm die Aufmärsche in Nürnberg vorweg und probte den ‚Reichston‘.

          Auf gespenstische, nicht mehr erträgliche Weise ergibt sich in diesem Gedicht ein Schrecken aus dem nächsten, jeder Vers ist grundiert vom Misstrauen gegenüber den Möglichkeiten der Kultur und insbesondere des Lieds, der Poesie. Denn: Wie konnte es zu diesem Absturz, diesem Grauen kommen? Zu diesem grässlichen Absurdum: ‚larum, larum : / darum, dass einer ein Vieh / wird‘? Es gibt in diesem Text einen halsbrecherischen Lauf von den Metronomen, den Schlagstöcken, dem Berutschen und Abmarschieren hin zu dem Vieh, dem Menschen am Haken, seiner Auslöschung unter dem Hakenkreuz.

          Die wenigen Exegeten des Werks von Rainer René Mueller haben auf Paul Celan verwiesen und gemeint, Mueller sei einer seiner raren Nachfahren. Dieser Hinweis liegt nahe, denn Mueller definiert sich im Jüdischen. „ich bin über die mutterlinie jude, ich identifiziere mich nicht nur“, hatte er Dieter M. Gräf mitgeteilt, dem klugen und verdienstvollen Herausgeber einer Auswahl seiner Gedichte. Mueller behandelt ähnliche Motive wie Celan, er splittert Sprache und lehnt sich gegen ihren Wohlklang auf. Er meidet Metaphern und baut seine Gedichte allein, wie er selbst sagt, „nach einer rhythmischen und lautlichen Struktur“.

          Aber seine Texte, auch wenn sie sich entlang einer Art Celanscher Hermetik entlangfräsen, sind doch deutlicher als dessen Verse, oft bestürzend genau in der Nennung von Namen, Ortsangaben und Daten. So düster alles auch ist, so beharren sie doch auf der Notwendigkeit, auszusprechen und zu sagen. „Lirum, larum“ ist eine einzige bohrende Frage an die deutsche Geschichte, die auch eine Frage an die deutsche Sprache ist.

          Es war einer meiner großen Fehler, Rainer René Mueller nicht in „Niemals eine Atempause“, mein Handbuch der politischen Poesie im zwanzigsten Jahrhundert, aufzunehmen. Er hat dort Anrecht auf einen bevorzugten Platz – und nicht nur dort. Wir müssen seine Gedichte lesen, zunächst den gerade erschienenen Auswahlband, sodann das gemeinsam mit dem Maler Max Neumann konzipierte Künstlerbuch „Rückzug ins Helle“ oder auch „Aus Polenland. Aus“, die reiche Ernte, die er uns von einem Aufenthalt in Krakau mitgebracht hat. Die Entdeckungen sind ungeheuer und nehmen uns mit.

          Rainer René Müller: „Lirum, larum“

          deutsch, das ist auch

          Zeile für Zeile, lange Gekeimtes

          in Metronome und Schlagstöcke gehängt

          in Verse

          Zeile für Zeile

          Sonette

           

          und Kupferstiche, radierte Schandflecken

          hinter dem Kontra-

          punkt. Die hohen Töne

           

          aus Abgesang, die geschränkten Beine

          des Vogel, -Sängers und Riemenschneiders Arme

          unter Kalkschutt

           

          der berutschte Marienweg, Käppele

          kniefällig tief Maulwerke, die Säulen

           

          Hallelujafans: der Reichston

          abmarschierte Psalmen: aus Franken blühte Sturm

           

          das Stürmerlied, das Türmerlied

          das Trümmerlied, ach Walther

           

          tandaradei

          was heißt hier Liebe

           

          -belei, -lei

          larum, larum:

           

          darum, dass einer ein Vieh, ein gehäutetes Vieh

          wird, ein Stück, ein Hakenstück

          Quelle: F.A.Z.

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