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Frankfurter Anthologie : Peter Handke: „Métro Balard-Charenton“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Eine Fahrt mit der Pariser Metro. Die Namen der Haltestellen sind die pure Musik, es geht quer durch die Vergangenheit. Dieses Gedicht öffnet epische Räume im lässigen Vorüberziehen.

          Ein kleines Gedicht mit epischem Atem: In vierzehn Versen wird eine Fahrt auf der Pariser Metrolinie 8 von Südwesten – La Motte-Piquet im XV. Arrondissement an der Rive Gauche – bis Südosten nach Charenton, schon außerhalb des Innenstadtrings, wo die Marne in die Seine fließt, erzählt. Die Namen der passierten Stationen sind Musik: Bonne Nouvelle, Filles du Calvaire, Daumesnil und die Porte Dorée, Punkte am rechten Seineufer, auf denen die frühesten Kapitel der Stadtgeschichte geschrieben stehen. Die Metro durchquert binnen der beschriebenen Dämmerstunde von Sonnenuntergang bei Motte-Piquet-Grenelle bis zur Nachtstunde in Charenton-Ecoles – Anfangs- und Endpunkt liegen oberirdisch – wie eine Zeitmaschine Räume und Zeiten. Historische Schichten und städtebauliche Palimpseste werden von der Röhre und ihren Gleisen durchschnitten, und im Neon der Haltepunkte wird sichtbar, was die Gegenwart zufällig zu bieten hat: die bunten Artikel im bis Bonne Nouvelle durchblätterten Stadtmagazin „Pariscope“, der leere Getränkeautomat bei Filles du Calvaire, die Schuhe in einem Schaufenster an Daumesnil, von oben aus einem Schacht bei Charenton das letzte Licht.

          Unwesentlich ist das nicht. Die Zeilenbrüche sind durch die Namen der Haltepunkte markiert, und je zwei im wirkungsvollen Enjambement verschränkte Zeilen bleiben der Wahrnehmung einer Station vorbehalten – bis auf die Gedichtmitte im siebten Vers, dem längsten, der die Schuhe in der Vitrine von Daumesnil ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, und dem elften, der den Aufenthalt bei Charenton mit dem Blick auf die Marnemündung zu verlängern scheint. Dazu verleihen die klanglichen Korrespondenzen dem Gedicht seine eigene Melodie, zu der sich die von Station zu Station an- und abschwellende Geschwindigkeit der Metro und der Takt ihrer Waggons imaginieren lässt. Und dann steht am Ende – beim Sonett wären es die Couplet-Verse – eine Verlängerung des Schienenwegs ins Phantastische: Während die Metro nach Osten in die Nacht gefahren ist, setzt sich die Imagination nach Amerika ab und beschwört John Fords Film „Young Mr. Lincoln“ von 1939, der einer weichenstellenden Episode im Leben des späteren Präsidenten gilt. Einer der Filme, die John Fords Ruhm als Regisseur begründeten, einer der Filme, die Handkes Erzähler im Amerika-Trip „Der kurze Brief zum langen Abschied“ von 1972, der mit einer imaginären Begegnung beim alten John Ford endet, emphatisch beschwört.

          Der Anfang von etwas

          Über den in die Nacht versickernden Takt der Pariser U-Bahn schiebt sich die Erinnerung an ein prägendes Kinoerlebnis „Im hellen Westen irgendwo“. Gleichzeitig kommt die Ankündigung des neuen Tags nicht aus der üblicherweise mit Morgen assoziierten Himmelsrichtung – doch wenn man nur weit genug ostwärts geht, kommt man irgendwann auch von Paris aus in Amerika an. Dass der „Osten“ des Gedichts im „Westen“ liegt, ist nur relativ. Entscheidend ist: das Licht bleibt an, egal ob es die Sonne ist, das Neon der Stationen oder die Kinoreflektoren.

          Dass die in der Vitrine blitzenden Schuhe im Zentrum stehen, hat einen subtilen Grund. „Métro Balard-Charenton“ steht am Beginn des 1977 erschienenen Bandes „Das Ende des Flanierens“, der einen Umbruch in Handkes Schaffen markiert. Wenn sich die Namen der Metrostationen und selbst der Filmtitel auch irgendwie noch als „aufgelesene“ Poesie verstehen ließen, so hat das nichts mit den „Readymade“-Gedichten von Handkes Anfängen aus „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ wie etwa „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg“, „Die japanische Hitparade 25. Mai 1968“ oder „Warner Brothers und Seven Arts zeigen“ zu tun. Hier wird Sprache mit ihren zementierten Verwendungsweisen nicht mehr nur ausgestellt, sondern die Wirklichkeit wird zur Fundgrube eines potentiellen epischen Zusammenhangs. Das vermeintliche Ende des Flanierens – statt des Gehens über die Boulevards und durch die Galerien wird der Betrachter unterirdisch im Waggon geschaukelt – ist weder das Ende des Mythos Paris (an dem die Métro ihren Anteil hat) noch das Ende des Gehens. Es ist für den Autor, dem Gedichte meist nebenbei ,passieren‘, der Anfang des Spazierengehens.

          Von Paris und später von seiner „Niemandsbucht“ Chaville bei Paris aus wird Peter Handke in die nähere und fernere Welt aufbrechen und dabei die Landschaften, die er mitbringt, wie auch die Seine-Metropole in neuem, unerhörtem Licht darstellen. Es ist eine hoffentlich nie endende Geschichte von langem, epischem Atem und gutem Schuhwerk, die in Balard-Charenton ihren Anfang nimmt.

          Peter Handke: „Métro Balard-Charenton“

          Bei Sonnenuntergang stieg ich ein

          an Motte-Piquet-Grenelle

          An Bonne Nouvelle hörte ich auf

          das pariscope zu durchblättern

          An der Station Filles du Calvaire

          war der Flüssigkeitsautomat leer

          An Daumesnil waren in einer Vitrine Schuhe ausgestellt

          Vor der Porte Dorée sah ich noch Licht

          durch einen Schacht kommen

          In Charenton-Ecoles

          – Mündung der Marne in die Seine –

          war es schon Nacht

          Im hellen Westen irgendwo

          spielte Young Mr. Lincoln

          Peter Handke: „Leben ohne Poesie“. Gedichte. Hrsg. und mit einem Nachwort von Ulla Berkéwicz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 237 S., br., 14,– €.

          Von Jan Volker Röhnert ist zuletzt erschienen: „Technische Beschleunigung – ästhetische Verlangsamung?“ Mobile Inszenierung in Literatur, Film, Musik, Alltag und Politik. Herausgegeben von Jan Volker Röhnert. Böhlau Verlag, Köln 2015. 240 S., br., 45,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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