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Frankfurter Anthologie : Paulus Böhmer: „Marie“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Es ist eines der wenigen kurzen Gedichte, die es von Paulus Böhmer gibt. Gleichwohl wirft es eine große Frage auf: Lässt uns das Obszöne womöglich Gott näher sein als alle politisch korrekte Distanzsprache?

          Es ist schwer, etwas Gültiges über jemanden zu sagen, der sein Leben lang an einem einzigen langen Gedicht zu schreiben scheint. Auf dem Druckbild der Mittelachse übersetzt Paulus Böhmer die Rhythmik des Lebens und Liebens, des Vernaschens und Verdauens, des Einatmens und Ausscheidens in einen uferlos mäandernden Strom, wie ihn auf ihre Weise nur wenige Dichter der Moderne hervorbrachten: Walt Whitman mit seinen „Leaves of Grass“, Saint-John Perse mit „Anabase“, Ezra Pound mit den „Cantos“.

          Böhmer selber hat betont, dass ihn weniger Arno Holz’ impressionistisch wuchernder „Phantasus“ als der Furor von Gregory Corsos Beat-Rhapsodie „Bomb“ inspiriert hat. Dem war er als Student bei Walter Höllerer begegnet, und mit Christoph Meckel, Günter Bruno Fuchs und Johannes Bobrowski gehörte er zu jenen legendären „Spiritustrinkern“ des literarischen Vor-68er-Berlin. Doch von Großstadt – Böhmer lebt seit 1973 in Frankfurt am Main – ist keine Rede im vorliegenden Gedicht, einem der wenigen kurzen, die es von ihm gibt.

          Mystik des Frivolen

          „Marie“ kommt von weit her, von sehr weit weg in Raum und Zeit, aus einer lang schon übersehenen Landschaft – es könnte Böhmers oberhessische Kindheitslandschaft sein –, einer (nein, nicht: gottverlassenen) ehemals zeichen- und wundergläubigen Gegend, wo man sich noch Geschichten vom lieben Gott erzählte („Was/denken Farne?/Wie steht der Falke zu Gott?/Was hält das Lamm so still“), sich womöglich noch immer erzählt, wenn die aufgeklärte Welt nicht hinschaut, unter der über beide Ohren gezogenen Steppdecke (hessisch „Kolter“) von der Schönheit der Jungfrau Maria flüstert, munkelt, staunt, schwärmt und stänkert, ja schamlos lästert, dass es am Ende selbst den lieben Gott erbarmt, der doch so manches zu hören bekommt. Gut möglich, dass sich Gott aber auch vor innerlichem Kichern auf die Lippen beißt, hat er doch höchstselbst das schönste Weibsbild seit Eva in die Welt gesetzt (oder etwa nicht?). Nun darf er sich nicht mehr über die Gedanken wundern, die sie nächtlich heraufbeschwört. Das „so nackt wie das Vieh“ geborene Menschenkind hat so wenig, woran es sich sonst erbauen kann.

          Es ist nicht auszuschließen, dass gerade das Obszöne die Chance bietet, Gott näher zu sein als alle politisch korrekten oder ideologisch verbratenen Sprachen des Erdballs, in denen er unsichtbar bleibt. Das Obszöne ist nur die spiegelverkehrte Seite des Heiligen, dessen Sprache jedoch bis auf weiteres vom „offiziellen Kirchenjesus“ (Klaus Kinski) gepachtet ist. In den unüberhörbaren Anklängen an das Kirchenlied, in der litaneiartigen Wiederkehr des Namens „Marie“ bewahrt Paulus Böhmer den Nimbus des Unaussprechlichen, und er verknüpft es mit dem Albern-Profanen („Über dem Pudding“), dem Erhabenen („im abströmenden Sternwind“) und dem Mystischen („im/Nachglühen des Corpus“), um jener so mittelalterlichen wie barocken, uns unendlich ferngerückten Erfahrung der göttlichen Allgegenwart teilhaftig zu sein. In all ihrer Schönheit und Abgründigkeit haben die Dichter und Mystiker sie immer nur zu umschreiben, nie zu beschreiben gewagt.

          Dante brauchte dafür die 99 Gesänge seiner „Commedia“, Böhmer, zuletzt mit dem Robert-Gernhardt- und dem Peter-Huchel-Preis bedacht, schwärmt seit Erscheinen seines großen „Kaddish“ endlos wie das Wasser weiter für den „Sammetbau“ Mariens, die er mit großgeschriebenem gottesfürchtigem Du anredet, keiner weiß, ob aus Andacht oder Frivolität.

          Paulus Böhmer: „Marie“

          Lieg eine Kolter auf,

          die riecht, die riecht nach Marie.

          Ich war so nackt wie das Vieh. Mit Marie.

          Darunter. Darauf.

           

          Über dem Pudding,

          am Abend, verlöscht

          im abströmenden Sternwind, im

          Nachglühen des Corpus, eben noch,

          noch: Marie.

           

          Was

          denken Farne?

          Wie steht der Falke zu Gott?

          Was hält das Lamm so still?

          Marie, oh Marie.

           

          Ach Purple, ach Viola,

          Braunes Hospiz zur Frau:

          War doch eben noch Gast

          in Deinem Sammetbau.

          Paulus Böhmer: „Palais d’Amorph“. Lang-Gedichte. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 1999. 160 S., geb., 18,– €.

          Zuletzt ist von Jan Volker Röhnert erschienen: „Wolkenformeln“. Gedichte. Edition Faust, Frankfurt am Main 2014. 160 S., geb., 16,– .

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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