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Frankfurter Anthologie : Nazim Hikmet: „Ich liebe dich“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., akg

In diesem Gedicht wird nicht die Schönheit der Geliebten gepriesen. Der Liebende vergleicht seine Empfindungen mit Alltagserfahrungen, Istanbul spielt eine wichtige Rolle. Wird es am Schluss gar politisch?

          Zur Liebe gehört der Unsagbarkeitstopos. „Das schönste Wort, das ich dir sagen möchte“, heißt es in einem anderen Gedicht Nazim Hikmets, „ist das noch nicht gesagte.“ Es bleibt der uralte, paradoxe Versuch, die Liebe dennoch in Bilder zu fassen. Nazim Hikmet macht nicht die Schönheit der Geliebten zum Thema, sondern er spricht von sich selbst. In einem Oszillieren zwischen „ich“ und „man“ bindet er die intimste Erfahrung an Szenen, die für alle nachvollziehbar sein sollen. Dem Umfassenden seines Liebens nähert er sich durch Beispiele. Er bedient sich dabei keiner klassisch-romantischen Blumen- oder Lichtmetaphorik; sein Blick geht weder über vielbesungene Frühlingsfluren noch in den Sternenhimmel, sondern zu Momenten des Alltags.

          In sechs Vergleichen öffnet er einen Fächer von Stationen menschlichen Daseins. Sie beginnen mit einem Stück Brot, das in Salz getaucht und gegessen wird. (Diese wunderbare Geste ist kaum ins Deutsche zu übersetzen, weil wir sie nicht kennen. Wir streuen Salz aufs Brot. Zudem beziehen sich die Verben „tauchen“ oder „tunken“ auf Flüssigkeiten. Das norddeutsche „stippen“ käme dem Vorgang nahe, brächte aber eine für ein türkisches Milieu unmögliche Sprachfärbung mit sich.) Das Salz ist die einzige Beigabe zum Brot, Oliven oder gar Käse fehlen. Dieses Brot ist eine Speise der Armen. In der ruhigen Geste liegt eine stille Würde. Es folgt, wie ein Umschlag, der nächtliche Augenblick des Fiebernden, der Linderung sucht durch einen Schluck Wasser aus der Leitung; niemand hat ihm ein Mineralwasser hingestellt, gar einen Tee gekocht. Von diesen elementaren Situationen führen die Verse zum bürgerlichen Alltag. Ein rätselhaftes Paket ist angekommen, man weiß nicht, was drin sein wird, öffnet es also in einer Mischung aus Neugierde, Freude, Zurückhaltung. Das vierte Bild nennt die sehnsuchtsvolle Begeisterung des ersten Mals: mit einem Flugzeug über das Meer fliegen. Von den geographisch indifferenten Räumen „Himmel“ und „Meer“ führen die nächsten Zeilen konkret zur Stadt Istanbul, die sanft in der Dunkelheit versinkt. Das Ich wird nicht berührt von einem Morgenblick auf eine erwachende Welt, sondern von dem allabendlichen Abschied.

          Gottlob, wir leben

          So deckt die Geliebte verschiedene Aspekte seines Menschseins ab: den Dank für das tägliche Brot; die fiebernde Gier, den Durst zu stillen; das neugierige Erforschen; die Sehnsucht, ins Offene aufzubrechen; die Wehmut über eine heimatliche, so oft schon verlorene Stadt. Istanbul, das alte Konstantinopel, war Hauptstadt zweier Weltreiche; dem Byzantinischen Reich folgte das Osmanische Reich, und zur Zeit des Gedichts ist Istanbul die intellektuelle Metropole einer von einer Militärdiktatur beherrschten Türkei. Der die Vergleichsreihe abschließende Ausruf „Ich liebe dich, als wollte ich sagen: ‚Gottlob, wir leben!‘“ bindet an den Anfang zum existentiellen Minimum Brot und Wasser zurück. So münden die Verse in die Absolution der Erleichterung: Wir sind nicht gestorben wie die anderen. Wir sind noch nicht gestorben. Damit aber erhält das Liebesgedicht den dunkleren Anhauch, auch ein politisches Gedicht zu sein.

          Nazim Hikmet, Sohn einer polyglotten aristokratischen Familie Istanbuls, seit früher Jugend bekennender Marxist, hat fünfzehn Jahre in Gefängnissen verbracht, bei Wasser und Brot, zwölf Jahre im Exil gelebt und war lange Zeit mit einem Publikationsverbot belegt. Die meisten seiner Texte konnten in der Türkei erst postum erscheinen. Aber Schreiben war, wie Brot und Wasser, wie Hoffen und Danken, ein Überlebensmittel. Sein Hauptwerk, darunter die legendären Liebesgedichte an seine Frau Piraye, ist in der Gefangenschaft entstanden. Als Nazim Hikmet „Ich liebe Dich wie“ schrieb, war er ein alter, todkranker Mann im Exil, auf Reisen. Das Gedicht richtet sich an seine letzte Frau Vera Tuljakowa, mit der er seit 1959 zusammenlebte. Er starb drei Jahre später mit 62 Jahren in Moskau an Herzversagen.

          Von hierher öffnet sich der Text noch einmal als ein Erinnerungsgedicht. Das Istanbul, das in der Dämmerung versinkt, versinkt in der Dämmerung des erlöschenden Ich, das, mit goetheschem Dankenkönnen begabt („Wie es auch sei, das Leben, es ist gut“), noch einmal zurückblickt. Es zieht das Resümee eines politischen Dichterlebens, das nur möglich war, weil die Empathie – die an Spracherotik gebunden blieb – Gefangenschaft, Exil und die Angst vor dem Tod überwinden konnte.

          Nazim Hikmet: „Ich liebe dich“ / „Seviyorum seni“

          Ich liebe dich, wie man Brot in Salz taucht und isst,

          wie ich den Mund an den Wasserhahn presse, um zu trinken,

          wenn ich nachts im Fieber erwache,

          wie man ein schweres Paket mit unbekanntem Absender

          hastig, freudig erregt und argwöhnisch öffnet,

          so liebe ich dich, als flöge ich zum ersten Mal im Flugzeug

          über das Meer,

          so liebe ich dich, wie das sanft in der Dunkelheit

          versinkende Istanbul,

          das mein Innerstes rührt, so liebe ich dich,

          Als wollte ich sagen: „Gottlob, wir leben!“ So liebe ich dich.

           

          (27. August 1960)

           

          Aus dem Türkischen von Helga Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli

          ***

           

          Seviyorum seni ekmeği tuza banıp yer gibi

          geceleyin ateşler içinde uyanarak

          ağzımı dayayıp musluğa su içer gibi,

          ağır posta paketini neyin nesi belirsiz

          telaşlı, sevinçli, kuşkulu açar gibi

          seviyorum seni denizi uçakla ilk defa geçer gibi

          İstanbul'da yumuşacık kararırken ortalık

          içimde kımıldayan birşeyler gibi

          seviyorum seni „Yaşıyoruz çok şükür!“ der gibi.

           

          (27. Agustos 1960)

          Nazim Hikmet: „Das schönste Meer ist das noch nicht befahrene / En güzel deniz henüz gidilmemis olanidir“. Gedichte deutsch/türkisch. Übersetzt von Helga Dagyeli-Bohne und Yildirim Dagyeli. Dagyeli-Verlag, Berlin 2014. 214 S., geb., 19,90 €.

          Von Angelika Overath wird in Kürze erscheinen: „Der Blinde und der Elephant. Geschichten vom Sehen und Begreifen“. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 240 S., br., 18,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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