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Frankfurter Anthologie : Harald Hartung: „Nachts im Bad“

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Bild: dpa

Selbstvergewisserung im nächtlichen Badezimmer: Aber wer ist der Mann im Spiegel? Verse vom meisterhaften Verdichter alltäglicher Horrorszenarien, der an diesem Sonntag 85 Jahre alt wird.

          Ältere Herrschaften, das ist kein poetisches Geheimnis, müssen nachts gelegentlich raus, wie der Fachausdruck lautet. Man wacht auf, hört das ferne Geräusch der Autobahn und freut sich, noch am Leben zu sein. Die Autobahn steht für Mobilität, für eine bewegliche Gesellschaft, für Wirtschaft und Fortschritt – für all das, was prinzipiell beruhigend, für den Mann aber, der ins Badezimmer schlappt, in diesem Moment dagegen ganz unwichtig ist. Er ist ganz bei sich und hat nur ein Ziel: die Toilette. Er kennt den Weg auswendig, am Schrank vorbei, dem Schirmständer, zweite Tür rechts. Wie kalt die Fliesen sind nach dem warmen Bett! Eigentlich bräuchte er das Licht gar nicht anzuknipsen, es sind nur noch drei Schritte. Aber er ist gut erzogen und tut es trotzdem.

          Und dann der Blick in den Spiegel.

          Bisher konnte er sich Nacht für Nacht darauf verlassen, dass er selber ihn im Spiegel begrüßte, nur (angeblich) seitenverkehrt. Obwohl man unserem Mann nicht nachsagen kann, besonders narzisstisch veranlagt zu sein, will er sich auch in dieser Nacht selber sehen, zur Selbstversicherung. Denn er hat bei Umberto Eco gelesen, dass der Spiegel „registriert, was auf ihn trifft. Er sagt die Wahrheit auf unmenschliche Weise, wie jeder weiß, der vor dem Spiegel alle Illusionen über seine Jugendlichkeit verliert“. Unser Mann zieht eine Grimasse, um die Falten auszubügeln, streckt die Zunge heraus, fährt sich durch die strubbeligen Haare. Bisher hat das immer funktioniert, das Spiegelbild hat treulich wiederholt, was er ihm vorgemacht hat. Heute ist das anders. Heute schaut ihn ein Fremder an, der auf keine seiner kindischen Spielereien reagiert. Geh mir aus dem Weg, sagt er, streng und unerbittlich und mit einer Stimme, die so kalt ist wie die Fliesen, auf denen unser Mann wie angewurzelt steht. Wer bist du, fragt unser Mann beklommen, der vollkommen vergessen hat, warum er in dieser Herrgottsfrühe im Badezimmer in den Spiegel starrt. Hätte er sich jetzt selber im Spiegel sehen können, er wäre zu Tode erschrocken! Harald Hartung, der meisterhafte Dichter und Verdichter solcher alltäglichen Horrorszenarien, Deutschlands gründlichster Leser alter und neuester Poesie und den Lesern dieser Zeitung durch unzählige kritische Beiträge vertraut, kennt natürlich alle einschlägigen Stellen in der Literatur, wo ein Fremder aus dem Spiegel herausschaut, der einen an die eigene Sterblichkeit erinnert. Meistens ist es ein Doppelgänger, häufig der Tod. Von Freuds Theorie der Melancholie, die von Narziss ausgeht, über Lacans Beobachtung an Kindern, die durch den Spiegel ihre Ich-Bildung fördern und zugleich in eine Krise gestürzt werden, von Umberto Eco bis Ralf Konersmann haben Gelehrte die Frage untersucht, wer uns eigentlich anschaut, wenn wir in den Spiegel schauen. Aber am verlässlichsten sind in dieser Frage natürlich die Dichter. Denn nur sie wissen, dass natürlich auch Spiegel irren können.

          Kein Licht!

          Eine Aufzeichnung des rumänisch-französischen Schriftstellers Cioran lautet: „Heute früh, als ich einen Astronomen über Milliarden von Sonnen sprechen hörte, habe ich darauf verzichtet, meine Morgentoilette zu machen: wozu sich überhaupt noch waschen?“ Der Philosoph Hans Blumenberg kommentierte diese Bemerkung mit einer noch kürzeren Version: „Heute morgen beim Blick in den Spiegel: warum sich überhaupt noch waschen?“

          Und was raten wir dem Dichter Harald Hartung, dem Sohn eines Bergmanns aus Herne, der am morgigen Sonntag fünfundachtzig Jahre alt wird? Auf gar keinen Fall Licht machen, wenn er mal wieder raus muss!

          Harald Hartung: „Nachts im Bad“

          Das ferne Autobahngeräusch

          Die Welt ist noch unterwegs

          Wie kalt sind die Fliesen

           

          Der Fremde im Spiegel rät mir

          ihm aus dem Weg zu gehn

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