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Frankfurter Anthologie : Max Dauthendey: „Nacht vor dem Haus“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Der unstete Weltenbürger aus Würzburg erfuhr auf einer Schiffspassage nach Java vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Der Wunsch nach Heimkehr zu seiner Frau erfüllte sich nicht. Dieses Gedicht hat seine Sehnsucht bewahrt.

          Zuletzt nannte er sich einen „Sehnsuchtskranken“, der „Lieder vom innern Auge“ schrieb und hörte, wie die „Sterne über alles“ redeten, „was man sich selbst verschweigen möchte“. Zuletzt, das war auf Java, das zu „Niederländisch-Indien“ gehörte, als Max Dauthendey, der unstete Weltenbürger aus Würzburg, auf einer Schiffspassage von Neu-Guinea nach Soerabaya (Java) vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht wurde. Fortan war ihm für die Dauer des Krieges nur erlaubt, sich im niederländischen Kolonialhoheitsgebiet zu bewegen. Die Heimkehr „ins ferne Europa“ zu seiner Frau, dem „Herzschatz“ seiner Briefe, wurde zum Traum, der sich nicht mehr verwirklichen ließ. Ende August 1918 starb er auf Java.

          Als er das Gedicht „Nacht vor dem Haus“ verfasste, durfte er noch vage auf Frieden und die Möglichkeit der Heimreise hoffen. Die Paarreime dieses Gedichts, in der Endfassung durch abgesetzte Zweizeiler noch eigens hervorgehoben, zeugen von Formwillen und Sinn für kondensierte Stimmungsbilder. Das Du des Gedichts könnte die ferne Geliebte sein, aber es ist das von der Zeit und der Welt verlassene Ich, das sich hier anredet, gleichsam um sich etwas Gesellschaft zu leisten.

          Der Rausch der Nacht

          In der ersten Fassung „rauschte“ die Nacht noch nicht. Die zweite Fassung wirkt im Vergleich geradezu ‚dionysiert’. Aus: „Morgen feierst du wieder begeistert dein Blütenfest“ wurde: „Morgen, da feiert ihr wieder begeistertes Blütenlustfest“. Wer da feiert, das sind nun eindeutig die Anderen; das Ich bleibt allenfalls Zuschauer einer imaginierten Szene, obgleich es das „Rauschhafte“ der Nacht spürt. Die einzigen Gefährten dieses Ichs waren die „Schmetterlinge“. Selbst das ersehnte Licht kann den Leidenden nur noch quälen. Das Ich, ein vom Lebensquell tödlich gekrönter Dichter – diese Anspielung ruft Nietzsches wahnhafte Selbstbeschreibung als „Dionysos, der Gekreuzigte“ wach; sie erinnert aber auch an das Bild vom Dichter, dem der Lorbeerkranz gebührt in Stile Dantes, Petrarcas und Stefan Georges, der übrigens Dauthendey als einen der ganz wenigen, die nicht zu seinem Kreis der Erwählten gehörten, schätzte. Doch dieses Bild erinnert auch an Goethes Tasso, der fürchtet, die Dichterbekränzung könnte unverdient sein und seine Locken sengen.

          Max Dauthendeys Lyrik wurde bereits zu seinen Lebzeiten als dem literarischen Impressionismus zugehörig bezeichnet, eine Klassifizierung, der er nicht widersprach, lag ihm doch an der poetischen Gestaltung ‚eindrücklicher‘ Stimmungen und Szenen. Vor diesem Hintergrund jedoch liest sich die Schlusszeile etwas anders, leicht ironisch sogar: Aus dem Eindrücklichen war das Drückende, Belastende geworden. Die subtilen, ja, zarten Momente, von denen diese Zeilen Zeugnis ablegen, das Streichelnde des Lampenscheins, das Spiel der Schmetterlinge, wenden sich ins Verletzende, den „Verlassenen“ Kränkende. Das Verlassensein, neben dem resigniert leise klagenden „Ach“, das einzige Wort, das sich in diesem Gedicht wiederholt, muss ohne Trost auskommen in dieser „Nacht vor dem Haus“. Dieses Haus schützt nicht mehr; von seinem Inneren ist nicht weiter die Rede. Der „finstere Raum“ hat es ersetzt und in ihm findet sich das Ich ausgesetzt, der Verlassenheit ausgeliefert. Innen und Aussen haben sich ausgetauscht.

          Dornenkrone aus Licht

          Trotz dieses sprachlichen Leidensbildes am Ende wirkt das Gedicht „Nacht vor dem Haus“ stellenweise täuschend ausgeglichen, balanciert geradezu („rauschende Nacht, schlafender Mandelbaum“), doch dabei untergründig verlangend. Dauthendey sprach in einem Brief davon, dass er beständig „das Fest tödlicher Liebessehnsucht“ feiere und das in einer Zeit, die vorgebe emotional „kalt“ und dabei „stark“ sein zu können.

          Der Eindruck entsteht, als habe der Dichter das Feiern der „tödlichen Liebessehnsucht“ vorführen wollen: Der vierfache Paarreim als sprachlicher Vollzug wiederholter Paarung. Der Befund zuletzt ernüchtert: Das imaginierte Passionssymbol kann nur noch belasten. Bestand das Gleichgewicht in der ersten Zeile des Gedichts zwischen zwei Zuständen, so sind es im letzten Vers zwei kurze Hauptsätze, die sich scheinbar die Waage halten; doch nichts wiegt am Ende schwerer als die Dornenkrone aus Licht, auch wenn sie als tödlicher Strahlenkranz in unserer Erinnerung an dieses Gedicht unauslöschlich leuchtet.

          Max Dauthendey: „Nacht vor dem Haus“

          Dort in der rauschenden Nacht, schlafender Mandelbaum,

          Meine Lampe bescheint dich streichelnd im finsteren Raum.

           

          Heute am Tage, da spielten Schmetterlinge bei dir,

          Jetzt in der Nacht da stehst du, ach, so verlassen still hier.

           

          Dir kehrt die Freundin, die Sonne, morgen zurück ins Geäst,

          Morgen, da feiert ihr wieder begeistertes Blütenlustfest.

           

          Doch ach, zu mir Verlassenem kommen die Stunden nur leer,

          Licht ward zur Dornenkrone, täglich drückt sie mich mehr.

          (Garoet, April 1915)

          Max Dauthendey: „Weltspuk“. Gedichte. Europäischer Literaturverlag, Bremen 2015. 76 S., br., 11,90 €.

          Von Rüdiger Görner ist zuletzt erschienen: „Nausikaa oder Die gefrorenen Wellen“. Roman. Sonderzahl Verlag, Wien 2015. 304 S., geb., 22,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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