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Frankfurter Anthologie : Marina Zwetajewa: „An Deutschland“

Bild: Picture-Alliance

Am 1. Dezember vor hundert Jahren schrieb die russische Dichterin Marina Zwetajewa diese poetische Liebeserklärung an Deutschland. Gegen den Hass in ihrer Heimat. Wie kam es zu diesen rührenden Versen?

          Diese rührende poetische Liebeserklärung an Deutschland (Gedichttext im Kasten unten) schrieb die damals 22 Jahre alte russische Dichterin Marina Zwetajewa am 1.Dezember 1914 als Antwort auf den Deutschenhass, der nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihre Landsleute ergriffen hatte. Zwetajewa, deren Vater Iwan Zwetajew das Moskauer Museum für westeuropäische Kunst begründete und deren Mutter eine Pianistin polnisch-deutscher Herkunft war, betrachtete die westliche Hochkultur als ihren Existenzgrund. Als Gymnasiastin hatte sie Frankreich, Deutschland und die Schweiz bereist, sie übersetzte Lyrik aus mehreren europäischen Sprachen. Doch in Deutschland stehe die Wiege ihrer Seele, hielt sie im Tagebuch fest, ihren „Seelenhauptteil“, wie die Russin sich ausdrückte, hielt sie für deutsch.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Marina Zwetajewa fühlte ihre persönliche Treue, die sie Deutschland in lebenslanger Verliebtheit geschworen habe, wie es in der vorletzten Strophe auch im russischen Original exaltiert heißt, durch die politischen Verhältnisse auf die Probe gestellt. Die schrecklichen Nachrichten etwa von der Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Beschuss, von Misshandlungen russischer Kriegsgefangener durch die Deutschen, vom Absturz der einstigen Kulturnation in die chauvinistische Barbarei klangen für sie wie eine hysterisierte Hetzkampagne. Den Philosophen Immanuel Kant sieht sie in der dritten Strophe zeitentrückt als schmalgesichtigen Alten durch Königsberg spazieren, im polemischen Gegensatz zum russlanddeutschen Denker Wladimir Ern (1882 bis 1917), der schon im ersten Kriegsherbst sein Pamphlet „Von Kant zu Krupp“ formulierte, worin er Kants Vernunftkritik und die Kruppsche Waffentechnik zu Manifestationen des gleichen, prinzipiell aggressiven deutschen Geistes erklärte.

          Gelage zu Zeiten der Pest

          Für die junge Frau, die, wie sie oft betonte, spartanisch erzogen war und es ritterlich fand, sich allen anderen entgegenzustellen, war die klassische deutsche Kultur – etwa als Vision des „Geheimrats Goethe“, der im russischen Original deutsch geschrieben wird wie auch das Freiburger „Schwabenthor“ – realer als das aktuelle, nur räumlich ferne Kriegsgeschehen, das sie, wie ihre Dichterfreundin Adelaida Gerzik beobachtete, gar nicht zu bemerken schien.

          Marina Zwetajewa erklärte das damit, dass sie sich in Geographie nicht auskenne. Als erste Zeilen des noch ganz liedhaft romantischen Gedichtes kamen ihr: „Hab ich für Sporenklirrn kein Ohr“ und „Weil Wilhelms Schnurrbart aufwärts zackt“ in den Kopf, nachdem der Hauptstadtname Petersburg zu Petrograd russifiziert, die deutsche Botschaft verwüstet und deutsche Geschäfte zerstört worden waren. Der bis heute in Russland verbreiteten Überzeugung, Deutsche seien spießig, widersprach sie im Tagebuch mit dem Goethe-Zitat: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ Der historischen Flutwelle, mit der das Ende der alten Welt anfängt, hält die Dichterin, die bald mittellos in Berlin, Prag und Paris leben wird, donquijotesk die vertikale Dimension des Geistigen entgegen. Ob das wohl von Blindheit zeuge, fragte sie sich in ihren Notizen und gab sich die Antwort: nein, von Sehkraft.

          An eine Veröffentlichung der Verse war natürlich nicht zu denken. Doch sie trug sie während des Krieges mehrfach vor, mit weniger Erfolg in Moskau, mit umso größerem dafür in Russlands zweiter, europäischer Hauptstadt. Die Petrograder Lesung mit Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow, Sergej Jessenin, Michail Kusmin, die bei Eis und Schnee den Beginn des letzten vorrevolutionären Jahres 1916 feierten, sei sogar zu einem regelrechten „Gelage zu Zeiten der Pest“ geraten, erinnerte sich Zwetajewa zwanzig Jahre später. Allerdings ganz ohne Wein und Rosen, allein durch Ausschweifungen des schattenhaften Dichterwortes, wobei die allgegenwärtigen Vokabeln „Front“ und „Rasputin“ nicht einmal vorkamen.

          An Deutschland

          Germanien, alle Völker hassen
          Dich jetzt und hetzen gegen dich.
          Ich aber will dich nie verlassen.
          Verraten gar – wie könnte ich?

           

          Nie war dies meine Überzeugung,
          Dies: Aug’ um Auge, Zahn um Zahn,
          Germanien, meine tiefste Neigung,
          Germanien, ach, mein edler Wahn!

           

          Ich halte nicht zu deinen Schergen,
          mein arg gehetztes Vaterland,
          Wo immer noch der Königsberger
          Spaziert: der schmalgesicht'ge Kant,

           

          Und Goethe wandelt durch Alleen
          – sein Städtchen ist kaum mehr bekannt –
          Er sinnt, lässt seinen Faust entstehen,
          Hält den Spazierstock in der Hand.

           

          Wie könnte ich mich von dir wenden,
          Germanien, mein lichter Stern,
          Denn meine Liebe nicht verschwenden,
          halb Lieben hab ich nicht gelernt!

           

          Erfüllt von deinen ew’gen Liedern,
          Hab ich für Sporenklirrn kein Ohr,
          Mein Heil'ger sticht den Drachen nieder
          In Freiburg an dem Schwabenthor.

           

          Nie werde ich von Hass erbeben,
          Weil Wilhelms Schnurrbart aufwärts zackt.
          Verliebt in dich, solang ich lebe,
          Schwör ich dir ew’gen Treuepakt.

           

          Nein, weiser, magischer und tiefer
          Ist keins, du reich beschenktes Land,
          Wo Loreley von hohem Schiefer
          Die Schiffer schlägt in ihren Bann.

           

          1. Dezember 1914

          Aus dem Russischen übertragen von Gert Hans Wengel.

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