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Frankfurter Anthologie : Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“

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Bild: FAZ.NET

Dieses Gedicht, eine Art irischer „Erlkönig“, hat Goethe aus einem englischen Roman übersetzt. Bemerkenswert, welch ungewohnten Ton er hier anschlägt.

          Weltliteratur – Goethe hat dieses Stichwort geprägt – bedeutet keineswegs nur Höhenkammliteratur. In seiner bis ins hohe Alter beeindruckend aktiven Neugierde und Entdeckerfreude hat Goethe immer wieder Texte aus ganz unterschiedlichen Kulturen ins Deutsche übersetzt und dabei durchaus auch zeitgenössische Literatur im Auge gehabt. Im Oktober 1817 war es der englische Roman „Glenarvon“ von Lady Caroline Lamb (1785 bis 1828), anonym erschienen, der ihn indes nur bedingt fesseln konnte: Das umfangreiche Buch sei, so schrieb er in den Tages- und Jahresheften, „an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen“.

          Die Autorin war seit 1805 die Ehefrau des Viscount Melbourne, eines späteren Premierministers, sie galt als ebenso talentiert wie leidenschaftlich; 1812/13 hatte sie eine Affäre mit Lord Byron gehabt, für den sich Goethe in dieser Zeit zunehmend interessierte. Der Roman, eigentlich gegen Byron gerichtet, sollte „über manches Liebesabenteuer“ desselben Aufschluss geben, so Goethe in seinem Kommentar. Gleichwohl hat er schon zwei Wochen nach der Romanlektüre den „Klaggesang. Irisch“ daraus übersetzt, dessen irische Atmosphäre durch die Szenerie, aber auch durch Einsprengsel der Volkssprache suggeriert wird. Während die Unglück anzeigenden Vögel in der zweiten Strophe geblieben sind, hat Goethe die Ortsangaben des Originals zu „Uferkreis“ und „Waldesecke, Saatenland“ verallgemeinert.

          Eine Art Urgestein der Totenklage

          Mit sicherer Hand hat Goethe ein Gedicht gewählt, das im Spiegel einer spezifischen Kultur und Sprache ein allgemein menschliches Schicksal thematisiert. Im Mittelpunkt steht die Klage eines Chores – als „Jammer-Nachbarn“ in der vorletzten Strophe angesprochen – um einen Toten; das Kind der Herrschaft ist gestorben. Es ist eine ebenso schlichte wie anrührende Welt, die in den vierzeiligen Strophen aufgebaut wird: eine düstere Natur, Fragen voll Unverständnis, warum der Junge sterben musste, und die Einfühlung in die trauernde Mutter. Aus dem etwas blassen „face of joy“ wurde mutig das „Frohgesicht“. Die menschliche Teilnahme ist sehr viel erheblicher als die gesellschaftliche Seite dieses Verlustes – sie kommt im letzten Vers zum Ausdruck.

          Vor allem aber ist es Goethes höchst ungewöhnliche Einlassung auf den irisch-keltischen Naturton, die diese Übersetzung zu einem wertvollen wie bemerkenswerten Dokument macht. Der „Pillalu“ ist ihm zum Titel- und Leitwort dieser kleinen Arbeit geworden, die dann von seinem Freund Zelter in Musik gesetzt wurde. In der Verbindung lyrisch-dramatischer Elemente, in der direkten Rede, mit einer erzählten Handlung rückt das Gedicht in die Nähe der nordischen Balladen – und das in einer Zeit, in der sich Goethe erst intensiv mit der arabisch-persischen Lyrik befasst hatte; der „Divan“ erschien 1819. Hier aber liegt mit der Klage um das tote Kind ein elementares Geschehen vor, das an den „Erlkönig“ denken lässt, der seinerzeit einer dänischen Vorlage gefolgt war. Selten aber hat sich Goethe auf die Archaik einer Volkssprache so eingelassen wie hier mit dem düster rollenden Refrain, einer Art Urgestein der Totenklage, das in seiner Unübersetzbarkeit wieder etwas allgemein Menschliches, Völkerverständigendes gewinnt.

          Im Januar 1819 schickte Carl Friedrich Zelter seine Vertonung des Liedes, mit der Erläuterung: „Es ist eigentlich ein Totenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und Alt in Unisono gesungen.“ Zusammen mit neugriechischen und böhmischen Volksliedern publizierte Goethe seine Übersetzung 1823 im vierten Band von „Kunst und Altertum“.

          Und Lady Caroline Lamb? Ihre Ehe mit Melbourne wurde erst 1825 offiziell geschieden, doch wenig später, im Alter von 42 Jahren, fand die Autorin, von Alkohol und Drogen zerstört, ein frühes Ende.

          Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“

          So singet laut den Pillalu
          Zu mancher Träne Sorg’ und Noth:
          Och orro orro ollalu,
          O weh des Herren Kind ist tod!

          Zu Morgen, als es tagen wollt’,
          Die Eule kam vorbei geschwingt,
          Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
          Ihr nun die Totensänge singt:
          Och orro orro ollalu.

          Und sterben du? warum, warum
          Verlassen deiner Eltern Lieb’?
          Verwandten Stammes weiten Kreis?
          Den Schrei des Volkes hörst du nicht:
          Och orro orro ollalu.

          Und scheiden soll die Mutter, wie,
          Von ihrem Liebchen schön und süß?
          Warst du nicht ihres Herzens Herz,
          Der Puls der ihm das Leben gab?
          Och orro orro ollalu.

          Den Knaben läßt sie weg von sich,
          Der bleibt und wes’t für sich allein,
          Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr,
          Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.
          Och orro orro ollalu.

          Da sehet hin an Berg und Steg,
          Den Uferkreis am reinen See,
          Von Waldesecke, Saatenland,
          Bis nah heran zu Schloß und Wall.
          Och orro orro ollalu.

          Die Jammer-Nachbarn dringen her
          Mit hohlem Blick und Atem schwer;
          Sie halten an und schlängeln fort
          Und singen Tod im Totenwort:
          Och orro orro ollalu.

          So singet laut den Pillalu
          Und weinet was ihr weinen wollt!
          Och orro orro ollalu,
          Des Herren einziger Sohn ist fort.
           

          Johann Wolfgang Goethe: „Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen“. Hrsg. von Hans-Georg Dewitz. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. 1599 S., geb., 102,– €.

          Von Mathias Mayer ist zuletzt erschienen: „Franz Kafkas Litotes. Logik und Rhetorik der doppelten Verneinung“. Wilhelm Fink Verlag, München 2015. 155 S., br., 19,90 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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