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Frankfurter Anthologie : Karl Wolfskehl: „Der Abgesang“

  • -Aktualisiert am

Bild: INTERFOTO / Archiv Friedrich /

Bis nach Neuseeland musste der deutsche Jude Karl Wolfskehl vor den Nationalsozialisten flüchten. In diesem Gedicht verarbeitet er seinen Schmerz.

          Karl Wolfskehls Gedicht ist der zweite und letzte Teil eines kleinen Zyklus mit dem Titel „An die Deutschen“. Entstanden war er zwischen 1933 und 1947. Wolfskehl hatte am Tag nach dem Reichstagsbrand, also Ende Februar 1933, vierundsechzigjährig Deutschland verlassen und war über Italien 1938 schließlich nach Neuseeland ausgewandert - so weit weg von diesem törichten, verführten, verirrten Deutschland wie nur möglich. Begleitet hatte ihn zu den Antipoden Margot Ruben (1908-1980), Sekretärin zunächst und dann Lebensgefährtin, die ihm das Dasein auf dem fernen Kontinent im kleinen Kreise befreundeter deutscher Emigranten und neuseeländischer Intellektueller lebbar machte.

          Ich bin ihr später noch in Marbach begegnet; Wolfskehl war am 30. Juni 1948 in Auckland gestorben. Der Verkauf seiner großen Bibliothek an den Verleger Salman Schocken hatte ihm ein Auskommen durch eine kleine Rente gesichert. Schocken hatte er 1940 als Begleitgut zu den Büchern eine Gedichtnotiz geschenkt: „Ewig ist Juda! Aus hebräischem Herzen Deutsch gedichtet.“ Denn Wolfskehl war nie konvertiert und hatte seinen jüdischen Glauben stets als Teil seiner Persönlichkeit gesehen: Er war deutscher Jude.

          Der letzte Deutsche

          Dass es dergleichen nicht geben sollte, ja durfte, war die Basis der brutalen und geistlosen Ideologie des Nationalsozialismus, dessen Marschtritt und Gebrüll nun über die Deutschen herrschte. Und es ist zugleich das Thema des „Abgesangs“, mit dem Wolfskehl seinen Gedichtzyklus „An die Deutschen“ beschließt. Der aber trug das Motto von Stefan George: „Die Weltzeit die wir kennen schuf der Geist“. Was aus dem Lande der Deutschen geworden war ohne ihn, den Geist, das schildert der „Abgesang“ (Gedichttext im Kasten unten). Die Wege hatten sich getrennt - Wolfskehl schrieb die ersten Verse des Gedichts bereits zu Beginn seiner Flucht in Florenz. Es ist ein Weg ins Dunkel, vom hellen „Weltentempelhaus“ biblischer Metaphorik in das dröhnende Dunkel der „Gottesnacht“ jenes Teut, jener Deutschen also, die ihr Heil nun im Blutkult des Nordisch-Germanischen suchen, über den sich sachlich nichts mehr erklären, erhellen, verstehen lässt: „Wüsstest du was drinnen kreist!“

          So ist denn Wolfskehl durchdrungen „von dem Rufe: auf und fort!“ Er hatte sich die weiteste und längste Strecke dafür gewählt: und „ich folge, und ich weine“ - die kleine Inselnation Neuseeland im Südpazifik empfing ihn zwar freundlich, aber sie machte ihm dann doch von Tag zu Tag gleichzeitig seine Einsamkeit schmerzlicher bewusst, ihm, der 1869 in Darmstadt geboren, in das kulturelle Leben seiner hessischen Heimat verflochten gewesen war und in der engen Bindung an George und seinen Kreis auch selbst deutscher Literatur angehörte. Dagegen war nun in der Tat dieses Neuseeland „des Erdballs letztes Inselriff“. Aber wohin, wenn jene Sphäre, der er zugehörte, nun vom Eis der Kulturlosigkeit und Brutalität überzogen und gelähmt war?

          Da gab ihm die Besinnung auf die eigene jüdische Tradition die Kraft zum Selbstbewusstsein, zum Stolz und zur Stärke, sich zu behaupten und sich dem Ausgesetztsein nicht zu unterwerfen. Wolfskehl, eine Art Robinson des Geistes, vereinte sich hier auf dem fernen Kontinent mit den „Altvätern“, „harrnd, dass Hagadol erscheine“. Eine mythische Gestalt ist aus dem hebräischen Adjektiv „gadol“, dem „großen“ Sabbat, in Wolfskehls kreativer Phantasie entstanden. Sie belebt zugleich das Bild des deutschen „Meisters“, der entschieden fordert: „Überdaure! Bleib am Steuer!“ Und in der Sprache Stefan Georges wandelt dieser „Abgesang“ das Ausharren und Widerstand-Leisten zum Verkünden von Heilung und Botschaft, verheisst in Georgescher Sprache „Kür und Sende“. Daraus aber erwächst nun auch für Karl Wolfskehl dort auf der Insel im Südpazifik das Bild des Landes, dem er sich zugehörig fühlt und aus dem er nie ausgewandert ist: dort unten auf dem vierzigsten Grad südlicher Breite: „Wo du bist, ist Deutscher Geist!“

          Karl Wolfskehl: „Der Abgesang“

          Dein Weg ist nicht mehr der meine,

          Teut, dir schwant, erkoren seist

          Du am Nordgrat, nicht am Rheine,

          Lug sei, was dich Andern eine,

          Lug das Lamm in Kreuzespeine,

          Blut sei Same, Gift der Geist.

          Borgst dir Zeichen, Zucht und Richter,

          Löschest aus die eignen Lichter,

          Fährst vom Weltentempelhaus

          Deiner Kaiser, deiner Dichter

          Brüllend, Teut, ins Dunkel aus:

          Wüsstest du was drinnen kreist!

          Nacht hat auch zu mir gesprochen,

          Gottesnacht, schwer dröhnt das Wort:

          Losgebrochen! Losgebrochen!

          Alle meine Pulse pochen

          Von dem Rufe: auf und fort!

          Und ich folge, und ich weine

          Weine, weil das Herz verwaist,

          Weil ein Tausendjahr vereist.

          Aber ob zum Morgenscheine

          Wieder lenkt umwölktes Wort,

          Wo ich mich Altvätern eine,

          Harrnd, dass Hagadol erscheine -

          Ob der Ruf mich fernhin reisst:

          Kür verheisst und Sende weist.

          Weit aus heilig weissem Feuer

          Reckt die Hand und heischt der Meister:

          Überdaure! Bleib am Steuer!

          Selige See lacht, Land ergleisst!

          Wo du bist, du Immertreuer,

          Wo du bist, du Freier, Freister,

          Du der wahrt und wagt und preist -

          Wo du bist, ist Deutscher Geist!

          Karl Wolfskehl: „Späte Dichtungen“. Hrsg. von Friedrich Voit. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 180 S., geb., 19,- €.

          Von Gerhard Schulz ist zuletzt erschienen: „Novalis. Leben und Werk Friederich von Hardenbergs“. C. H. Beck Verlag, München 2011. 304 S., geb., 24,95 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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