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Frankfurter Anthologie : Karl Marx: „Menschenleben“

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Bild: F.A.Z., dpa

Als Student pflegte der spätere Revolutionär eine rege lyrische Produktion. Viel ist darin von Liebe die Rede. In seinen besseren Gedichten dominiert ein Gefühl existentieller Verlorenheit. So auch in diesem.

          Als der Abiturient Karl Marx als Siebzehnjähriger an die Universität nach Bonn aufbrach, wollte er kein Jurist werden, wie es sich sein Vater gewünscht hätte, und auch noch nicht Philosoph und Revolutionär. Vielmehr wollte er ein Dichter sein und belegte, neben juristischen Kollegs, Vorlesungen beim alten August Wilhelm Schlegel, der gut dreißig Jahre zuvor mit seinem Bruder Friedrich zu den Vordenkern der deutschen Romantik gezählt hatte.

          Die lyrische Produktivität des jungen Marx war enorm. Obwohl manches Manuskript später verlorenging, haben die erhalten gebliebenen Gedichte, die er in seinen ersten zwei Studentenjahren schrieb – samt einem Dramen- und einem Romanfragment – einen Umfang von über vierhundert Druckseiten. Der größte Teil davon ist seiner in Trier wartenden Freundin und späteren Frau Jenny von Westphalen gewidmet. Die Liebe war, wie bei so vielen jugendlichen Dichterinnen und Dichtern aller Epochen, auch bei Marx die wichtigste Triebkraft seiner lyrischen Bemühungen. Seine Anleihen bei den Lieblingsthemen und -tönen der Romantik sind unübersehbar: In seinen Gedichten werden der Mondschein und der Liebestod besungen, die Zaubermacht der Träume und der Nächte gerühmt sowie dunkle, unerfüllte Sehnsüchte beschworen: „Mich umwogt ein ewig Drängen, / ew’ges Brausen, ew’ge Gluth.“ Da reimt sich Herz ganz ungebrochen noch auf Schmerz, da treten märchenhafte Landschaftsgeister und Blumenkönige, Elfen und Nixen auf, und Wahnsinnige, Verzweifelnde oder Zerrissene beklagen strophenreich ihr Leid.

          Poesie ist ein Luxus, den sich jedermann leisten kann

          Mit anderen Worten: Der später so originelle Denker Marx war als Dichter hochgradig epigonal. Er blieb ganz und gar befangen in den abgenutzten literarischen Moden seiner Epoche, von denen sich zur gleichen Zeit in Darmstadt der nur vier Jahre ältere, aber bereits wegen revolutionärer Umtriebe gesuchte Georg Büchner so souverän befreite.

          Dennoch fehlt es dem jungen Poeten Marx nicht an Selbstbewusstsein. Im Gegenteil: In den Gedichten, in denen er nicht von seiner Liebe zu Jenny spricht, zeigt seine Lyrik einen auffälligen Hang zu größtmöglichen Bildern, zu buchstäblich kosmischen Dimensionen. Es geht bei ihm regelmäßig um Gott und Teufel, um höchsten Sinn und tiefste Not, um erste und letzte Fragen. Etliche Zeilen sind metrisch holprig und bleiben inhaltlich unklar, doch in den besten dieser Gedichte klingt eine bemerkenswerte existentielle Verlorenheit an. So zieht Marx unter dem sehr grundsätzlichen Titel „Menschenleben.“ eine betont finstere Daseinsbilanz.

          Auch hier gibt es nebulöse Stellen („Tod ist das Leben / Ein ewiger Tod“), und es bleibt ungewiss, was mit „Ewiges Breuen“ gemeint sein könnte. Aber rhythmisch sind die sieben Strophen konsequent durchgearbeitet: Fasst man die lakonisch knappen Verse in Paare zusammen, deuten die ersten Zeilen jeweils einen Aufschwung an, auf den die Folgezeile mit einem Abschwung antwortet. So ergibt sich ein monotones Schwingen, das die Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeit des hier bedichteten „Menschenlebens“ unterstreicht. Nirgendwo zeigt sich die Andeutung einer möglichen Entwicklung, eines Sinns oder gar einer religiösen Geborgenheit, stattdessen schwelgt das Gedicht im Pathos einer bitteren Illusionslosigkeit.

          Es wäre gewagt, wollte man von der größtenteils missratenen Lyrik eines Nachwuchsdichters umstandslos auf dessen psychische Verfassung oder dessen Weltbild schließen. Doch die Sorge über die Flüchtigkeit einer Existenz, der jeder metaphysische Zufluchtsort fehlt, spricht nicht nur aus „Menschenleben.“, sondern auch aus einigen anderen seiner Gedichte, so dass man darin wohl mehr sehen darf als nur eine Tageslaune. In jedem davon wird das Fehlen einer umfassenden Ordnung im Dasein wie selbstverständlich vorausgesetzt und zugleich als eine radikale Verunsicherung beklagt. Das Bedürfnis des jungen Marx, dem „Menschenleben“ wieder ein tragfähiges Fundament zu verschaffen, ist offensichtlich – und bezeichnend im Hinblick auf seine späteren lebenslangen Anstrengungen, eine neue umfassende, lückenlos alle Epochen und Lebensbereiche umfassende Weltdeutung zu formulieren.

          Karl Marx Menschenleben Stürmisch entfliehet Der Augenblick; Was er entziehet, Kehrt nicht zurück. Tod ist das Leben Ein ewiger Tod; Menschenbestreben Beherrscht die Noth; Und er verhallet In Nichts dahin; Und es verschallet Sein Thun und Glühn. Geister verhöhnen Ihm seine That; Stürmisches Sehnen, Und dunkler Pfad; Ewiges Reuen Nach eitler Lust; Ewiges Breuen In tiefer Brust; Gierig Bestreben Und elend Ziel Das ist sein Leben, Der Lüfte Spiel. Groß es zu wähnen Doch niemals groß, Selbst sich zu höhnen, Das ist sein Loos.

          Karl Marx

          Quelle: F.A.Z.

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