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Veröffentlicht: 01.07.2017, 08:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Joseph von Eichendorff: „Das zerbrochene Ringlein“

Das Manuskript dieses Gedichts soll aus dem Fenster geweht worden und am nächsten Tag von einem fahrenden Maultrommelhändler wiedergebracht worden sein. Aber auch aus anderen Gründen wird man es schwer wieder los.

von Norbert Hummelt
© F.A.Z., IMAGNO Thomas Huber liest „Das zerbrochene Ringlein“ von Joseph von Eichendorff

Es gibt nicht viele Gedichte, denen man zutraut, dass sie nie ganz vergessen werden können – dieses ist eines davon. Irgendeinen wird es immer geben, dem diese Verse, mit der kreisenden Insistenz des darin beschriebenen Mühlrads, im Kopf herumgehen; so wie meiner Mutter, die das Lied beim Bügeln gesungen haben soll, worauf meine Großmutter sie gebeten habe, mit diesem Singen aufzuhören, weil es zu traurig sei. Ob sich das wirklich bei Fliegeralarm zutrug, wie ich es einmal in einem Gedicht behauptet habe, sei dahingestellt – neue Mythen aber hat Eichendorffs Lied vom zerbrochenen Ringlein von jeher produziert, schon bevor es überhaupt gedruckt war.

Justinus Kerner, in dessen Taschenbuch ‚Deutscher Dichterwald‘ es 1813 erstmals erschien, berichtete nach Eichendorffs Tod, wie ihm das verspätet abgegebene Manuskript von einem Windstoß aus dem Fenster geweht worden und erst am nächsten Tag von einem fahrenden Tiroler Maultrommelhändler wiedergebracht worden sein – als Einwickelpapier, in dem sich ein Ring befunden habe, heil und unzersprungen. Eine Anekdote, komplizierter fast als das Gedicht selbst, typisch für die romantische Vorliebe für seltsame Überlieferungslegenden.

Grundbuch des Liebesverlusts

Die Geschichte beginnt jedenfalls in Heidelberg, einige Jahre, bevor das Gedicht entstand. Die schlesischen Brüder Eichendorff, die zuvor in Halle studiert hatten, dessen Universität nach Napoleons Sieg bei Jena geschlossen worden war, setzten dort ihr Jurastudium fort, hatten aber vor allem Mädchen und Poesie im Kopf und da traf es sich, dass Clemens Brentano und Achim von Arnim just in Heidelberg einige hundert alte deutsche Volkslieder zu einer Sammlung arrangierten, die dann unter dem Namen „Des Knaben Wunderhorn“ berühmt wurde. Im „Wunderhorn“ fand die jüngste Romantikergeneration einen neuen, innigen und unakademischen Ton, den sich in der Folgezeit niemand so vollendet zu eigen machte wie der Baron Joseph von Eichendorff. Zwei Lieder aus dem Wunderhorn, „Da droben auf jenem Berge“ und „Ich hört’ ein Sichlein rauschen“, standen für sein Gedicht vom Ringlein erkennbar Pate. Die Sache mit dem Mädchen kam hinzu; Katharina Förster soll sie geheißen haben und in einer Mühle im heutigen Heidelberger Stadtteil Rohrbach ein und aus gegangen sein, bis sie eines Tages verschwand, aus welchem kühlen Grund auch immer.

Dass es für die Poesie ganz gleichgültig ist, wer von wem verlassen wurde, zeigt bereits Eichendorffs eigener Umgang mit diesem Gedicht. In seinem Debütroman „Ahnung und Gegenwart“ legt er es einem fremden Mädchen in den Mund, das vom Protagonisten, dem Grafen Friedrich, belauscht wird, natürlich am Bach bei einer alten Mühle sitzend, wie es von einer untreuen Liebsten singt. „Diese Worte, so aus tiefster Seele herausgesungen, kamen Friedrich in dem Munde eines Mädchens sehr seltsam vor“ – eines der Rätsel, die der 1815 erschienene Roman ungelöst lässt. Bereits ein Jahr zuvor war der Text von Friedrich Glück vertont worden und ging seither als Lied herum, ohne dass man sich darum scherte, von wem das eigentlich sei: Die Poesie gehört allen und sie spricht das Leid eines jeden aus, einer jeden natürlich auch – meine Mutter wird sich, damals beim Bügeln, das Ihrige dazu gedacht haben.

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Womit die Frage nicht beantwortet ist, wie es den fünf Strophen zu vier kreuzgereimten Zeilen, die sich dreihebig und in gewollt einförmigem, steigendem Takt immer abwechselnd sieben und sechs Silben gönnen, eigentlich gelingt, ein ganzes Grundbuch des Liebesverlustes darzustellen. Es mag daran liegen, dass sie harmloser tun, als sie sind. Dem Verschwinden der Liebsten folgt ja ein Davonlaufen des Verlassenen, das in der Welt nicht mehr zu einem Ende kommt. Ein Dritter, wie man ihn bei einem Treubruch annehmen sollte, wird nicht genannt, das Geschehen objektiviert sich am Dingsymbol des zerbrochenen Rings, das an eine jener Uhren denken lässt, die stehenbleiben, wenn einer gestorben ist. Die in der Trauer verborgene Aggression wendet sich fortan gegen den Sprecher selbst. Der Spielmann, der von Haus zu Haus geht, ist nur die heitere Maske seiner Ruhelosigkeit; die Flucht vor dem übermächtigen Gefühl bis in den Krieg dreht das Rad weiter; die letzte Strophe aber ist nichts anderes als der Wunsch nach Auslöschung, wobei die Passion von der Vermissten auf den Klangfetisch des Mühlrads verschoben ist, die treibende innere Uhr, die abzustellen nur der Tod vermag.

Beim heute polnischen Lubowice, wo die Ruinen des Schlosses stehen, auf dem Eichendorff aufwuchs, gibt es übrigens noch eine Mühle, die mit der in Rohrbach um die Ehre streitet, der wahre Ort des Liebesdramas gewesen zu sein; dort wird sogar eine blonde Puppe aufgeboten, um die Stelle der Liebsten zu vertreten, die doch ausdrücklich als verschwunden gemeldet ist. So folkloristisch lässt sich das Gedicht nicht abtun. Der Opernsänger Franz Porten, dessen auf Hartwachs festgehaltene Interpretation von 1905 man im Internet hören kann, kam in seinem Vortrag nur bis zur dritten Strophe, vielleicht, weil ihm, wie meiner Großmutter, der Schluss zu traurig war. Es mag ein Lied von gestern sein, aber es bleibt gültiger Ausdruck einer tiefen Verletzlichkeit, über die hinaus zu sein wir uns als Menschen gar nicht wünschen können.

Joseph von Eichendorff: „Das zerbrochene Ringlein“

In einem kühlen Grunde

Da geht ein Mühlenrad,

Mein’ Liebste ist verschwunden,

Die dort gewohnet hat.

 

Sie hat mir Treu’ versprochen,

Gab mir ein’n Ring dabei,

Sie hat die Treu’ gebrochen,

Mein Ringlein sprang entzwei.

 

Ich möcht’ als Spielmann reisen

Weit in die Welt hinaus

Und singen meine Weisen

Und gehn von Haus zu Haus.

 

Ich möcht’ als Reiter fliegen

Wohl in die blut’ge Schlacht,

Um stille Feuer liegen

Im Feld bei dunkler Nacht.

 

Hör’ ich das Mühlrad gehen:

Ich weiß nicht, was ich will –

Ich möcht’ am liebsten sterben,

Da wär’s auf einmal still!

Glosse

Barfuß über das ganze Dach

Von Andreas Rossmann

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Mehr 4

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