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Veröffentlicht: 13.02.2015, 17:28 Uhr

Frankfurter Anthologie John Ashbery: „Spätes Echo“

John Ashbery wird gerne als Dichter des Vagen bezeichnet. Über seine eigene Lyrik spricht er nicht. Doch in diesem Gedicht liefert er eine wunderbare Generaldefinition der zeitgenössischen Poesie.

von Joachim Sartorius
© F.A.Z., Picture-Alliance Thomas Huber liest „Spätes Echo“ von John Ashbery

John Ashbery, der 87 Jahre alte Doyen der nordamerikanischen Lyrik, hat knapp dreißig Lyrikbände veröffentlicht. In den weit mehr als dreitausend Sekundärtexten zu diesem Werk wird er meist als Dichter des Vagen und Unbestimmten, als obskurer ,language poet‘ oder als Meister der offenen Form, des Auslassens und des unvorhersehbaren Inhalts umkreist. Ashbery selbst hat zu dieser Mystifikation beigetragen. Nach dem Sinn seiner Poesie befragt, greift er häufig auf Barnett Newmans Lieblingsspruch zurück: „Birds don’t make good ornithologists“ - Vögel geben keine guten Ornithologen ab. Aber bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass dieser, um im Bild zu bleiben, ziemlich seltene Vogel Ashbery seine Poetik sehr klar und deutlich in seinen Gedichten versteckt hat. Das Gedicht „Spätes Echo“ (Gedichttext im Kasten unten), erschienen in dem Band „Wie wir wissen“ (As we know, 1979), ist ein Paradebeispiel hierfür.

Die Eingangszeile skizziert den romantischen Dichter: einsam, verrückt, visionär. Die „Lieblingsblume“ ist eine Anspielung auf die blaue Blume des Novalis. Ashbery liebte es, auf nächtlichen Gelagen in New York Zeilen von Trakl oder Heine - „Du bist wie eine Blume“ - auf Deutsch zu zitieren. Der romantische Dichter weiß, dass im Grunde schon alles gesagt und beschrieben ist. Doch korrigiert Ashbery sogleich diese resignative Eröffnung und unterläuft, fintenreich, wie er ist, unsere Erwartung. Gerade das Wiederholen der gleichen Dinge in der gleichen Weise ist die Aufgabe des Dichters, „der allmählichen eigenen Veränderung willen“. Dieses ,Wiederholen der gleichen Dinge‘ artet nicht in Gleichförmigkeit, in ermüdende Häufigkeit aus. Im Gegenteil, will uns Ashbery sagen, es bedeutet vor allem: zurückholen, im Gedächtnis wiederherstellen, also auch: rekonstruieren, nachahmen, nachschaffen. Das alles sind Tätigkeiten des Künstlers par excellence. Und um uns so richtig zu überzeugen, dass Wiederholungsarbeit Grundaufgabe des Dichters ist, führt er in der zweiten Strophe einige konkrete Beispiele an: Wir müssen, wie Jean-Henri Fabre, die Bienenstöcke immer von neuem betrachten, auch die Ameisen, vor allem die Farbe des Tages im Wechsel der Jahreszeiten, bis sie sich im gravitätisch-lebendigen Tanzschritt der Sarabande sammelt. Sören Kierkegaard hat zum Verhältnis von Wiederholung und Erinnerung Folgendes notiert: „Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleidungsstück, das, so schön es ist, doch nicht passt, weil man aus ihm herausgewachsen ist. Die Wiederholung ist ein unverwüstliches Kleid, das fest und schmiegsam anliegt, weder drückt noch lose hängt.“ Ashbery gibt sich in seinem Gedicht als Adept Kierkegaards. Er bricht eine Lanze für die Wiederholung. Dann nämlich, im Weiterschreiben, in den immer gleichen Übungen des Weitermachens, ordnet sich die „Unachtsamkeit unserer Leben“, und wir verändern uns unmerklich, können zu etwas vorstoßen, das uns bisher verborgen war und das uns versöhnlich stimmt.

Rekombination des Vorhandenen

Nun wäre Ashbery nicht Ashbery, wenn er uns in der letzten Strophe, besonders ihrer Schlusszeile, nicht doch noch ein Rätsel aufgäbe. Ein fliegender Wechsel: von der konkreten Betrachtung der Welt zu einem Gebiet mehr oder minder abstrakter Metaphern, vom vertraut Anmutenden zu einem nicht ganz greifbaren Inhalt, auch wenn uns das beunruhigend Ungefähre jener „langen hellbraunen luxuriösen Schatten, die so tief in unsere unvorbereitete Kenntnis unserer selbst hineinsprechen“, fast schon wie eine Brücke zum Wunderbaren und Singenden vorkommt. Aber was genau sind „die Sprechmaschinen unseres Tages“? Im Original: „the talking engines of our day.“ Ist es eine bloße Reminiszenz an die von Ashbery als Kind bewunderte Comic-Figur ,Thomas the Tank Engine‘? Ist es die Poesie selbst? Oder sind es jene Quasselmaschinen, die uns Tag und Nacht umgeben?

Ashbery hat immer wieder gesagt, dass für ihn die Chancen der heutigen Poesie angesichts einer sich durch Überfülle auszeichnenden Welt in den Möglichkeiten der Rekombination des bereits Vorhandenen liegen. So wie die Postmoderne die Formen und Sprechweisen des Vergangenen weiterführt, also die gleichen Sprachfiguren nutzt und Tradition als Repräsentation anerkennt, so führt - für Ashbery - Wiederholung zu einer Vergegenwärtigung des Vergangenen. Sie spricht in uns hinein wie ein Echo. Aber kann es, wie der Titel des Gedichts suggeriert, ein „spätes Echo“ geben? Ist es nur das Vergnügen Ashberys an einem weiteren Oxymoron? Ein Echo ist ja immer zeitversetzt, kann also gar nicht ,spät‘ kommen. Aber wenn wir uns innewerden, dass heutiges lyrisches Sprechen durch Jahrtausende vorangegangener Lyrik gegangen ist, dann ist „Spätes Echo“ eine wunderbare Generaldefinition der zeitgenössischen Poesie.

John Ashbery: „Spätes Echo“

Allein mit unserer Verrücktheit und Lieblingsblume

wissen wir, dass nichts wirklich bleibt, über das man noch schreiben könnte.

Oder vielmehr ist es nötig, über die gleichen alten Dinge zu schreiben,

in der gleichen Weise, die gleichen Dinge immer wiederholend,

des Weitermachens und der allmählichen eigenen Veränderung willen.

 

Bienenstöcke und Ameisen müssen ständig von neuem betrachtet werden

und die Farbe des Tages, Hunderte von Malen

eingebracht und wechselnd vom Sommer zum Winter,

an ihr, sich auf den Schritt einer echten Sarabande

zu verlangsamen und dort zu sammeln, lebendig und beruhigt.

 

Nur dann kann die chronische Unachtsamkeit

unserer Leben sich in Falten um uns hängen, versöhnlich

und mit einem Auge auf jene langen hellbraunen luxuriösen Schatten,

die so tief in unsere unvorbereitete Kenntnis unserer selbst

hineinsprechen, die Sprechmaschinen unseres Tages.

 

Aus dem Amerikanischen von Joachim Sartorius

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