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Veröffentlicht: 12.06.2015, 17:10 Uhr

Frankfurter Anthologie Johann Wolfgang Goethe: „Todeslied eines Gefangenen“

Dieses Gedicht hat Goethe nur einmal drucken lassen. Dass er sich hier mit Tod und Kannibalismus beschäftigt, ist untypisch für ihn. So kann man den Dichter in seiner ganzen Freiheit bestaunen.

von Mathias Mayer
© Picture-Alliance, F.A.Z. Thomas Huber liest „Todeslied eines Gefangenen“ von Johann Wolfgang Goethe

Dass man unter den Übersetzungen Goethes Texte aus dem Griechischen oder Italienischen findet, etwa von Pindar oder Manzoni, wundert nicht. Bei genauerem Studium stößt man indessen auf zwei Gedichte, die durch den Untertitel „Brasilianisch“ schon auf sich aufmerksam machen. Aber während das eine als „Liebeslied eines Wilden“ von der Thematik her unaufgeregter ist, fesselt und irritiert der zweite Text durch das gänzlich ungoethisch scheinende Thema: Ein „Todeslied“ hat Goethe sonst nicht geschrieben, und der Kannibalismus vollends, den der Gefangene erwartet und den er selbst praktiziert hat, fällt aus dem Rahmen der Goetheschen Welt heraus.

Das Gedicht war 1782 in dem nur in handschriftlichen Exemplaren verbreiteten „Tiefurter Journal“ veröffentlicht worden, aber Goethe hat es nie wieder drucken lassen. Erst 1871 wurden die beiden Gedichte der Öffentlichkeit vorgestellt. Da Goethe selbst das „Liebeslied“ später bearbeitete und 1826 in seiner Zeitschrift „Kunst und Altertum“ publizierte, wobei er in der Handschrift und im Tagebuch auf Montaigne verwies, konnte die Herkunft geklärt werden: Goethe hatte auf die deutsche Übersetzung von Montaignes „Essais“ zurückgegriffen, die 1753/54 erschienen war. Johann Daniel Tietz hatte im 30. Essay des 1. Bandes, der „Von den Cannibalen“ handelt, folgende Passage gebracht: „Ich habe einen Gesang, welchen ein Gefangener verfertigt hat, in welchem diese Stelle vorkömmt. ,Sie sollten nur alle kühnlich kommen, und sich versammeln um von ihm zu schmausen. Sie würden zugleich auch ihre Väter und Großväter mitfressen, die seinem Leibe zur Nahrung und Speise gedient hätten. Diese Muskeln, sagt er dieses Fleisch, und diese Adern, sind von euch, ihr Narren. Ihr wißt nicht daß das beste von eurer Vorfahren Gliedern noch darinnen ist. Kostet sie nur recht: ihr werdet euer eigen Fleisch schmecken.‘“

Verbot des Fleischverzehrs

Montaigne beruft sich auf einen Augenzeugen, der zehn bis zwölf Jahre in der Neuen Welt verbracht hat. Goethe macht daraus in den vierhebigen Trochäen das Gedicht eines Kämpfers, der sich durch die Aussicht auf den sicheren Tod nicht entmutigen lässt. Montaigne hat beeindruckt davon erzählt, dass kein Gefangener je sich, um das Leben zu sichern, für überwunden erklären wollte. Goethe zeigt den bewegenden Moment, durch den „der Wilde“ als nicht mehr fremd erscheint: Gefangen, aber nicht überwunden, behält er seine eigene Würde - und ist den Gegnern überlegen, indem er ihre Tat als Teil eines Kreislaufs beschreibt, durch den sie sich nicht nur ihn, den (gefangenen) Feind, sondern mit ihm auch die eigenen Väter und Ahnen einverleiben.

Er selbst hat diese grausige Kette des Essens und Gegessenwerdens mit vollzogen - und doch weiß das Gedicht jede Überheblichkeit gegenüber den „Barbaren“, von denen in der Quelle die Rede ist, zu meiden. Goethe hat in jenen Jahren an seiner Botschaft einer versöhnlichen Humanität, an seinem Iphigenie-Drama, geschrieben. Und in der Vorgeschichte des Atridengeschlechts war er auf die grausame Szene gestoßen, in der Atreus dem verhassten Bruder dessen eigene Kinder zum Mahl vorsetzt. Oder dachte er womöglich an den Schluss seines Lieblingsbuches, der ovidischen Metamorphosen, wo Pythagoras die Lehre vom unaufhörlichen Wandel aller Dinge mit dem Verbot des Fleischverzehrs verknüpft, um nicht im Tier versehentlich die Umgestaltung eines Verwandten zu sich zu nehmen?

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Das wissen wir natürlich nicht, aber beobachten kann man doch diese höchst erstaunliche Freiheit, mit der Goethe Grenzen der Ästhetik ebenso wie solche der Kultur überschreitet. Brasilianisches (eher wohl Portugiesisches) spiegelt sich im Griechischen, Übersetzungen finden in unterschiedliche Richtungen statt, und das große Wort von der jetzt angebrochenen Epoche der „Weltliteratur“, von Eckermann 1827 protokolliert - hat es nicht in diesem heiklen Zeugnis eine erstaunliche Wurzel?

Johann Wolfgang Goethe: „Todeslied eines Gefangenen“

Kommt nur kühnlich kommt nur alle

Und versammelt euch zum Schmause,

Denn ihr werdet mich mit dräuen,

Mich mit Hoffnung nimmer beugen.

Seht hier bin ich, bin gefangen,

Aber noch nicht überwunden.

Kommt verzehret meine Glieder

Und verzehrt zugleich mit ihnen

Eure Ahnherrn eure Väter,

Die zur Speise mir geworden.

Dieses Fleisch das ich euch reiche,

Ist, ihr Toren, euer eignes

Und in meinen innern Knochen

Stickt das Mark von euren Ahnherrn,

Kommt nur kommt mit jedem Bisse

Kann sie euer Gaumen schmecken.

 

Nach dem Brasilianischen von Johann Wolfgang Goethe.

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