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Veröffentlicht: 21.04.2017, 17:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Johann Wolfgang Goethe: „Talismane“

Gegenüber dem Orient sah Goethe sich als Reisender und Handelsmann. In diesem „Divan“-Gedicht scheint er Islam und Christentum in einer Praxis des Atmens verbinden zu wollen.

von Dirk von Petersdorff
© Picture-Alliance, F.A.Z. Thomas Huber liest „Talismane“ von Johann Wolfgang Goethe

Die „Talismane“ sind Teil des „West-östlichen Divan“, jener großen Gedichtsammlung, in der Goethe als „Reisender“, wie er sich selbst charakterisiert, in den Osten aufbrach, um ihn kennenzulernen und gleichzeitig seinen Lesern bekanntzumachen. Dieser Osten ist weitgefasst, aber den Kern bilden die islamisch-arabische Welt mit dem Propheten Mohammed, den schon der junge Goethe bedichtete („Mahomets Gesang“), und dem Dichter Hafis, dessen „Diwan“-Sammlung Goethe den ersten Anstoß gab. Dabei ist Goethe bewusst, dass er im kulturellen Orient ein „Fremdling“ bleibt, der nicht nur an seinem „Accent“, sondern auch an seiner „Unbiegsamkeit“ zu erkennen ist.

Eine der Herausforderungen für den interkulturellen „Handelsmann“, denn auch als solchen bezeichnet sich Goethe, besteht im Umgang mit den Wahrheitsansprüchen der monotheistischen Religionen des Islams und des Christentums. Über mögliche Konflikte zwischen den Religionen wurde seit der Aufklärung wieder vermehrt nachgedacht, und im deutschen Kulturraum war in Lessings Drama „Nathan der Weise“ die Frage prominent gestellt worden: Von den Religionen „kann doch eine nur die wahre sein“, hatte der Sultan Saladin erklärt, und Nathan musste darauf eine Antwort finden. In diesem Horizont steht auch Goethes „Divan“.

Ein Leben im Rhythmus des göttlichen Atems

Das Gedicht „Talismane“ hat fünf voneinander abgetrennte Strophen, die jeweils einen solchen Talisman darstellen, also einen Zauberspruch oder geweihten Gegenstand. Die Verse haben damit Gebrauchscharakter: Man kann sie sich aufsagen und von ihnen heilsame Wirkung erwarten. „Gottes ist der Orient!/Gottes ist der Occident!“: Das ist die Übersetzung eines Koran-Verses (Sure 2, 142), und indem Goethe nicht „Allah“ sagt, sondern „Gott“, öffnet er diese Aussage auch für seine christlichen Leser. So entsteht ein Talisman, der für Angehörige beider Kulturen brauchbar sein soll. Eine weitere Hoffnung, die mitschwingt, ist die auf Frieden. Denn als Goethe 1814 mit der Arbeit am „Divan“ begann, herrschte in Europa seit vielen Jahren Krieg, der durch Napoleons Ägyptenfeldzug auch in den Orient hineingetragen worden war. Die Aussage „Ruht im Frieden seiner Hände“ nimmt damit einen Zustand vorweg, der eintreten soll.

Besonders reizvoll ist der letzte Talisman, der von einem der elementarsten körperlichen Vorgänge, dem Atmen, handelt. Die Atmung nehmen wir in der Regel gar nicht wahr, aber das Gedicht macht sie wahrnehmbar, und zwar durch den Rhythmus: Während in den vorhergehenden Strophen betonte und unbetonte Silben gleichmäßig wechseln, gibt es hier doppelte Senkungen. Damit wird die Bewegung des Atmens rhythmisch mitvollzogen, denn das Ausatmen dauert länger als das Einatmen, und dieses längere Ausatmen bilden die Daktylen ab. Goethe verbindet die Erfahrung des Atmens auch mit dem Lebenslauf des Menschen. Die Doppelbewegung des Einziehens und Entladens entspricht bedrängenden und erfrischenden Erfahrungen, und anschließend wird gesagt, dass der gesamte Lebenslauf im Rhythmus eines sozusagen göttlichen Atems stattfindet: Der Mensch wird zusammengepresst, erfährt also Leid oder eine besondere Intensität, um anschließend aus dieser Konzentration auch wieder entlassen zu werden.

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Es wird Leser dieser Verse geben, die einer solchen natürlichen Religion nicht folgen wollen, weil sie das Atmen einfach nur biologisch betrachten und dabei nicht an Gott und Gnaden denken. Es wird andere Leser geben, die in ihren Yoga- oder Meditationskursen ähnliche Erfahrungen machen und diese vielleicht nur ein wenig anders formulieren würden. Und es gibt Leser wie Navid Kermani, einen der gegenwärtig wichtigsten Vermittler zwischen Orient und Okzident, der über diese Verse gesagt hat: „Ich kenne kein Gedicht, auch kein orientalisches Gedicht, das leichter Hand das Wesentliche des Islam so prägnant, poetisch elegant und zugleich vieldeutig erfasst wie Goethes ‚Talismane‘.“ Darüber wiederum hätte Goethe sich mit Sicherheit gefreut.

Johann Wolfgang Goethe: „Talismane“

Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Occident!

Nord- und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände.

 

Er der einzige Gerechte

Will für jedermann das Rechte.

Sey, von seinen hundert Namen,

Dieser hochgelobet! Amen.

 

Mich verwirren will das Irren;

Doch du weißt mich zu entwirren.

Wenn ich handle, wenn ich dichte,

Gieb du meinem Weg die Richte.

 

Ob ich Ird’sches denk’ und sinne

Das gereicht zu höherem Gewinne.

Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben

Dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.

 

Im Atemholen sind zweyerley Gnaden:

Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich preßt,

Und dank’ ihm, wenn er dich wieder entläßt.

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