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Veröffentlicht: 12.05.2017, 17:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Johann Wolfgang Goethe: „Hegire“

Liest man dieses Orient-Gedicht, kann man nur die verloren gegangene Spielfreude in der Behandlung des Themas bedauern. Dabei konnte Goethe selbst noch etwas von der persischen Ironie lernen.

von Dirk von Petersdorff
© Picture-Alliance, F.A.Z. Thomas Huber liest „Hegire“ von Johann Wolfgang Goethe

Wer würde heute so unbeschwert-heiter über eine Begegnung von Ost und West sprechen, und wer würde so frei mit Bildern der islamischen Kultur umgehen? Mehr als der Abstand von zweihundert Jahren ist es diese verlorene Spielfreude, die das Gedicht von der Gegenwart trennt. Dabei war Goethe natürlich nicht naiv. Auch er wusste, dass es keinen „reinen Osten“ gab, wo man den Ursprung der Menschheit findet, wo laut gesungene Lieder Räuber vertreiben oder wo in Bädern und Schenken Gedichte gelesen werden, während schöne Frauen den Schleier lüften. Aber er konnte mit Ironie Material aus der existierenden Welt nehmen, um damit eine bessere andere Welt zu gestalten, und er konnte über ernste Fragen scherzhaft sprechen, so wie er es von den Dichtern des Orient gelernt hatte: „Ich habe mich gleich in Gesellschaft der persischen Dichter begeben, ihren Scherz und Ernst nachgebildet.“

Das Gedicht „Hegire“ eröffnet den „West-östlichen Divan“, jene große Gedichtsammlung, in der Goethe zwei Kulturen miteinander sprechen lässt. „Hégire“ ist der französische Begriff für „Hidschra“, für die Flucht oder Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622, mit der die islamische Zeitrechnung beginnt. Auch im Gedicht flüchtet jemand, nämlich aus dem Europa der Napoleonischen Kriege und des Untergangs der alten Staatenordnung, wo „Throne bersten, Reiche zittern“, und das Ziel seiner Gedankenreise ist der Orient. Zu diesem weit gefassten Orient gehören die Patriarchen des Alten Testaments ebenso wie die sagenhafte Gestalt des Chiser (al-Chidr), der aus der Lebensquelle getrunken hat. Wichtig ist der persische Dichter Hafis (vierzehntes Jahrhundert), denn während der Lektüre seines „Diwan“ zündeten Goethes erste Ideen für die eigene Sammlung. Weiterhin gehören Beduinen und Basare dazu, und schließlich die Paradiesfrauen, von denen der Koran sagt, dass sie „auf grünen Polstern und schönen Teppichen“ die verklärten Männer erwarten (Sure 55,76).

Dichterworte vor des Paradieses Pforte

Der so entworfene Osten erscheint als Gegenwelt zur europäischen Moderne. Denn er ist noch nicht vom Zwang zur Reflexivität bestimmt, den Goethe so gut kannte: „Glaube weit, eng der Gedanke“, heißt es daher. Dieser anfängliche Glaube trennt auch noch nicht das Irdische vom Göttlichen. Das Gedicht strotzt geradezu vor Sinnlichkeit: Die Patriarchenluft wird gekostet, es wird geliebt, getrunken und gesungen, die Menschen sind in Bewegung, erfreuen sich an Waren, „Schawl, Caffee und Moschus“, ebenso wie am Sternenhimmel. Das scheinbar Hohe und das scheinbar Niedere gehören noch zusammen, und deshalb ist der Weg von den Bädern und Schenken zur Pforte des Paradieses auch nur ein paar Verse lang.

Das ist alles andere als blasphemisch gemeint. Vielmehr geht es gegen Fehlentwicklungen, in denen sich die „Himmelslehr“ immer weiter von den „Erdesprachen“ entfernt hat. Diese Trennung von Diesseits und Jenseits erschien Goethe im Christentum weiter fortgetrieben als im Islam, an den er daher anknüpfte. „Hegire“ war für ihn selbstverständlich ein religiöses Gedicht. Am Ende steht „ew’ges Leben“, und auch wenn es sich um die ewige Haltbarkeit von Dichterworten handelt, so zielt die Dichtung doch auf ein Erfassen und Verstehen des Ganzen, so tröstet sie, wie es Hafis mit seinen Liedern vorgemacht hat, und so erfindet sie Welten, in die man sich aus den Bedrängnissen der Realität flüchten kann.

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Anders als in üblicher religiöser Rede wird dies alles spielerisch-scherzend entfaltet. Hier herrscht nicht der Ernst der Verkündigung, sondern werden die letzten Fragen nur angespielt. An die Pforte des Paradieses kann man eben nur leise klopfen – „knockin‘ on heaven’s door“. Von diesem Schwebezustand wird gesprochen, aber er wird auch fühlbar gemacht, in der Schwerelosigkeit der Reime und Rhythmen. Die Klangqualität der Divan-Gedichte ist immer wieder bemerkt worden. Sie seien, stellte Heinrich Heine fest, „so leicht, so glücklich, so hingehaucht, so ätherisch, daß man sich wundert, wie dergleichen in deutscher Sprache möglich war.“

„Hegire“ schrieb Goethe übrigens am 24. Dezember 1814. Für ihn war das eine Art, Weihnachten zu feiern.

Johann Wolfgang Goethe: „Hegire“

Nord und West und Süd zersplittern,

Throne bersten, Reiche zittern,

Flüchte du, im reinen Osten

Patriarchenluft zu kosten,

Unter Lieben, Trinken, Singen,

Soll dich Chisers Quell verjüngen.

 

Dort, im Reinen und im Rechten,

Will ich menschlichen Geschlechten

In des Ursprungs Tiefe dringen,

Wo sie noch von Gott empfingen

Himmelslehr’ in Erdesprachen,

Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

 

Wo sie Väter hoch verehrten,

Jeden fremden Dienst verwehrten;

Will mich freun der Jugendschranke:

Glaube weit, eng der Gedanke,

Wie das Wort so wichtig dort war,

Weil es ein gesprochen Wort war.

 

Will mich unter Hirten mischen,

An Oasen mich erfrischen,

Wenn mit Caravanen wandle,

Schawl, Caffee und Moschus handle.

Jeden Pfad will ich betreten

Von der Wüste zu den Städten.

 

Bösen Felsweg auf und nieder

Trösten Hafis deine Lieder,

Wenn der Führer mit Entzücken,

Von des Maulthiers hohem Rücken,

Singt, die Sterne zu erwecken,

Und die Räuber zu erschrecken.

 

Will in Bädern und in Schenken

Heil’ger Hafis dein gedenken,

Wenn den Schleyer Liebchen lüftet,

Schüttlend Ambralocken düftet.

Ja des Dichters Liebeflüstern

Mache selbst die Huris lüstern.

 

Wolltet ihr ihm dies beneiden,

Oder etwa gar verleiden;

Wisset nur, daß Dichterworte

Um des Paradieses Pforte

Immer leise klopfend schweben,

Sich erbittend ew’ges Leben.

Glosse

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Von Kerstin Holm

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