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Veröffentlicht: 19.05.2017, 16:37 Uhr

Frankfurter Anthologie Jane Hirshfield: „Am fünften Tag“

Dieses Gedicht wurde eigens für den öffentlichen Vortrag beim March for Science geschrieben. Herausgekommen ist die perfekte Verschmelzung von Naturliebe und politischer Aufklärung, voller Aktualität.

von Ruth Klüger
© Getty, F.A.Z. Thomas Huber liest „Am fünften Tag“ von Jane Hirshfield

In der „New York Times“ vom 23. April 2017 kann man nachlesen, wie die Verfasserin des vorliegenden Gedichts, eine angesehene Essayistin und Autorin von acht Gedichtbänden, sich anheischig machte, beim „March for Science“ in Washington – einem Teil des weltweiten Protests gegen die Missachtung und Einschränkung wissenschaftlicher Forschung – auch der Dichtung einen Platz einzuräumen. Verantwortliche Teilnahme schien das Gebot der Stunde. Eigens für den öffentlichen Vortrag im Freien schrieb sie das Gedicht „Am fünften Tag“ und rief Gleichgesinnte auf, ihr zu folgen. Mit Erfolg. Gedichte zur Sache wurden beim Aufmarsch deklamiert und gehört.

Hirshfields Einsatz ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Dichterin sich selbst als introvertiert und apolitisch bezeichnet und bekannt ist für ihre Naturgedichte und ihr Einfühlungsvermögen in die Nuancen der Gefühlswelt. Kein Geringerer als der Nobelpreisträger Czeslaw Milosz lobte ihre Lyrik für das Licht, das sie auf die buddhistische Tugend der Innerlichkeit („mindfulness“) werfe. Doch die Gefahr, dass die amerikanische Regierung Maßnahmen im Schilde führt, die den wissenschaftlichen Fortschritt hemmen würden, hat eben nicht nur Akademiker und Computerfreaks auf die Beine gebracht, sondern auch Humanisten und mit ihnen die Poeten.

Tatsachen sind Tatsachen

„Am fünften Tag“ ist eine perfekte Verschmelzung von Naturliebe und politischer Aufklärung in einer Kundgebung, wo der Schlachtruf „Science not silence“ zum Kampfwort wurde und auf dem öffentlichen Kampfplatz des Protestmarsches auch zu hören war. Die Warnung ist klar: Wenn die Wissenschaft und mit ihr die Tatsachen schweigen müssen, dann sind wir alle ärmer und die Gottesschöpfung des fünften Tages verstummt. Denn der Titel des Gedichts bezieht sich natürlich auf das erste Kapitel des ersten Buchs des Alten Testaments: Am fünften Tag schuf Gott alles, was im Wasser lebt und in der Luft fliegt, also auch die fliegenden Insekten, die uns sympathisch sind, wie die im Gedicht erwähnten Bienen. Die Landtiere und die beiden Menschen kamen erst am nächsten Tag und im nächsten Vers.

So traurig der erste Teil des Gedichts anmutet, so rege ist im zweiten Teil der Widerstand gegen Unterdrückung. Niedergeschlagenheit verwandelt sich, wird zurückgenommen, und das Gedicht zeigt uns, dass die Sprache, im weitesten Sinn, gar nicht ausgeschaltet werden kann. Die Natur siegt, die Flüsse fließen und rauschen weiter, der Wind weht, die Blüten sind unaufhaltsam auf ihrem Weg, Früchte zu werden. Tatsachen bleiben Tatsachen über alles Schweigen hinaus. Und dann, plötzlich, sind auch die Menschen da, Menschen aus allen Schichten und den verschiedensten Berufen, die sich zum Protest versammelt haben, die sich nicht mundtot machen lassen und durch ihr Sprechen die Stille widerlegen. Sie alle verdammen direkt und indirekt das von den Machthabern beabsichtigte Schweigen, das über die Forschung verhängt werden soll.

Und damit behauptet sich eben auch die Naturdichterin und rechtfertigt die Einmischung ihrer Kunst in die Politik. Die Stille, sagt die Buddhistin, hat ihre eigene Sprache. Unsere Aufgabe ist zweierlei: Sprecht und hört zu!

Jane Hirshfield: „Am fünften Tag“ / „On the Fifth Day“

Am fünften Tag

verbot man den Wissenschaftlern,

die die Flüsse studierten,

über Flüsse zu sprechen

oder zu forschen.

 

Die Wissenschaftler, die die Luft erforschten

durften nicht mehr über die Luft sprechen,

und die, welche den Landwirten halfen,

wurden mundtot gemacht,

ebenso die, die für die Bienen da waren.

 

Jemand tief aus den Badlands, der Verwitterungslandschaft,

verbreitete Tatsachen.

 

Den Tatsachen verbot man zu sprechen

und verbannte sie.

Die Tatsachen waren überrascht und schwiegen.

 

Jetzt waren es nur noch die Flüsse,

die über Flüsse sprachen,

und nur noch der Wind, der über Bienen sprach.

 

Während die pausenlosen tatsächlichen Blüten der Fruchtbäume

sich weiterhin in Richtung Frucht bewegten.

 

Die Stille sprach laut über Stille,

und die Flüsse sprachen weiterhin

über Flüsse, Felsen und Luft.

 

An die Schwere gebunden, ohne Ohren und Zungen,

sprachen die nicht mehr erforschten Flüsse auch weiterhin.

 

Autobusfahrer, Regalauffüller,

Programmierer, Mechaniker, Buchhalter,

Laboranten, Cellisten hörten nicht auf zu sprechen.

 

Sie alle sprachen, am fünften Tag,

über die Stille.

 

Aus dem Amerikanischen von Ruth Klüger

 

***

 

On the fifth day

the scientists who studied the rivers

were forbidden to speak

or to study the rivers.

 

The scientists who studied the air

were told not to speak of the air,

and the ones who worked for the farmers

were silenced,

and the ones who worked for the bees.

 

Someone from deep in the Badlands,

began posting facts.

 

The facts were told not to speak

and were taken away.

The facts, surprised to be taken, were silent.

 

Now it was only the rivers

that spoke of rivers,

and only the wind that spoke of bees,

 

while the unpausing factual buds of the fruit trees

continued to move toward their fruit.

 

The silence spoke loudly of silence,

and the rivers kept speaking,

of rivers, of  boulders and air.

 

Bound to gravity, earless and tongueless

the untested rivers kept speaking.

 

Bus drivers, shelf stockers,

code writers, machinists, accountants,

lab techs, cellists kept speaking.

 

They spoke, the fifth day,

of silence.

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