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Veröffentlicht: 02.09.2016, 19:45 Uhr

Frankfurter Anthologie Jan Skácel: „Ohne Titel“

Die Lyrik verdankt ihre Anziehungskraft nicht nur der Identifikation mit dem lyrischen Ich, auch ihre gültigen Erkenntnisse überdauern die Zeit. Dieses Gedicht enthält eine Theorie des Mordens.

von Jochen Jung
© Isolde Ohlbaum/laif, F.A.Z. Thomas Huber liest „Ohne Titel“ von Jan Skácel

Es ist ja gar nicht so, dass niemand mehr Gedichte lesen will, wenn auch die Klagen der Verleger über die Unlust zur Lyrik, die ihnen schon im Buchhandel entgegenkommt, nicht unberechtigt sind. Das Davonrauschen vormals hochgeschätzter Autoren ist ebenfalls kaum zu überhören: Hölty, Däubler, Lehmann, um nur ein paar zu nennen, sie alle waren zu Zeiten - wessen Zeiten auch immer - gelesen und geliebt, während ihre Namen heute außerhalb von Germanistik-Seminaren kaum noch zu hören sind.

Noch schwieriger steht es um Lyriker fremder Sprachen, um die sich - auch das ,zu Zeiten‘ - Männer wie Enzensberger oder Sartorius in unser aller Namen gekümmert haben. Einer jener aufmerksamen Vermittler war und ist Felix Phillipp Ingold, und einer jener Autoren, die er übersetzt hat, war der große tschechische Dichter Jan Skácel (1922 bis 1989), dessen vom Autor nicht mehr ganz zu Ende konzipierter Gedichtband „Und nochmals die Liebe“ sieben Jahre nach dem Tod des Autors im deutschsprachigen Raum mit Euphorie begrüßt wurde.

Sie meinen nicht uns, denn sie hassen sich selbst

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in seinem Sterbejahr den der mitteleuropäischen Literatur gewidmeten Preis von Vilenica in der überaus eindrucksvollen dortigen Höhle überreicht bekam. Eine Zigarettenlänge davor standen die Raucher vor dem Höhleneingang beieinander, darunter auch der Preisträger, dem man seine Lungenkrankheit nur allzu deutlich ansah. Ob er denn nicht das Rauchen aufgeben wolle, war meine überflüssige Frage, und als Antwort hustete er, zog Lippen und Brauen hoch, schaute mich an und schwieg.

Diese lakonische, ja angesichts des nahen Todes geradezu laokoonische Reaktion entsprach ganz und gar der Haltung, die seine Lyrik so überzeugend macht und die auch in diesem titellosen Gedicht zu spüren ist.

Es versteht sich, woran dessen heutige Leser spontan denken (müssen). Lyrik bekommt ja ihre Anziehungskraft nicht zuletzt von der Erlaubnis, das sogenannte lyrische Ich durch das eigene zu ersetzen. So wird aus der Liebsten des Dichters die meine, sein Sterbenmüssen ist auch meins, und seine Erkenntnisse, wenn sie - wie hier - grundsätzlich sind, darf ich zur Bestärkung der Erkenntnis, ungeachtet anderer historischer Umgebung, in meine Gegenwart übertragen. Dass Literatur nicht nur vergessen, sondern auch bewahrt wird, liegt ja nicht zuletzt daran, dass das, wovon sie spricht, nach Art der Menschen ist und also damals wie heute gültig. Gerade Sprache und Form, die immer die Zeichen des Damals tragen, vermitteln im Heute die Unmittelbarkeit.

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Die erste der beiden ungereimten kleinen Strophen setzt mit einem Anruf an den ein, den man als den Verantwortlichen für alles grausige Verhalten ansehen kann, dem der Autor aber nicht Vorwürfe machen will, sondern dem er, vielleicht gar mit der Güte des Begreifbarmachens, erklärt, was Gott selber doch wohl wissen sollte: nämlich, wie es zu den schrecklichen, durch nichts zu rechtfertigenden Untaten kommen konnte: Die Angst, die diese Menschen verbreiten, kommt aus ihnen selbst und ist auch so nicht zu löschen, im Gegenteil. Skácels Blick liegt, scheinbar nüchtern psychologisierend, nur auf den Mördern, und er sagt: Nicht wir sind von ihnen gemeint, sondern sie selbst.

Wobei nicht zu übersehen ist, wie aus der auch sie nicht verschonenden Angst der ersten Strophe die erlittene Bangnis der zweiten wird. Eine politische Erklärung will das nicht sein, aber vielleicht ein Ausgangspunkt für ein Begreifen.

Jan Skácel: „Ohne Titel“

Denen hat keiner o Gott

ein Leid angetan

sie rächen sich grausam

für ihre eigene Angst

 

und sie morden

wie’s gerade kommt

das Herz voller

Bangnis.

 

Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold.

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