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Frankfurter Anthologie : „Jahrmarkt“ von Charles Simic

  • -Aktualisiert am

Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Er hat die Gabe, fast jedes herkömmliche Ding so zu beschreiben, dass darin das Wunderbare sichtbar wird. Charles Simic mit seinem Gedicht „Jahrmarkt“ in der Frankfurter Anthologie.

          Wo befinden wir uns hier? Der Überschrift nach auf einem „Jahrmarkt“ – aber auf was für einem! Nicht nur, dass es auf diesem Rummel einen sechsbeinigen Hund gibt, nein, es macht offenbar auch nichts, wenn man ihn versäumt hat. So jedenfalls tröstet das „lyrische Ich“ geradezu kumpelhaft den Leser. Das ist, durchaus im Wortsinn, merkwürdig. Der Rest des Jahrmarktgeschehens erscheint dagegen geradezu banal: Jemand wirft ein Stöckchen, der Hund apportiert, es gibt ein betrunkenes Liebespaar, das sich über die ganze Sache „totlacht“. Aber wer ist der geheimnisvolle „Wärter“, der hier den Stock wirft?

          Und noch einmal: Wo befinden wir uns eigentlich, wenn zwar der Titel von einem „Jahrmarkt“ spricht, aber kurz darauf vermeldet wird, dass es eigentlich „zu kalt und zu dunkel/für einen richtigen Jahrmarkt ist?“ Nun, wir befinden uns in der verfremdeten Welt des großen amerikanischen Dichters Charles Simic, der nicht nur die Gabe hat, fast jedes herkömmliche Ding und jede alltägliche Situation auf eine Weise zu beschreiben, dass darin das Wunderbare sichtbar wird, sondern auch ganz eigene, einzigartig traumhafte Elemente in die Wirklichkeit einzubauen vermag. Mit anderen Worten: Wir befinden uns im Herzen seiner Dichtkunst, deren Arbeit, wie er es selbst formuliert hat, darin besteht, „durch die Sprache Wege zu finden, auf das hinzuweisen, was nicht in Worte gefasst werden kann“. So gesehen ist eine Zeile wie „Man gewöhnte sich schnell daran“ auch als latente Kritik zu lesen: He, wieso eigentlich gewöhnt man sich an alles so verdammt schnell? Wieso akzeptieren wir alles? Wieso stumpfen wir ab?

          Etwas erschaffen, das noch nicht existiert

          Simic, 1938 in Belgrad geboren und 1954 in die Vereinigten Staaten gekommen, wo er in englischer Sprache zu schreiben begann, hat von seinen Anfängen an mit dem Surrealismus geliebäugelt. Scharfsinnige Traumlogik kennzeichnet auch sein Gedicht „Jahrmarkt“. Im Zusammenspiel mit seiner sehr speziellen, beiläufig-saloppen Idiomatik, die Enzensberger sehr treffend im Deutschen nachempfindet, gelingt es ihm in diesem Gedicht tatsächlich am Rande der Möglichkeiten von Sprache zu operieren. Indem er das eigentlich Unmögliche schafft und dem Leser den gegenwärtigen Augenblick wie durch eine zeitliche Dehnung über mehrere Strophen des nur sechzehn Zeilen langen Gedichts bewusst macht, jenen „langen“ Moment, den Sprache, eingesperrt in die zeitliche Ordnung des Satzes, eigentlich gar nicht wiedergeben kann.

          So muss man vielleicht auch nicht weiter fragen, wofür der erwähnte Wunderhund denn steht, ob er überhaupt einer ist oder doch eher ein bedauernswertes, behindertes Tier, da es die zwei überflüssigen Beine ja nur nachschleppt. Alles passt in Simics Jahrmarktswelt so gut zusammen, dass dem Leser der einzelne Gedankensprung so schlicht und natürlich vorkommt wie der nächste Schritt über eine Brücke. Vielleicht ist der Hund nichts weiter als das Symbol eines melancholisch verzauberten Abends; vielleicht besteht die Arbeit des Dichters darin, Worte wie Stöckchen herbeizutragen und mit ihnen eine verwunschene Welt zu erschaffen, die es mit der Intensität des gelebten Augenblicks aufnehmen kann. Simic zeigt uns, wie die Sprache uns sehen lehren kann; er ermöglicht uns schlicht das Träumen mit offenen Augen.

          „Etwas erschaffen, das noch nicht existiert, aber nach seiner Erschaffung so aussieht, als hätte es immer schon existiert“, so benannte Simic in einem Essay eines seiner poetischen Ziele. Und er schrieb, er wolle „einen eigenen Begriff von Bedeutung...entwickeln, eine eigene Idee dessen, was authentisch ist. In unserem Fall ist es das Prinzip der Ungewissheit.“ So ein Prinzip kann dann eben auch mal sechs Beine haben und ein Hundeherz und durch eine Spuknacht galoppieren. Und am Schluss kann es auch in ein Bild unvermuteter Einheit gefasst werden: „That was the whole show“, so heißt es im Original. Enzensberger gerät der Satz in seiner Übersetzung noch knapper: „Das war alles.“

          Charles Simic: „Ein Buch von Göttern und Teufeln“. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Hans Magnus Enzensberger. Edition Akzente. Hanser Verlag. München 1993. 144 S., br., 13,90 €.

          Zuletzt ist von Silke Scheuermann erschienen: „Skizze vom Gras“. Gedichte. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2014. 104 S., geb., 18,95 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Jahrmarkt (für Hayden Carruth)

          Wenn du den Hund mit sechs Füßen versäumt hast –

          Macht nichts!

          Wir sahen ihn, und er lag schlaff in der Ecke.

          Und was die überzähligen Beine angeht,

          man gewöhnte sich schnell daran

          und dachte an etwas anderes.

          Zum Beispiel, dass es zu kalt und zu dunkel

          für einen richtigen Jahrmarkt war.

           

          Dann warf der Wärter einen Stock,

          und der Hund apportierte

          auf vier Beinen, die andern schleppte er nach,

          worüber ein Mädchen sich halb totlachen wollte.

           

          Sie war betrunken und der Mann auch,

          der sie dauernd im Nacken küsste.

          Der Hund holte den Stock und sah uns an.

          Das war alles.

           

          Aus dem Amerikanischen übertragen von Hans Magnus Enzensberger.

          Quelle: F.A.Z.

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