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Frankfurter Anthologie : Hunde-Epigramme von Goethe und Schopenhauer

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Bild: Picture-Alliance

Schopenhauer verehrte Goethe. Umso erstaunlicher, dass er sich in einem satirischen Epigramm gegen den Klassiker aus Weimar wandte – zur Verteidigung der Gattung „Hund“.

          Er war überzeugt, dass man nicht zugleich Dichter und Philosoph sein könnte; gleichwohl hat er durch seine Philosophie die Schriftsteller gefesselt, Franz Kafka und Thomas Mann, Borges, Becket und Thomas Bernhard, alle haben Arthur Schopenhauer, den Griesgram unter den Denkern, intensiv gelesen. Seinen kleinen philosophischen Schriften, die 1851 als „Parerga und Paralipomena“ erschienen, gab er auch einige Verse mit auf den Weg. Unter „der Hülle des Metrums“ würde der Mensch „sein subjektives Inneres freier zu zeigen“ wagen, so Schopenhauers Selbstkommentar.

          Dass sogar noch die Lyrik zum Forum des Widerspruchs werden konnte, erprobte er, der gerne provozierte, in einer „Antistrophe“, mit der er sich 1845 gegen ein Gedicht Goethes wandte, ohne es zu zitieren: das „Venezianische Epigramm 73“. Es musste schon viel passiert sein, dass er sich auf so persönlich-bekenntnishafte Art ausgerechnet gegen Goethe verwahrte, dem er in Weimar mehrfach begegnet war und dessen Werk er wie kein anderes der deutschen Literatur verehrte.

          Was hatte Goethe denn gesagt? Als dieser 1790 noch einmal in der Lagunenstadt war, machte er seiner mitunter schlechten Laune Luft, indem er eine Reihe zum Teil recht scharfer und bissiger Epigramme verfasste. Wie später Schopenhauer nutzte er die antike Form des Distichons, eines Hexameters und eines Pentameters, dessen Hebungsprall in der Versmitte oft zur Pointe genutzt wird. Ursprünglich als eine Aufschrift verstanden, auf einem Grabstein oder einem Gegenstand, gewann das Epigramm zunehmend satirische Qualität, die dann in den „Xenien“ gemeinsam mit Schiller noch polemisch zugespitzt wurde.

          Frankfurter Anthologie : Johann Wolfgang Goethe: „Venezianisches Epigramm, Nr. 73“

          Schopenhauer hat sich von Goethes Zynismus provozieren lassen: Beide Epigramme sind lyrische Anklagen. Goethe erkennt in der Tierliebe des Menschen eine Offenbarung von dessen eigener tierischer Natur, – die Sympathie für den Hund beruht darauf, dass es sich bei Mensch und Tier um „erbärmliche Schufte“ handelt. Es ist praktizierter Zynismus – im Kontrast zum antiken Modell der „Kyniker“, die ihre Glücksvorstellung der Bedürfnislosigkeit provozierend zur Schau stellten. Goethe war kein Freund der Hunde, und die Tierliebe wurde ihm hier höchst verdächtig. In der schon früher entstandenen „Römischen Elegie 17“ heißt es im ersten Distichon: „Manche Töne sind mir Verdruß, doch bleibet am meisten / Hundegebell mir verhaßt: kläffend zerreißt es mein Ohr“.

          In gut epigrammatischer Tradition nutzt Schopenhauer diese Vorlage zur Umakzentuierung, ja zur Umkehrung. In raffinierter Anlehnung an den Goetheschen Hexameter baut er im zweiten Vers die Spannung auf, die er erst löst, wenn am Ende die Überraschung eintritt, dass der Hund den Menschen beschämt. Goethes nachgerade eher harmloser Vergleich „wie der Mensch, so der Hund“ weicht einer höchst kunstvollen Inversion, in der das Objekt vor das Subjekt rückt: „beschämet...den Menschen der Hund“. So kommt in dieser knapp protokollierten Verleumdung jene moralische Vernachlässigung des Tieres zum Ausdruck, die in seinen philosophischen Texten angeklagt wird; denn Mensch und Tier sind durch eine „Identität des Wesentlichen“ verbunden, beide sind der Welt des Willens unterworfen und daher letztlich auf das Mitleid angewiesen.

          Die Architektonik des Epigramms spielt Schopenhauer treffsicher als Widerruf Goethes aus, indem er dessen Formulierung scheinbar bestätigend aufgreift, aber die dort als Verleumdung angelegte Nähe von Mensch und Tier als beschämende Verwandtschaft sichtbar macht. Mehrfach hat man den Philosophen gezeichnet, wie er mit seinem Pudel in der Frankfurter Altstadt unterwegs war. Hier setzt er sich selbst ein kleines lyrisches Denkmal, indem er die Menschlichkeit als bloße Kreatürlichkeit zum Vorschein kommen lässt.

          Arthur Schopenhauer: „Antistrophe zum 73. Venezianischen Epigramme

          Wundern darf es mich nicht, daß manche die Hunde verleumden:

          Denn es beschämet zu oft leider den Menschen der Hund.

          ***

          Johann Wolfgang Goethe: „Venezianisches Epigramm, Nr. 73“

          Wundern kann es mich nicht, daß Menschen die Hunde so lieben;

          Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund.

          Arthur Schopenhauer: „Parerga und Paralipomena I“. Teilband II. Diogenes Verlag, Zürich 2007. 208 S., br., 9,90 €.

          Johann Wolfgang Goethe: „Römische Elegien und Venezianische Epigramme“. Hrsg. von Hendrik und Karl Eibl. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007. 102 S., br., 6,– €.

          Von Mathias Mayer ist zuletzt erschienen: „Franz Kafkas Litotes. Logik und Rhetorik der doppelten Verneinung“ Wilhelm Fink Verlag, München 2015. 155 S., br., 19,90 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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