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Veröffentlicht: 26.08.2016, 17:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Hermann Hesse: „September“

Der nahende September ist, lyrisch gesehen, die beste Zeit zum Sterben. Und dieses Gedicht ist ein wunderschönes, gelassenes Einverstandensein mit dem Ende, das bei Hermann Hesse aber doch noch eine Weile ausblieb.

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© F.A.Z. Thomas Huber liest „September“ von Hermann Hesse

Der Tod ist, küss die welke Hand!, ein Rosenkavalier. Mit einem wunderglühenden Sterbensblütlein im Trostbouquet des Blumenüberbringers für „müdgewordene Augen“ und überhaupt all jene, die sich nach letzter Ruh sehnen – und dies mit erlesenem Geschmack und melancholischer Contenance erledigen möchten. Und so, auf leicht und sanft taumelnden, drei- bis vierhebigen Versfüßen, lässt Hermann Hesse, damals ein Mann „von fuffzig Jahren“, am 23. September 1927 den Sommer zu einer sehr persönlichen Figur werden, die über ihre strahlende, reif-hitzige Lebenshöhe hinaus ist und „erstaunt und matt“, wiewohl trauerstolz lächelnd sich langsam auf Abschiedsabstiege in fröstelnd kühler Altersluft gefasst macht.

September – lyrisch gesehen der beste Monat zum Sterben, wenn die Blumen noch präsent sind, in die der Regen sinkt, und Tausende kleiner, gelbfarben gewordener Tupfen vom Akazienbaum tropfen, dessen wild spiralförmig in ziemliche Höhe sich windende Äste die in gefiederten Fächern an ihnen hängenden Blättchen der sie empfangenden Gartengraberde wie in einem letzten fallsprühenden Goldregenrausch zu schenken scheinen.

Man stirbt nicht im August

Zuvor aber noch das krasse Gegenprogramm. Die Tollheit. Sozusagen im August seines Lebens, im selben Jahr 1927, hatte Hesse seine, naturgemäß auch in lyrische Form gebrachte Lebensmitte-„Krisis“ genommen und in 56 Gedichten sich im Humus des Lebensgartens noch einmal zynisch-satirisch (und auch ein bisschen selbstmitleidig) so wüst wie neckisch gewälzt und die Sau und das Weh und das fadenscheinig gewordene Juchhe rausgelassen: „Man vertrottelt, man versauert,/Man verwahrlost, man verbauert/Und zum Teufel gehn die Haare“; käme ihm aber „noch vor’m Ende“ ein Mädchen in die Hände, zög’ er ihm „Rock und Höslein aus./Nachher dann in Gottes Namen/Soll der Tod mich holen. Amen.“ Aber nicht im August. In einer Art von Torschluss-Wutbeichtanfall setzt er sich auch die galgenliederliche Villon-Maske auf: „Ich aber saufe und fresse,/Heiße nicht mehr Hesse,/Liege bei jungen Weibern,/Reibe meinen Leib an ihren Leibern,/Kriege sie satt und drücke ihnen die Gurgel zu,/Dann kommt der Henker und bringt auch mich zur Ruh“, denn: „Der berühmte Hesse ist verschwunden,/Bloß der Verleger lebt noch von seinen Kunden.“ (Was dann bekanntlich nach Hesses wirklichem Tod im Jahr 1962 Siegfried Unselds Suhrkamp Verlag bis heute weidlich und profitlich tut . . .) Und „zu Johannes dem Täufer sprach Hermann der Säufer“ von den Delirien des gehobenen Cognac-Konsums: „Wer des Lebens Wonnen kennt,/ Mag das Maul sich lecken./Außerdem ist uns vergönnt,/Morgen zu verrecken.“ Aber nicht im August. Morgen ist „September“.

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Während aber die „Krisis“-Gedichte vor schriller Katzenjammer-Musik strotzen, schlägt der „September“ mit akazienbaumhohen Holzbläsern (Flöte, Oboe), dem Silberklang der Celesta, den Flirrlagenwechseln der Streicher und den Abschiedsekstasen der Sopranstimme einen anderen, sinfonischen Ton an: eben so, wie Richard Strauss im zweiten seiner „Vier letzten Lieder“ (1948) Hesses „sterbenden Gartentraum“ vertont hat. Und obwohl Hesse die Tonkunst von Strauss nicht mochte, sie für „virtuos, raffiniert, voll handwerklicher Schönheit, aber ohne Zentrum, nur Selbstzweck“ hielt, trifft Strauss in den endlos scheinenden Melismen und Melancholieschwüngen, in die er die „Blumen“ taucht, in die der süßleidige Moll-Regen sinkt beziehungsweise hier eben singt, den Sterbe- und Todes- und eben auch Trostton des Gedichts ganz wunderbar: als ein wunderschönes, gelassenes Einverstandensein mit dem Ende. Einer bedeutenden Figur. Die auch von sich sagen könnte: „Herr, es ist Zeit,/Der Sommer war sehr groß.“ Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Hermann Hesse: „September“

Der Garten trauert,

Kühl sinkt in die Blumen der Regen.

Der Sommer schauert

Still seinem Ende entgegen.

 

Golden tropft Blatt um Blatt

Nieder vom hohen Akazienbaum.

Sommer lächelt erstaunt und matt

In den sterbenden Gartentraum.

 

Lange noch bei den Rosen

Bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh.

Langsam tut er die großen

Müdgewordenen Augen zu.

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