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Frankfurter Anthologie : Henrik Ibsen: „Ein Vers“

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Bild: dpa

Der Meister des analytischen Dramas hat auch Verse geschmiedet. In diesem kurzen Gedicht soll Gerichtstag gehalten werden über ein Ich, das sich aus dunklen Zwängen zu befreien versucht.

          Henrik Ibsen war der Meister des analytischen Dramas: Dessen Haupteigenschaft, dass die eigentliche Handlung zu Beginn des Stückes bereits abgeschlossen ist und dass das Drama selbst zur Aufdeckung einer – in der Regel zerstörerischen – Vergangenheit wird, entspricht Ibsens Weltbild. Mit diesem Verfahren, das er in der Puppenhaus-Atmosphäre von Nora Helmer anwandte, aber auch in der schon symbolistisch geprägten Szenerie der „Gespenster“, der Wiedergänger der Vergangenheit, reagiert er auf die Verlogenheit der bürgerlichen Welt seiner Zeit. Eines seiner Zentralthemen wurde auf diese Weise die Thematik der Lebenslüge, die die Existenz seiner Figuren ebenso fristen wie zerstören kann, sobald sie ans Licht kommt: Sei es, dass Noras gutgemeinte Urkundenfälschung aufgedeckt wird, mit der sie ihrem Mann das Leben gerettet hat, oder sei es, dass Osvald Alving für die Triebhaftigkeit seines Vaters büßen muss.

          Es sind „dunkle Gewalten“ der menschlichen Seele, die Ibsen in seinen großen Dramen ans Licht gebracht hat, – viele davon sind in Deutschland und Italien geschrieben worden. Die Abgründe von Ruhmsucht, Machtwille, Begehren und Hass drängen in den Szenarien seiner Bühne immer wieder an die Oberfläche und zeigen, wie schwer es ist, den „Spuk“ dieser verdrängten Seiten zu bekämpfen. Den meisten seiner Figuren gelingt es nicht, ihr Leben zu meistern, sie verlieren den Kampf gegen die dunklen Gewalten. Ibsen symbolisiert sie in höchst imposanten Bildern, das wilde Weinlaub im Haar der Generalstochter Hedda Gabler, die weißen Pferde von Rosmersholm, die Auferstehungsplastik des Bildhauers Rubek.

          Nicht alles erlebt, doch alles erlitten

          Zu wenig bekannt wurde der Lyriker Ibsen, der seine Gedichte schon 1871 gesammelt herausgab und auch „Ein Vers“ darin aufnahm. Am 16. Juni 1880 schrieb er aus München an Louis Passarge, den ersten Übersetzer der Gedichte ins Deutsche: „Alles, was ich gedichtet habe, hängt aufs engste zusammen mit dem, was ich durchlebt, – wenn auch nicht erlebt habe. Jede neue Dichtung hat für mich selbst den Zweck gehabt, als geistiger Befreiungs- und Reinigungsprozeß zu dienen“. Er verbindet diese ethisch anspruchsvolle Ästhetik mit der Erinnerung an jenen Vierzeiler „Ein Vers“, den er als Widmungsgedicht in eines seiner Bücher eingetragen hatte. Diese bedingungslose Auffassung des Dichtens als Gerichtstag halten über sich selbst ist zu einem Kennzeichen der Ibsenschen Verantwortungsästhetik geworden, von der die Generation um 1900 so tief geprägt wurde. „Es ist zu fragen“, meinte James Joyce, „ob zu unseren Zeiten je ein anderer Mann eine so feste Herrschaft über die denkende Welt ausgeübt hat“, und Rilke widmete der Ibsen-Lektüre einen wichtigen Abschnitt seines „Malte“-Romans.

          Vor allem die deutsche Übersetzung des Vierzeilers, die Christian Morgenstern in die noch von Ibsen selbst autorisierte zehnbändige Gesamtausgabe einbrachte, ist Ausdruck einer Dichtungsauffassung, die den Kampf gegen die Lebenslüge als Aufgabe formuliert. Unbeholfener hatte es in einer älteren Übersetzung geheißen: „Leben, das heißt bekriegen/In Herz und Hirn die Gewalten; / Und dichten: über sich selber / Den Gerichtstag halten“. Was der Dichter durchlebt, so Ibsen 1874 vor Studenten in Oslo, damals Christiania, sei nicht isoliert, sondern „das durchleben seine zeitgenössischen Landsleute zusammen mit ihm“. So ist auch der Gerichtstag der Dichtung keine private Angelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich Ibsen mit großem Ernst aussetzte. Ein zeitgenössischer Journalist berichtet aus einem Gespräch mit ihm, dass dieser ein Bild des schwedischen Dramatikers August Strindberg über seinem Schreibtisch hängen hatte: „Er soll da hängen“, meinte Ibsen, „und aufpassen, denn er ist mein Todfeind“. Und Ibsens kleines Widmungsgedicht rückt somit auf zu einer Mahnung, die das zwanzigste Jahrhundert prägte: Was Ibsen wenige Monate vor dem Tod Richard Wagners in Rom in das Album von Leopold von Sacher-Masoch eintrug, liest sich als ein Grundsatz moderner Poetik, den auch „Ein Vers“ beglaubigt hat: „In unserer Zeit hat jede Dichtung die Aufgabe, Grenzpfähle zu versetzen“.

          Henrik Ibsen: „Ein Vers“ / „Et vers“

          Leben heißt - dunkler Gewalten

          Spuk bekämpfen in sich.

          Dichten - Gerichtstag halten

          Über sein eignes Ich.

           

          Aus dem Norwegischen von Christian Morgenstern.

          ***

          At leve er – krig me trolde

          i hjertets og hjernens hvælv.

          At digte, - det er at holde

          domedag over sig selv.

           

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