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Frankfurter Anthologie : Hellmuth Opitz: „Nerven blank“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Hellmuth Opitz

Ein Sommerabend auf dem Lande, was kann ein zeitgenössischer Dichter davon nach Jahrhunderten an Naturlyrik noch berichten? Hellmuth Opitz führt es in diesem Gedicht vor, das den Leser fast benommen zurücklässt.

          Hellmuth Opitz ist der Frauenflüsterer unter den zeitgenössischen Poeten; auch mit seinen Dinggedichten besetzt er altes lyrisches Terrain neu. Und dann gibt es bei ihm immer wieder Texte, die scheinbar ziellos in unsre banale Alltagswirklichkeit hinausschweifen und zwischen Rohbauten, in Reihenhaussiedlungen oder einem leeren Schulhof aufregend Schräges entdecken. Auch „Nerven blank“ (Gedichttext im Kasten unten) kommt ganz schlicht daher – ein Sommerabend auf dem Lande, was sollte davon nach Jahrhunderten an Naturlyrik noch zu berichten sein? Und dann führt die Lektüre von einem Extrem zum andern, man ist danach tatsächlich ein bisschen benommen.

          Da fährt einer im Auto durch nichts als Gegend, aber weil er und sein(e) Beifahrer mit „blanken Nerven“ durchs Fenster hinaussehen, lädt sich eine ganz normale Abendstimmung unversehens mit Bildern und Chiffren auf, die ihr eine immense Bedeutung verleihen. Es beginnt katholisch weihevoll, mit einer „Abendlichtmesse“; und selbst wenn sich die Erscheinung, die man im Gegenlicht zu haben glaubt, dann doch „nur“ als eine Prozession von Mähdreschern entpuppt, ist das Bild vom „Heiligenschein aus Strohstaub“ so wunderbar neu und treffend, dass man sich bei eignen zukünftigen Landpartien im entscheidenden Moment gewiss daran erinnern wird.

          Schön und schrecklich ist die Welt

          Doch dann geht die Fahrt weiter, und an der Symmetrieachse des Gedichts, in der vierten Strophe, kippt die Stimmung in ihr Gegenteil. Auch hier beginnt es ganz beiläufig, eine Bahnschranke schließt sich, was gäbe es darüber noch zu sagen? Doch indem sie sich schließt, öffnet sie bereits den Raum für eine weitere Überhöhung des Alltäglichen, anstelle der Mähdrescher sind es nun die Waggons des durchfahrenden Güterzugs, die zu weitreichenden Assoziationen Anlass geben: Ihr Rattern erinnert an „leere Viehwaggons“.

          Kaum ist das Wort gefallen, denkt man unweigerlich an die Menschentransporte, die unter den Nationalsozialisten durch ebensolche ländlich friedlichen Abendlandschaften gegangen sein mögen, man kann gar nicht anders. Opitz spricht den Gedanken jedoch nicht aus, sondern wirft den Leser mit wenigen weiteren Worten kurz drauf auch schon aus dem Gedicht heraus und lässt ihn mit seinen Spekulationen allein.

          Ständig wird die wirkliche Wirklichkeit durch Bilder unseres kollektiven Gedächtnisses überlagert und formt aus beiden so etwas wie Wirklichkeit 2.0; „einfach so“ lässt sich gar nicht mehr aus dem Fenster schauen. So schön die Welt durch derlei Überlagerungen sein kann, so schrecklich ist sie bereits im nächsten Augenblick – die Talfahrt vom (Fast-)Heiligen des gloriosen Anfangs zum Bedrohlichen des Endes könnte gar nicht rasanter sein. Natürlich spricht Opitz auch diesen Gedanken nicht aus, bringt lediglich zwei kleine Szenen, die ihn umso plastischer vor Augen führen. Dabei verzichtet er auf jedes Geraspel mit kostbar klingenden Metaphern; er setzt Bilder, die präzis und unverbraucht sind.

          Dadurch treten allerdings auch die Abgründe zwischen den Versen desto deutlicher hervor. Die Haltung des Verfassers erscheint mir – um das altmodische Wort zu reaktivieren – voll Demut gegenüber dem Leser, nirgendwo verschließt er sich vor dessen unmittelbarem Verständnis, und doch kalkuliert er genau dadurch auf vielleicht so etwas wie Verständnis 2.0, das hinter den hell ausgeleuchteten Einzelsequenzen des Gedichts als dunkle Ahnung beginnt.

          Was so leicht daherkommt, fast wie ein prosaisches Dementi lyrischer Ekstasen, ist in Wirklichkeit sorgfältig gebaut, gefeilt und poliert, ja, perfekt auf die Pointe am Schluss hin kalkuliert. Der Verzicht auf pathetisch aufgeladenes Sprachmaterial lässt die Verse angenehm alltagsnah erscheinen, angenehm zeitgemäß; Opitz schreibt Realpoesie im besten Sinn des Wortes. Gerade weil er darauf verzichtet, die schlimme Pointe explizit auszusprechen, „rattern“ auch unsre Gedanken eine ganze Weile nach, wenn das Gedicht längst verklungen ist.

          Hellmuth Opitz

          Nerven blank Wie gespannte Überlandleitungen,

          während der Juli wie üblich

          seine lange Abendlichtmesse las.

          Einer von uns hatte eine Erscheinung,

          doch bei näherem Hinsehen

          war es nur eine Prozession

          von drei Mähdreschern, saatengrün

          leuchtend gegen die Dämmerung

          mit dem Heiligenschein aus Strohstaub.

          Hinter der nächsten Kurve plötzlich

          die Schranke eines Bahnübergangs,

          die herabfiel wie eine Filmklappe

          und auf einmal eine ganz andere

          Einstellung: Stille, in die sich

          der nahende Güterzug mischte.

          Im Vorbeirauschen sagte einer

          leere Viehwaggons und diese Worte

          hallten noch nach im Fond, als

          der letzte Waggon längst durch war:

          Wie automatisch die Signale hoch gingen

          und die Gedanken weiter ratterten.

          Hellmuth Opitz: „Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten“. Vierzehn Gedichte mit fünfzehn Graphiken von Johannes Nawrath. Limitierter Privatdruck, hrsg. von Carl-Walter Kottnik. Hamburg 2013, 32 S., 8,– €. Zu beziehen über www.hellmuth-opitz.de oder www.johannes-nawrath.de

          Zuletzt ist von Matthias Politycki erschienen: „Samarkand, Samarkand“. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2013. 399 S., geb., 22,99 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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