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Veröffentlicht: 10.12.2015, 17:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Heiner Müller: „Fahrt nach Plovdiv“

Die Landschaften der Antike, die für sein Werk so wichtig werden sollten, hat Heiner Müller zunächst in Bulgarien entdeckt. Mit diesem Gedicht erinnern wir an den bevorstehenden zwanzigsten Todestag des Lyrikers und Dramatikers.

von Jan Volker Röhnert
© Hubert Link; Zentralbild; dpa, F.A.Z. Thomas Huber liest „Fahrt nach Plovdiv“ von Heiner Müller

Wenn man, über die Krämerbrücke am Mariza-Fluss kommend, heute durch die Fußgängerzonen in der Altstadt von Plovdiv geht, bis man über dem Halbrund des Amphitheaters steht und die thrakische Ebene überblickt, ist man der mediterranen Antike schon ziemlich nahe: Eine der künftigen Kulturhauptstädte Europas blickt auf mehrere Jahrtausende Geschichte zurück, ein Schmelztiegel verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen, von der thrakischen Opferstätte über die Kapitale Philipps von Mazedonien, das römische Trimontium und osmanische Paldin, das mit der Unabhängigkeit Bulgariens vor gut 130 Jahren schließlich zum heutigen Plovdiv wurde. Das Palimpsest geschichtlicher Epochen und Umbrüche ist nicht verborgen, sondern bestimmt geradezu das Stadtbild – noch 1980 hat man zu Ehren der Moskauer Olympiade die heute wieder begehbare und mit Videoinstallationen zur Archäologie ausgestattete römische Arena mit solidem sozialistischen Beton überdacht.

Als Heiner Müller, dessen Todestag sich am 30. Dezember zum zwanzigsten Mal jährt, Anfang der siebziger Jahre mit seiner Frau, der Regisseurin Ginka Tscholakowa – die abenteuerliche Vorgeschichte ihrer Heirat, die Honecker hatte genehmigen müssen, erzählt Müller in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ – Bulgarien bereiste, war das seine erste Begegnung mit einer Landschaft der Antike, die als archaischer Resonanzraum sein Theater grundiert. Während der siebziger Jahre bot Bulgarien mit Sofia, Plovdiv und vor allem der „Künstlerrepublik“ Sosopol am Schwarzen Meer dem Dramatiker eine Rückzugsmöglichkeit und einen Gegenpol zum europäischen und amerikanischen Westen, den er in jenen Jahren als in der DDR selbst kaum gespielter Kulturexport bereisen durfte. Nicht in New York oder Austin jedoch, sondern in der Küche eines Neubaublocks in Sofia entsteht 1977 sein Stück „Die Hamletmaschine“. Fünf Jahre später gerät Dimiter Gotscheffs Inszenierung des „Philoktet“ zum legendären Eklat.

Das Kontinuum der Gewalt

Auf dem Boden der Antike das Fortwirken der blut- wie ruhmreichen Antike in einer zum Sozialismus bekehrten Gegenwart zu beschwören, das gelingt Müller mit seinem Plovdiv-Gedicht. Wie in einer Monade sind zentrale Motive seines dramatischen Werks hier auf zwanzig Zeilen zu einem mythologisch-historischen Substrat verdichtet, das zugleich den Palimpsestcharakter der wahrgenommenen bulgarischen Metropole widerspiegelt. Auf Orpheus folgt Alexander der Große, über den Straßen der Kreuzfahrer weht der Sowjetstern, eine Verheißung hat die nächste abgelöst. Verbindendes Moment ist das Kontinuum der Gewalt – angefangen bei Orpheus, der auf dem Acker von denjenigen gesteinigt wurde, welche sich aus seinen Liedern ausgeschlossen fühlten, über Alexander, der den gordischen Knoten mit dem Schwert zerschlägt anstatt ihn zu lösen, bis zum Kommunismus, der „mit der Liebe des Vampirs nach Morgen greift“. Die Gewalt, welche die geschichtlichen Verwerfungen wie ein böser blutsaugender Schatten begleitet, wird, anders als von Marx prophezeit, in der neuen, vermeintlich klassenlosen Gesellschaft keineswegs außer Kraft gesetzt, sondern lediglich unter anderem Vorzeichen perpetuiert – der Kasernenton hallt noch im Stakkato der elliptischen Verse nach, die mit ihrem fünfhebigen Rhythmus zugleich auf klassische Metren und die dadurch im Drama überlieferten Elementarkonflikte verweisen. Dass ausgerechnet der Kommunismus sich als „Befreier der Lebendigen und der Toten“ aufspielt, ist nichts als ein zynischer Euphemismus Müllers dafür, dass auch diese, Bulgarien am Ende des Zweiten Weltkriegs aufgezwungene „Revolution“ über Leichen geht.

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„Der Tod ist die Maske der Revolution/Die Revolution ist die Maske des Todes“, lässt Müller 1979 in „Der Auftrag“ seine mit dem Export der Revolution gescheiterten Protagonisten psalmodieren. Die grellen Kontraste zwischen Anspruch und Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus waren – zum „Theater der Grausamkeit“ gesteigert – Müllers nicht endender Theaterfundus. Wenn man ihn in der Negation glücklicher Gesellschaftsentwürfe dennoch als Utopisten bezeichnen will, so allein wegen Orpheus, dessen abgeschlagenes Haupt im Fluss mit dem schönen Frauennamen weitersingt. Seit die kollektivierte Landwirtschaft in Bulgarien zurückgefahren wurde, führt die Mariza zumindest wieder Wasser, welches den wunderbaren Weinen an ihren Ufern zugutekommt.

Heiner Müller: „FAHRT NACH PLOVDIV. Straße der Kreuzfahrer“

Mariza. Hier wurde Orpheus zerrissen

Von den thrakischen Weibern mit dem Pflug.

Flußab trieb sein singender Schädel. Der Fluß

Hat kein Wasser mehr. Auch Flüsse sterben.

Über thrakischem Grabhügel drei Gräber

Mit dem roten Stern. Der Kommunismus:

Befreier der Lebendigen und der Toten.

Plovdiv. Trimontium. Philippopolis.

Auf drei Hügeln drei Jahrtausende.

Geschichte: hungriger Leichnam. Gestern

Das mit der Liebe des Vampirs nach Morgen greift.

(Wer war Orpheus. In seinem Lied kein

Platz für einen Pflug.) Alexander der Große

Sohn Philips, den in Plovdiv keine Straße nennt

Konnte den gordischen Knoten nicht lösen.

Zerhaun kann ihn jeder, der nichts gelernt hat.

Glücklich das Volk, das seine Toten begräbt

Kalt gegen die Umarmung aus den Gräbern.

Ruhm den Helden. Dem Staub keine Träne.

Glosse

Klingt nach Rohrkrepierer

Von Edo Reents

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen? Mehr 13 55

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