http://www.faz.net/-gr0-8z38f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 24.06.2017, 08:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Hans Thill: „-münde“

In diesem Gedicht steckt das Grauen der Vergangenheit zwischen den Zeilen. Und doch hat es eine besonders enge Bindung zur Wirklichkeit. Bei Hans Thill kann man das Erinnern neu lernen.

von Marcus Roloff
© dpa, F.A.Z. Thomas Huber liest „-münde“ von Hans Thill

Welcher Städtename böte sich an, um den Titeltorso zu vervollständigen? Das zur Stadt Rostock gehörende und touristisch bestens ausgeleuchtete Ostseebad Warnemünde ist hier wohl nicht gemeint. Wahrscheinlicher ist das weiter östlich auf der Insel Usedom gelegene Peenemünde, das in diesem Gedicht auf kubistisch zerklüftete Weise zur Sprache kommt und mit interessanter Vorgeschichte aufwartet. Hier gab es ab 1936 die sogenannte Heeresversuchsanstalt, in der unter anderem die Vergeltungswaffe V2 getestet wurde. Das Gelände mit angegliedertem KZ-Außenlager gilt aller Barbarei zum Trotz als frühe Weltraumforschungsstation. Zur Energieversorgung diente ein eigenes Kraftwerk. Peenemünde ist zugleich ein Ort mit sprechendem Namen, der auf mehrere Quellflüsse der Peene und diese selbst verweist, die wiederum den Meeresarm namens Peenestrom bezeichnet, welcher Usedom vom Festland trennt. Für den aus Baden-Baden stammenden Autor dieses Gedichts, das sich in dem 2004 mit dem Peter-Huchel-Preis prämierten Band „Kühle Religionen“ findet, liegt er „im queren Polar“ – ihm muss der Mecklenburger Ostseeraum immens nördlich vorgekommen sein. Als Kind waren mir die Zuflüsse der Peene kaum mehr als Bachläufe zwischen verstreuten Pappelhainen, die sich unhörbar in die Ferne verschoben und deren Wasser, wie mir meine Großmutter erzählte, im Frühjahr 1945 voll waren von angespülten Selbstmördern aus Demmin.

Bei Hans Thill, geboren 1954, steckt das Grauen der Vergangenheit zwischen den Zeilen, dasjenige der Gegenwart jedoch mittendrin. Der Blick fällt zunächst auf eine Art Jetztzeit, die wie ein Spurenträger des Vergangenen fungiert. Die Echtzeitbausteine, aus denen das Gedicht besteht, könnten in etwa so aussehen: Man sitzt im Bordrestaurant einer Fähre, zum Frühstück oder zur Teezeit, schaut hinaus in eine vom Wind zerzauste Winterlandschaft und treibt ob aller bis heute anhaltenden ostdeutschen Nachkriegstristesse ziemlich grobe, ins Phantastische spielende Späße. Dass sich dabei – quasi um diese Bausteine herum – Menschen-, Technik- und Tierwelt ineinander verschieben, ist einer der Vorzüge dieses Gedichts. Thills Poesie schlägt Funken, sie zeigt sich vom europäischen Surrealismus beeinflusst, vor allem der französischsprachigen Moderne und Gegenwart, deren Autoren er zum Teil selbst übersetzt hat. Wenn in „-münde“ die Damen wie Kaiserbrötchen aufgehen und ihr Gefieder lecken oder der Pastor schief in den Schuhen steht und hinter der Schranke alles zu Algen (gesponnen) wird, dann dürfte das nicht unmittelbar einleuchten; dann steht hier womöglich eine Optik im Raum, die die Dinge jäh verzerrt und Wirklichkeit unhaltbar macht. Und wir Leser müssen uns das Jähe und Unhaltbare übersetzen in eine Sprache, die mit uns zu tun hat, sonst bleibt das Gedicht nur Gedicht, eine ferne in Druckwerken stehende Sache, und das wäre eine Art Todesurteil für das Gedicht.

Die Wirklichkeit, jäh verzerrt und unhaltbar

Hans Thills Gedicht „-münde“ taugt im besonderen Maße dazu, die Reibungsvorgänge der Lektüren zu erproben, weil es zwar bekannte Oberflächen aufbricht und verschiebt, aber auf jegliches tiefgemeinte Raunen verzichtet und Konstellationen heranzoomt, die mit dem Erinnern zu tun haben – und zwar als Traum, als im Gedächtnisraum gespeicherter Wirklichkeit. Apropos zoomen: „-münde“ ist mit seinem Panoramablick einem in Weitwinkel aufgenommenen Clip vergleichbar, dessen Bilder nicht nur lange in Erinnerung bleiben, sondern dessen Erzählung uns – auf halb versteckte Weise – einbezieht. Wir können hier viel über den Prozess der Erinnerung lernen, auch und gerade, weil es sich nicht um unsere eigene handelt. Wie etwas wirklich war, ist zweitrangig, entscheidend vielmehr, wie sich die Dinge beim Blick in den kaleidoskopisch-ungebändigten inneren Strom darstellen – ständig, wie die Wirklichkeit auch, in der Gefahr, aus dem Ruder zu laufen.

In seiner Dankrede zum Peter-Huchel-Preis gibt Hans Thill ein Beispiel für die Beschaffenheit der Wahrnehmung hinsichtlich eigenartiger und schräger Konstellationen, die bereits die Wirklichkeit bereithält und die sich im Gedicht weiter transformieren: „Nicht weit von der Heidelberger Synagoge steht an einem Transformator-Kasten die kalligraphierte Graffiti-Parole ‚Nie ohne Kappe!‘ Der Weg des mosaischen Gebots, immer den Kopf bedeckt zu halten, eine Erfindung des Judentums, die der Islam sich aneignete, viele Jahrhunderte später mit der Sekte der Black Muslims in die Schwarzenghettos der Vereinigten Staaten gekommen, dort in die Mode hineingesickert und von den Gangsta- und Rap-Stars kopiert, bis zu den Heidelberger Hängehosen und Rappern, nie gehen sie ohne ihre Mütze aus dem Haus, die sie als Marke an dem grauen Kasten hinterließen: Wäre mir diese Transformation am Trafo-Häuschen aufgefallen, wenn ich sie nicht in der Nähe der jüdischen Versammlungsstätte gesehen hätte?“

Hans Thill: „-münde“

Möwen hatten alle Bullaugen und am Restorang

die Panoramascheiben zerpickt der Südost

raspelte übers Blech

 

wir hefteten einen pensionierten Amtmann

(Leukoplast) als Kapitän ans Ruder

knebelten ihn mit einer Trillerpfeife

 

Peenestrom im queren Polar

wir eine Besatzung aus Inselvieh

und die Damen gingen auf wie Kaiserbrötchen

 

auf den Planken wuchs Moos

Flachs blitzte aus den Dachrinnen der

Verwaltungsgebäude beim Kraftwerk

 

hinter der Schranke wurde alles zu Algen

gesponnen wir Salzpreußen mit nagelnden

Ventilen strickten Taue aus dem Material

während die Damen ihr verklebtes

Gefieder leckten

 

im feingefügten Nebel (süßer Tee, süßes Kerosin)

stand ein Pastor schief in den Schuhen

der sein Wasser aus blauen Kanistern schöpfte

 

und wir zogen gedroschene Säcke

durch den hellen Staub plötzlich

als Mädchen und Knaben im selben Habit

dem Gesicht einer freundlichen Greisin entsprungen

 

kühle Stirn hinter dem Vorhang

aus Winkelementen und ihr Mund

öffnete und schloß sich nach einer

Schunkelmusik

Glosse

Barfuß über das ganze Dach

Von Andreas Rossmann

Der Bahnhof von Syrakus sieht aus wie viele Bahnhöfe. Aber im Jahre 1927 hat sich hier eine Romanze zugetragen, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Mehr 4

Zur Homepage