http://www.faz.net/-gr0-8z38f

Frankfurter Anthologie : Hans Thill: „-münde“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

In diesem Gedicht steckt das Grauen der Vergangenheit zwischen den Zeilen. Und doch hat es eine besonders enge Bindung zur Wirklichkeit. Bei Hans Thill kann man das Erinnern neu lernen.

          Welcher Städtename böte sich an, um den Titeltorso zu vervollständigen? Das zur Stadt Rostock gehörende und touristisch bestens ausgeleuchtete Ostseebad Warnemünde ist hier wohl nicht gemeint. Wahrscheinlicher ist das weiter östlich auf der Insel Usedom gelegene Peenemünde, das in diesem Gedicht auf kubistisch zerklüftete Weise zur Sprache kommt und mit interessanter Vorgeschichte aufwartet. Hier gab es ab 1936 die sogenannte Heeresversuchsanstalt, in der unter anderem die Vergeltungswaffe V2 getestet wurde. Das Gelände mit angegliedertem KZ-Außenlager gilt aller Barbarei zum Trotz als frühe Weltraumforschungsstation. Zur Energieversorgung diente ein eigenes Kraftwerk. Peenemünde ist zugleich ein Ort mit sprechendem Namen, der auf mehrere Quellflüsse der Peene und diese selbst verweist, die wiederum den Meeresarm namens Peenestrom bezeichnet, welcher Usedom vom Festland trennt. Für den aus Baden-Baden stammenden Autor dieses Gedichts, das sich in dem 2004 mit dem Peter-Huchel-Preis prämierten Band „Kühle Religionen“ findet, liegt er „im queren Polar“ – ihm muss der Mecklenburger Ostseeraum immens nördlich vorgekommen sein. Als Kind waren mir die Zuflüsse der Peene kaum mehr als Bachläufe zwischen verstreuten Pappelhainen, die sich unhörbar in die Ferne verschoben und deren Wasser, wie mir meine Großmutter erzählte, im Frühjahr 1945 voll waren von angespülten Selbstmördern aus Demmin.

          Bei Hans Thill, geboren 1954, steckt das Grauen der Vergangenheit zwischen den Zeilen, dasjenige der Gegenwart jedoch mittendrin. Der Blick fällt zunächst auf eine Art Jetztzeit, die wie ein Spurenträger des Vergangenen fungiert. Die Echtzeitbausteine, aus denen das Gedicht besteht, könnten in etwa so aussehen: Man sitzt im Bordrestaurant einer Fähre, zum Frühstück oder zur Teezeit, schaut hinaus in eine vom Wind zerzauste Winterlandschaft und treibt ob aller bis heute anhaltenden ostdeutschen Nachkriegstristesse ziemlich grobe, ins Phantastische spielende Späße. Dass sich dabei – quasi um diese Bausteine herum – Menschen-, Technik- und Tierwelt ineinander verschieben, ist einer der Vorzüge dieses Gedichts. Thills Poesie schlägt Funken, sie zeigt sich vom europäischen Surrealismus beeinflusst, vor allem der französischsprachigen Moderne und Gegenwart, deren Autoren er zum Teil selbst übersetzt hat. Wenn in „-münde“ die Damen wie Kaiserbrötchen aufgehen und ihr Gefieder lecken oder der Pastor schief in den Schuhen steht und hinter der Schranke alles zu Algen (gesponnen) wird, dann dürfte das nicht unmittelbar einleuchten; dann steht hier womöglich eine Optik im Raum, die die Dinge jäh verzerrt und Wirklichkeit unhaltbar macht. Und wir Leser müssen uns das Jähe und Unhaltbare übersetzen in eine Sprache, die mit uns zu tun hat, sonst bleibt das Gedicht nur Gedicht, eine ferne in Druckwerken stehende Sache, und das wäre eine Art Todesurteil für das Gedicht.

          Die Wirklichkeit, jäh verzerrt und unhaltbar

          Hans Thills Gedicht „-münde“ taugt im besonderen Maße dazu, die Reibungsvorgänge der Lektüren zu erproben, weil es zwar bekannte Oberflächen aufbricht und verschiebt, aber auf jegliches tiefgemeinte Raunen verzichtet und Konstellationen heranzoomt, die mit dem Erinnern zu tun haben – und zwar als Traum, als im Gedächtnisraum gespeicherter Wirklichkeit. Apropos zoomen: „-münde“ ist mit seinem Panoramablick einem in Weitwinkel aufgenommenen Clip vergleichbar, dessen Bilder nicht nur lange in Erinnerung bleiben, sondern dessen Erzählung uns – auf halb versteckte Weise – einbezieht. Wir können hier viel über den Prozess der Erinnerung lernen, auch und gerade, weil es sich nicht um unsere eigene handelt. Wie etwas wirklich war, ist zweitrangig, entscheidend vielmehr, wie sich die Dinge beim Blick in den kaleidoskopisch-ungebändigten inneren Strom darstellen – ständig, wie die Wirklichkeit auch, in der Gefahr, aus dem Ruder zu laufen.

          In seiner Dankrede zum Peter-Huchel-Preis gibt Hans Thill ein Beispiel für die Beschaffenheit der Wahrnehmung hinsichtlich eigenartiger und schräger Konstellationen, die bereits die Wirklichkeit bereithält und die sich im Gedicht weiter transformieren: „Nicht weit von der Heidelberger Synagoge steht an einem Transformator-Kasten die kalligraphierte Graffiti-Parole ‚Nie ohne Kappe!‘ Der Weg des mosaischen Gebots, immer den Kopf bedeckt zu halten, eine Erfindung des Judentums, die der Islam sich aneignete, viele Jahrhunderte später mit der Sekte der Black Muslims in die Schwarzenghettos der Vereinigten Staaten gekommen, dort in die Mode hineingesickert und von den Gangsta- und Rap-Stars kopiert, bis zu den Heidelberger Hängehosen und Rappern, nie gehen sie ohne ihre Mütze aus dem Haus, die sie als Marke an dem grauen Kasten hinterließen: Wäre mir diese Transformation am Trafo-Häuschen aufgefallen, wenn ich sie nicht in der Nähe der jüdischen Versammlungsstätte gesehen hätte?“

          Hans Thill: „-münde“

          Möwen hatten alle Bullaugen und am Restorang

          die Panoramascheiben zerpickt der Südost

          raspelte übers Blech

           

          wir hefteten einen pensionierten Amtmann

          (Leukoplast) als Kapitän ans Ruder

          knebelten ihn mit einer Trillerpfeife

           

          Peenestrom im queren Polar

          wir eine Besatzung aus Inselvieh

          und die Damen gingen auf wie Kaiserbrötchen

           

          auf den Planken wuchs Moos

          Flachs blitzte aus den Dachrinnen der

          Verwaltungsgebäude beim Kraftwerk

           

          hinter der Schranke wurde alles zu Algen

          gesponnen wir Salzpreußen mit nagelnden

          Ventilen strickten Taue aus dem Material

          während die Damen ihr verklebtes

          Gefieder leckten

           

          im feingefügten Nebel (süßer Tee, süßes Kerosin)

          stand ein Pastor schief in den Schuhen

          der sein Wasser aus blauen Kanistern schöpfte

           

          und wir zogen gedroschene Säcke

          durch den hellen Staub plötzlich

          als Mädchen und Knaben im selben Habit

          dem Gesicht einer freundlichen Greisin entsprungen

           

          kühle Stirn hinter dem Vorhang

          aus Winkelementen und ihr Mund

          öffnete und schloß sich nach einer

          Schunkelmusik

          Hans Thill: „Kühle Religionen“. Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2003. 104 S., br., 17,90 €.

          Von Marcus Roloff ist zuletzt erschienen: „reinzeichnung“. Gedichte. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2015. 80 S., br., 17,80 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Wahlmedizin

          Mein Freund der Baum : Wahlmedizin

          Auf Usedom gibt es nun Europas ersten Heilwald. Was das medizinisch heißt, bleibt umstritten. Zur anstehenden Bundestagswahl scheint dennoch klar: Wir sollten uns in die Wälder begeben. Eine Glosse.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.