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Veröffentlicht: 25.03.2016, 17:09 Uhr

Frankfurter Anthologie Hans Magnus Enzensberger: „Apus Apus“

Ob der Mauersegler in seinem rasenden Flug Augen für uns hat, die wir ihm mit unseren Blicken kaum folgen können? Hans Magnus Enzensberger empfiehlt den Perspektivenwechsel als Erkenntnisinstrument.

von Jan Volker Röhnert
© picture alliance / dpa; Thomas Huber Thomas Huber liest „Apus Apus” von Hans Magnus Enzensberger

Der Natur auf die Spur zu kommen, indem er sie buchstäblich mitschreibt – mit weniger gibt sich der Naturdichter nicht zufrieden. Ist das überhaupt umsetzbar? Auch das Naturgedicht kann höchstens ein Stück ,zweiter‘, nach der ,ersten‘ verfasster Natur sein – Natur in Anführungsstrichen. Obwohl zwischen unserer Schrift und „Schrift“ der Natur kein ursächlicher Zusammenhang besteht, fingieren zumindest traditionelle Naturdichter eine solch vermeintlich naive ästhetische Position. Radikaler als Hans Magnus Enzensberger hat kaum einer seiner Generation mit der aus der Vorkriegszeit bekannten Naturemphase gebrochen. Diese wurde zunächst mit scharfer Brecht‘scher Dialektik, dann mit der Lakonie des Williams‘schen Snapshot und schließlich mit der Begeisterung für naturwissenschaftliche Exaktheit abgelehnt. Diese drei modernen lyrischen Einwände gegen traditionelle Naturemphase sind in einem seiner jüngsten Gedichte zusammengeführt, das dem im Sommer über deutschen Innenstädten schwebenden Mauersegler gewidmet ist, den der Titel unter seinem naturwissenschaftlich exakten Namen evoziert.

Enzensbergers lakonische Apologie des sommerlichen Gleiters wirkt zunächst wie eine Mitschrift diverser Lexikoneinträge, beginnend mit dem lateinischen Namen und der Auflistung von Eigenschaften bis hin zu verschiedenen Zuschreibungen. Das umgekehrt proportionale Verhältnis zwischen Unscheinbarkeit von Größe und Gewicht zur aviatorischen Höchstleistung stiftet einen das Gedicht subtil strukturierenden Kontrast: Die Figur des Paradoxons ist poetisches Bauprinzip. Hinter der Faktizität empirisch belegter, nur leicht übertriebener Beobachtungen, hinter dem Zitatcharakter der Verweise auf genannte und ungenannte Autoritäten wird das Staunen über eine der Atmosphäre, dem aerischen Element angepasste Existenzform inszeniert.

Aus der Perspektive eines Mauerseglers

Die ironische Brechung dieses Staunens in der Schlusszeile, eine typisch Enzensberger‘sche Volte, die das bis dahin Vermerkte erkenntniskritisch infrage stellt und wiederum gut zur diagnostizierten ,Unbezähmbarkeit‘, zur unvorhersehbaren Rasanz der Vögel passt, legt prinzipielle Widersprüche menschlicher Naturbetrachtung frei: dass einerseits schon die schiere Auflistung empirischer Fakten über einen zoologischen Gegenstand Bewunderung erregt, und dass andererseits dieses Staunen eine typisch menschliche Eigenschaft ist, die oft stillschweigend an der naturwissenschaftlichen Empirie mitwirkt, wenn sie sie nicht gar initiiert. Das Staunen erscheint als Triebfeder der Empirie, gleichwohl ist es dem bewunderten Tier in keinster Weise reziprok und bleibt nach menschlichem Ermessen unbeantwortet. Haben wir es überhaupt mit einem Gedicht über Mauersegler zu tun oder nicht ebensogut mit einem über die menschliche Natur und den Versuch, unser Staunen angesichts der Natur in Form von Naturwissenschaft zu kompensieren?

„Apus Apus“ ist kein bloßes Beiprodukt von Enzensbergers Neugier gegenüber empirischen Gegenständen; es führt vielmehr am Beispiel des Mauerseglers vor, wie Erkenntnis über einen empirischen Gegenstand aus der wechselseitigen Verquickung von Staunen, Beobachtung, Methodik und vergleichender Lektüre entsteht. Zwar ist die Neugier für den natürlichen Gegenstand ein weitgehend zeitloses anthropologisches Faktum, die Art der generierten Erkenntnis ist es nicht. Sie ist eine ausdrücklich neuzeitliche und hat damit Teil an allen Widersprüchen, die durch die Dialektik einer sich selbst von ihrer Lebenswelt entkoppelnden Naturwissenschaft hervorgebracht werden und die Enzensberger in den Porträtgedichten seines 1975 erschienenen Bandes „Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“ scharf herausstellte. Einem der finstersten Genossen dort lässt „Apus Apus“ so etwas wie späte Gerechtigkeit widerfahren. Der italienische Gelehrte Abbé Lazzaro Spallanzani (1729 bis 1799) wird im „Mausoleum“ als mustergültiger Repräsentant der Dialektik der Aufklärung geschildert, welcher im Namen von naturwissenschaftlicher Erkenntnis die Natur auf unmenschliche Weise zu malträtieren, sezieren und vivisezieren begann: „Der Abbé ist ein Triebtäter. Molche kopuliert er mit Kröten:/monströse Vereinigungen. Aus den geöffneten Weibchen holt er den Laich,/dann schlachtet er Männchen, zapft ihre Milch ab, und pflanzt die Toten fort.“ Gleichwohl war Spallanzani mehr als der infernalische, aus empirischer Neugier lüsterne Zergliederer lebender Materie, ein Vorläufer heutiger Genmanipulatoren, die ohne Ehrfurcht verändernd in Fortpflanzung und Artenvielfalt eingreifen, sondern eben auch der erste moderne Beobachter des Mauerseglers, dessen Standorttreue oder dessen Fähigkeit, im Flug zu schlafen, er 1797 im sechsten Band seiner „Viaggi nelle due Sicilie e in alcune parti degli Appenini“ zum ersten Mal empirisch bestätigte.

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Schließlich ist Enzensbergers Mauersegler-Hommage auch eine eigentümliche Fortsetzung seiner kursorischen Beschäftigung mit der Geschichte der Wolken, die 2003 im gleichnamigen Band erschien – mit dem paradoxen Resultat, dass die letzte Weisheit dieser amorphen Geographie des Himmels, der wir das Wetter verdanken, nichts Endgültiges ist: „diese fliegenden Bilderrätsel – / obwohl die Lösung immerfort wechselt, / kann sie ein jeder entziffern.“ Trotz des kumulierten Wissens über sie entziehen die Wolken sich immerfort dem Betrachter, ebenso wie die über den Wolken oder am wolkenlosen Sommerhimmel beheimateten Mauersegler allen über sie zusammengetragenen Fakten zum Trotz ihrem Stenographen ein Rätsel bleiben.

Hans Magnus Enzensberger: „Apus Apus“

Er wiegt nur vierzig Gramm.

Monatelang lebt er in der Luft, ununterbrochen,

jagt, liebt und schläft hoch oben.

Er ist unbezähmbar.

„Herrschsüchtig, stürmisch, übermütig“,

nennt ihn der alte Brehm.

Schrille Rufe im rasend kreisenden Schwarm,

wütende Kämpfe aus Eifersucht.

Unbeholfen am Boden, fliegt er mühelos

drei-, vier-, fünftausend Meter hoch

über unsre Köpfe hinweg

in die Tropen.

Er ist windschnittig gebaut.

Er kommt ohne Radar aus.

Er trinkt im Gleitflug über die Wasserfläche hin.

Er ist wetterfühlig.

Lang segelt er bewegungslos mit der Thermik,

aber sein Sturzflug ist rasant.

Unsre Bewunderung geht ihn nichts an.

Glosse

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