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Frankfurter Anthologie : Hans Arnfrid Astel: „Hand in Hand“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Da wandert einer niesend durch die Felder und beschwört seine lyrischen Vorbilder herauf. Wie bei Hölderlin wirft die scheinbare Sommeridylle ihre Schatten voraus.

          Arnfrid Astel ist ein Außenseiter unter Deutschlands Dichtern, obwohl oder weil er als Herausgeber der „Lyrischen Hefte“ und Redakteur des Saarländischen Rundfunks anderen Poeten ein Forum bot, zugleich aber sich und sein Werk der Öffentlichkeit entzog. Das ist doppelt paradox, weil Astel früher auf keinem Kongress des PEN-Clubs oder des Schriftstellerverbands fehlte und gegen Zensur und Menschenrechtsverletzungen in Staaten des Warschauer Pakts protestierte, die viele seiner linken Kollegen zur quantité négligeable erklärten. Gleichzeitig war Astel ein engagierter Autor, der gegen Atombewaffnung, Atomkraftwerke und Berufsverbote zu Felde zog und Ho Tschi Minh, der Revolutionsikone von 1968, kritische Fragen ins Stammbuch schrieb: „Also Ho, / um es kurz zu machen: / Lohnt es sich,/selbst zu schlachten/und selbst geschlachtet zu werden?“

          Arnfrid Astel ist ein deutscher Martial – diese Zuschreibung könnte ihm gefallen, denn anders als die Agitprop-Lyriker jener Jahre war Astel ein poeta doctus, der die Weltliteratur von Sappho und Petrarca bis zu Emily Dickinson und Joseph Brodsky kannte und mit an der Antike geschulten, geschliffenen Epigrammen politische Zumutungen aufs Korn nahm: „Zwischen den Stühlen sitzt der Liberale auf seinem Sessel“ – so der sprechende Titel einer Sammlung seiner Gedichte, in denen es nicht bloß um Zeitkritik, sondern, wie stets bei Astel, auch um Erotik geht: „PARAMILITÄRISCHE Liebespaare/üben am Strand / die elementaren Handgriffe“ oder „WELTREICHE LÖSEN SICH AB: Aus tausenden von Tauben/quer über den Markusplatz/der Namenszug von Coca-Cola.“

          Sommerliche Idylle, von Schatten bedroht

          Ich möchte immer weiter zitieren, aber ich lasse es bei der Kostprobe bewenden als Beweis für meine These, dass das abgedruckte Gedicht schon aufgrund seiner Länge untypisch für den Autor ist, der sich zur Erinnerung an seinen durch Freitod gestorbenen Sohn jetzt Hans Arnfrid Astel nennt.

          Worum geht es? Der Dichter – genauer gesagt ein „lyrisches Ich“ – wandert durch blühende Felder, deren Pollen Niesreiz auslösen, auf den Spuren illustrer Vorläufer, die er selbst beim Namen nennt: Mit Adam ist nicht der Dorfrichter aus Kleists „Zerbrochnem Krug“ gemeint, sondern der Stammvater der Menschheit, der nach dem Sündenfall und der Verstoßung aus dem Paradies im Schweiße seines Angesichts ackern muss, wie es im Ersten Buch Moses heißt. Hopkins wiederum ist nicht der Namensgeber der Johns-Hopkins-Universität, sondern Gerald Manley Hopkins, ein englischer Dichter, der sich zum Katholizismus bekannte, dem Jesuitenorden beitrat und in kühnen metrischen Experimenten die Innovationsschübe der Moderne vorwegnahm. Manleys schwer übersetzbare, äußerst vertrackte Gedichte hat Arnfrid Astel ins Deutsche übertragen und kenntnisreich kommentiert.

          Als Dritten im Bunde ruft er Hölderlin auf, „le pauvre Holterling“, der 1801, mitten im Winter, zu Fuß von Nürtingen nach Bordeaux wanderte und nach der Rückkehr Symptome von Geistesverwirrung zeigte, die zu psychiatrischer Behandlung und Einweisung in Tübingen führten, wo er den Rest seines Lebens in einem Turm am Neckar zubrachte. Schon die erste Strophe spielt auf Hölderlin an („wem stehn die Haare zu Berge?“), und die Schlussverse von Astels Gedicht („weh mir, wo nehm ich, / wenn es dunkel ist, die Worte her?“) sind eine direkte Paraphrase von Hölderlins „Hälfte des Lebens“: „Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde?“

          Astel konterkariert die tragische Dimension von Hölderlins Poesie mit Kalauern wie „hatschi“ und ironischen Volten, indem er Schwalben zwischen den Beinen des Dichters durchfliegen lässt. Beide Autoren sind durch Welten und Zeiten voneinander getrennt, doch die Wanderung durch die Felder ist mehr als nur ein Vorwand zur Beschwörung literarischer Vorbilder. Die heitere Unbeschwertheit von Astels Gedicht täuscht, denn ähnlich wie bei Hölderlin ist die sommerliche Idylle von Schatten bedroht, die ebenso auf den Winter vorausweisen wie auf den Hades, in dem die Seelen Verstorbener ihr Schattendasein fristen. Tragik, Komik und existentieller Ernst schließen einander nicht aus, es sind Aspekte ein- und desselben poetischen Texts.

          Hans Arnfrid Astel: „Hand in Hand“

          Wer geht dort durch die Felder

          Und sieht die Welt an?

          Wer läuft durch den Acker

          Und wem stehn die Haare zu Berge?

          Bin ich der fremde Ausläufer

          fernen Bewusstseins von alters her?

           

          Adam, Hopkins, Holterling & mein Großvater

          reden durch mich, sehen aus meinen Augen

          die Welt an, nießen durch meine Nase,

          hatschi, das ist der Heuschnupfen,

          und die Schwalben fliegen mir

          zwischen den Beinen durch.

           

          Der rote Schimmer über dem Roggen

          und der lichtgrüne Schimmer

          über dem Gerstenfeld. Das alles

          sucht Halt bei seinem Schatten,

          Hand in Hand geht es mit seinem Schatten

          in die Nacht verloren, o weh mir, wo nehm ich,

          wenn es dunkel ist, die Worte her?

          Arnfrid Astel: „Neues (& altes) vom Rechtsstaat & von mir“. Alle Epigramme von Arnfrid Astel. Verlag Zweitausendeins, Obertshausen 1978. 975 S., br., vergriffen.

          Von Hans Christoph Buch ist zuletzt erschienen: „Elf Arten, das Eis zu brechen“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016. 256 S., geb., 21,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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