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Frankfurter Anthologie : Gustav Mahler: „Der Abschied“

  • Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Diesen Versen des Komponisten über die Liebe und das Leben liegt chinesische Lyrik des achten Jahrhunderts zugrunde. Die Art und Weise, in der Mahler die Vorlage umgestaltete, ist bemerkenswert.

          Gustav Mahler hat sich immer wieder der Auseinandersetzung mit großen Texten gestellt: Seine frühen Symphonien verarbeiten bekanntlich Gedichte aus „Des Knaben Wunderhorn“, aber es finden sich auch Sätze nach Texten von Klopstock, Goethe und Nietzsche. Im Jahr 1907 oder 1908, Mahler war 47 Jahre alt, fiel ihm ein Bändchen mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik in die Hände, das Hans Bethge unter der Überschrift „Die chinesische Flöte“ herausgebracht hatte. Mahler wählte sechs Gedichte unterschiedlicher Autoren aus dem achten Jahrhundert aus und schrieb eine Symphonie für Tenor- und Altstimme und Orchester: „Das Lied von der Erde“, das er, wohl um nach Vollendung der Achten Symphonie die geradezu als magisch und gefährlich geltende Zahl Neun zu vermeiden, nicht in die Reihe seiner durchnumerierten Werke aufnahm.

          Der letzte Satz lautet „Der Abschied“. Der Komponist ist hier in größerer Freiheit mit den Texten umgegangen, er hat zwei in Bethges Anthologie aufeinanderfolgende Gedichte zu einem einzigen gemacht. Die ersten sieben Strophen stellen eine zum Teil erhebliche Bearbeitung des Gedichtes „In Erwartung des Freundes“ dar, das in der Schreibung Bethges von Mong-Kao-Jen stammt. Dieser Dichter war, wie Bethge ungeachtet der Unterscheidung zwischen lyrischem Ich und Autor erläutert, mit Wang-Wei, dem Verfasser des folgenden Gedichtes („Der Abschied des Freundes“), „innig befreundet. Der von Mong-Kao-Jen erwartete Freund ist Wang-Wei“. Mahlers Zusammenführung der Gedichte entbehrt also nicht einer biographischen Grundlage, und anstelle der Altstimme ist die Partitur auch für einen Bariton ausgewiesen. Allerdings verschiebt Mahler die Rede zu Beginn des ursprünglich zweiten Gedichtes von der ersten in die dritte Person („Er stieg vom Pferd . . .“, statt „Ich stieg vom Pferd . . .“), um eine Erzählsituation zu erwirken und in ihr dem untreu scheinenden Freund das letzte Wort zu überlassen.

          Still ist mein Herz und harret seiner Stunde

          Zweifellos hat Mahler durch seine Bearbeitung den fast impressionistisch wirkenden Charakter des alten Textes betont, zum Teil im Rückgriff auf eigene Jugendgedichte; erst in seiner Version sehnen sich die müden Menschen nach vergessenem Glück und danach, „Jugend neu zu lernen“. Auf diese Weise gewinnt das Lied eine moderne Gebrochenheit, die die letzte Begegnung mit dem Freund (die so nicht im chinesischen Original steht) zugleich zu einer dionysischen Beschwörung des „ewigen Liebens“ und „Lebens“ macht. Anders als in der Vorlage lässt der Komponist in seiner Verknüpfung der Gedichte den sehnsüchtig erwarteten Freund – mit dem Text von Wang-Wei – zwar doch noch eintreffen, aber nur um endgültig Abschied zu nehmen. Die melancholischen Verse verschattet Mahler noch mehr, indem er die Zeilen „Ich wandle nach der Heimat! Meiner Stätte“ und „Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!“ einfügt.

          Mahler verstärkt den Charakter der Todesnähe – nicht umsonst gibt er „schwer“ als musikalische Charakteristik des sechsten Satzes vor. Besonders aber intensiviert er die schon in der Vorlage angelegte Spannung zwischen Lebensmüdigkeit und Lebensfreude, zwischen der Flüchtigkeit der Dinge und der Relativität der Sinneswahrnehmungen. Wang-Wei, der dem buddhistischen Denken nahestand, hatte mit den Schlussversen „Die Erde ist die gleiche überall, / Und ewig, ewig sind die weißen Wolken . . .“ die Lebendigkeit im Kontrast zur Lebensmüdigkeit ausgekostet. Mahler fügt seinen eigenen Schlussversen aber eine schillernde Beschwörung der sich immer wieder erneuernden Natur hinzu, wobei der nur mehr rhetorische Charakter im siebenmaligen „Ewig“, das im Nichts verhallt, gerade nicht die Zuversicht, sondern Trauer und Verlustangst unterstreicht.

          Hat man Hans Bethges Übersetzung unter Kitschverdacht gestellt (er war des Chinesischen nicht mächtig und hatte eine französische Version genutzt), so hat Mahler durch die Steigerung der Kontraste und Paradoxien die „Unerreichbarkeit des versöhnten Ganzen“, wie Adorno sagt, als Vermächtnis weitergegeben: Die Uraufführung des „Liedes von der Erde“ im November 1911 hat Mahler nicht mehr erlebt. Einschneidende Abschiede hatten schon die Entstehung des Werkes begleitet – im Sommer 1907 war die fünfjährige Tochter Maria Anna gestorben, kurz danach wurde Mahlers tödliche Herzkrankheit diagnostiziert, und im Herbst trat er von seinen Ämtern an der Wiener Staatsoper zurück, wo man ihm das Leben schwergemacht hatte. Und der Abschied wird dann gleichsam das Programm seiner Neunten Symphonie. Trotz der Ansätze zu einer Zehnten ist er, wie Beethoven und Bruckner, über diese Grenze nicht hinausgekommen.

          Nicht im Gestus des expressionistischen Aufbruchs, sondern mit der im Abschied schmerzlich entbehrten Schönheit des pantheistischen Lebens hat Mahler sich als Stimme des zwanzigsten Jahrhunderts behauptet. Noch mit seinen mutigen Eingriffen in die Texte seiner Vorlagen beweist er sich wo nicht als genuiner Lyriker, so doch als ein Anwalt des Wortes und seiner bedingungslosen Wahrheit, auch wenn sie aus räumlicher und zeitlicher Ferne kommt.

          Gustav Mahler, Mong-Kao-Jen, Wang-Wei: „Der Abschied“

          Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge.

          In alle Täler steigt der Abend nieder

          Mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind.

          O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt

          Der Mond am blauen Himmelssee herauf.

          Ich spüre eines feinen Windes Weh’n

          Hinter den dunklen Fichten!

          Der Bach singt voller Wohllaut durch das Dunkel.

          Die Blumen blassen im Dämmerschein.

          Die Erde atmet voll von Ruh’ und Schlaf.

          Alle Sehnsucht will nun träumen,

          Die müden Menschen geh’n heimwärts,

          Um im Schlaf vergeß’nes Glück

          Und Jugend neu zu lernen!

          Die Vögel hocken still in ihren Zweigen.

          Die Welt schläft ein!

          Es wehet kühl im Schatten meiner Fichten.

          Ich stehe hier und harre meines Freundes;

          Ich harre sein zum letzten Lebewohl.

          Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite

          Die Schönheit dieses Abends zu genießen.

          Wo bleibst du? Du läßt mich lang allein!

          Ich wandle auf und nieder mit meiner Laute

          Auf Wegen, die von weichem Grase schwellen.

          O Schönheit! O ewigen Liebens –, Lebens – trunk’ne Welt!

           

          Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk

          Des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin

          Er führe und auch, warum es müßte sein.

          Er sprach, seine Stimme war umflort: Du, mein Freund,

          Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!

          Wohin ich geh’? Ich geh’, ich wand’re in die Berge.

          Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.

          Ich wandle nach der Heimat! Meiner Stätte.

          Ich werde niemals in die Ferne schweifen.

          Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!

          Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt

          Aufs neu! Allüberall und ewig blauen licht die Fernen!

          Ewig ... Ewig ...

          Paul Bekker: „Gustav Mahlers Sinfonien“. Severus Verlag, Hamburg 2016. 364 S., br., 26,90 €.

          Von Mathias Mayer ist zuletzt erschienen: „Franz Kafkas Litotes. Logik und Rhetorik der doppelten Verneinung“. Wilhelm Fink Verlag, München 2015. 155 S., br., 19,90 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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