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Frankfurter Anthologie : Günter Grass: „Kot gereimt“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., dpa

Sind wir im Bereich des Sexuellen durch Kunst und Unterhaltung schon relativ abgestumpft, empfinden wir die genaue Anschauung des Stuhlgangs noch immer als Tabubruch. Dieses Kot-Gedicht hat jedoch einen doppelten Boden.

          Dieses Gedicht, das Grass 1977 seinem „Butt“-Roman eingefügt hat, ist kein nur in willkürliche Verszeilen gestückelter Prosatext. Aber eine rechte Zumutung trotzdem. Nicht allein ältere Leser mögen darauf angeekelt reagieren, mit anerzogenem und lebenslang eingeübtem Widerwillen. Was Erzähler und Stückeschreiber und die Adepten des Regietheaters im Sexualbereich weithin erreicht haben, gilt für die Details von „Stoffwechsel oder Stuhlgang“ noch immer nicht ganz. Hier liegt die Schamschwelle merklich höher, erscheinen uns Deckworte immer noch angenehmer als umgangssprachlich drastische Bezeichnungen und eingehendere Beschreibungen.

          Als Enzensberger 1971 sein Gedicht „Die Scheiße“ veröffentlichte, bedachte er mit hintergründigen, aber noch wohlgesetzten Worten, „wie sanft und bescheiden/sie unter uns Platz nimmt“, und nannte sie „von allen Werken des Menschen/vermutlich das friedlichste“. Das einzig schockierende Überschriftswort „Scheiße“ richtete er in diesen aufmüpfigen Zeiten auf die politischen Verhältnisse: „Warum besudeln wir denn ihren guten Namen/und leihen ihn dem Präsidenten der USA,/den Bullen, dem Krieg und dem Kapitalismus?“

          Gewährsmann aus dem siebzehnten Jahrhundert

          Grass redet frei nach Schnauze und hält sich hier ans Familiäre. Im Familienkreis möchte man das trotzdem nicht vortragen, obgleich die Kinder und Enkel in solchen Sachen sehr genau Bescheid wissen. Oder gerade deshalb nicht? Immerhin könnte ihr verdruckstes Gelächter den erwachsenen Vorleser selbst zum Lachen bringen. Auf unterschiedliche Weise erreicht der Reiz des Ungehörigen wohl alle Altersstufen. Und halb verdrängte eigene Kindheitserinnerungen werden diese lachhaft lebenswahren ersten Strophen gewiss bei jedermann wecken.

          Nur, was soll diese Überschrift – „Kot gereimt“? (Gedichttext im Kasten unten) Reime am Zeilenende gibt es hier nirgends mehr; selbst wenn solch ein Vokabular sie noch ermöglichte, wäre ihr Wohlklang ganz fehl am Platz. Aber in der letzten Strophe, zurückgenommen in einen Binnenreim („Tod“ auf „Kot“), wird sehr wohl vernehmlich, wozu unser Unrat sich schickt. Überhaupt machen diese sechs Todes-Verse einen „Reim“ auf die zwanzig vorangegangenen Kot-Zeilen. Sie nehmen eine Wendung, die das Ganze weit hinausführt über den Tabubruch kindlicher Manipulationen mit der Knetmasse dampfender Kacke. Auch unserem halb und halb belustigten Bedenken eines Zivilisationsbruchs, der uns nicht mehr zusammen essen und einzeln verschwinden oder austreten, sondern gemeinsam unsere Notdurft verrichten ließe, geben sie erst Sinn. „Erkenntnis“ fördernd?

          Ein Gewährsmann aus dem siebzehnten Jahrhundert wird dafür aufgerufen, den man einmal den „Vater der deutschen Dichtkunst“ nannte und dem Grass begegnete, als er sich für seine Erzählung vom „Treffen in Telgte“ im Barockzeitalter kundig machte. Martin Opitz nämlich hatte, bevor ihn selber die Pest dahinraffte, in einer Beschreibung der von dieser Epidemie Befallenen notiert: „Ein scheußlicher Gestanck/Wie sonst ein faules Aaß auch von sich pflegt zu geben/Kroch auß dem Hals’ herauß“. Von eigenem letzten „Dünnpfiff“ hat er noch nicht geredet. Wohl aber nannte er den menschlichen Leib „eine Kist’ erfüllt durch Koth und Wust“.

          So hat unser Zeitgenosse Grass die Fäkalien zum allegorisch-emblematischen Gleichnis erhoben – „Alle Gedichte, die wahrsagen und den Tod reimen,/sind (selber doch) Kot, der aus hartem Leib fiel...“. So gibt dieses Gedicht (dieser reimlos reimende „Kot“) den allen gemeinsamen Abort nicht mehr nur als eine Gedächtnisstätte für Vergangenes aus Kinderzeiten zu verstehen. Seine drastisch verstörenden Worte meinen den Staub, zu dem wir Notdürftigen wieder werden sollen. Nicht mehr zum Lachen. Über dem Scheißhaus steht: „Memento mori!“.

          Günter Grass: „Kot gereimt“

          Dampft, wird beschaut.

          Riecht nicht fremd, will gesehen werden,

          namentlich sein.

          Exkremente. Der Stoffwechsel oder Stuhlgang.

          Die Kacke: was sich ringförmig legt.

           

          Mach Würstchen! Mach Würstchen! rufen die Mütter.

          Frühe Knetmasse, Schamknoten

          und Angstbleibsel: was in die Hose ging.

           

          Erkennen wir wieder: unverdaut Erbsen, Kirschkerne

          und den verschluckten Zahn.

          Wir staunen uns an.

          Wir haben uns was zu sagen.

          Mein Abfall, mir näher als Gott oder du oder du.

           

          Warum trennen wir uns hinter verriegelter Tür

          und lassen Gäste nicht zu,

          mit denen wir vortags an einem Tisch lärmend

          Bohnen und Speck vorbestimmt haben?

           

          Wir wollen jetzt (laut Beschluß) jeder vereinzelt essen

          und in Gesellschaft scheißen;

          steinzeitlich wird Erkenntnis möglicher sein.

           

          Alle Gedichte, die wahrsagen und den Tod reimen,

          sind Kot, der aus hartem Leib fiel,

          in dem Blut rinnselt, Gewürm überlebt;

          so sah Opitz, der Dichter,

          den sich die Pest als Allegorie verschrieb,

          seinen letzten Dünnpfiff.

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