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Frankfurter Anthologie : Günter Grass: „Der Vater“

Bild: dpa

In diesem Gedicht ist Böses am Werk. Alle Sinne sind angesprochen: das Gehör, der Geschmack, der Geruch. Meisterhaft fängt Günter Grass in „Der Vater“ die latent bedrohliche Stimmung der fünziger Jahre ein.

          Alles spielt sich im Umkreis vertrauter Dinge und alltäglichen Lebens ab. Die Fantastik dieses Dichters entwirft keine exotischen Welten, sie ist auf eine fast kleinbürgerliche und absolut durchschnittliche Weise realistisch. Aber nichts könnte fremder sein als dieses Vertraute. Um die Meisterschaft, ja das gelegentlich Altmeisterliche von Grass erkennen zu können, muss man von dem übermäßig politisch akzentuierten öffentlichen Bild, das er seit den sechziger Jahren von sich entwarf, etwas zurücktreten und die feine Arbeit des Lyrikers beachten. In diesem Gedicht ist ein Böses am Werk - ein Böses jedenfalls, wie es dem Kinderblick erscheint. Dieser Blick muss nicht unbedingt trügen. Ein Unheil liegt auf dieser Familie - aber, wenn es eine Familie ist: Wo steckt überhaupt die Mutter, die mit gutem Zureden das Unheil zu bannen vermöchte?

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Man glaubt sich in einer schaurigen Sage der Brüder Grimm wiederzufinden oder in einem der Märchen von Ludwig Tieck, die eine klamme Atmosphäre herbeizaubern können, ohne dass ein einziges schlimmes Wort fällt. Ein Vater kann an sich ein wohlwollender Jupiter-Patriarch sein, aber auch ein kinderfressender unheimlicher Saturn - Grass verstand sich sehr gut auf die Mythologien. Alles mag Zufall sein, oder der Gang der Dinge, wie sie eben sind: Bauklötze fallen um, und die Milch wird sauer. Na und? Aber das, was sich im Gedicht abspielt, dringt den Beteiligten in alle Poren. Alle Sinne sind angesprochen: das Gehör, der Geschmack, der Geruch. Das ungenannte „Was überhaupt“ wird zu einer Gesamtatmosphäre, der die Kinder nicht entkommen.

          Es kommt keine Auflösung

          Hans Ulrich Gumbrecht hat von einer Art „gewaltsamer Nervosität“ gesprochen, welche das Klima der fünfziger Jahre bestimmt habe. Das ist wohl der Schlüssel. Und Gumbrecht sieht eine „Latenz als Ursprung der Gegenwart“, ein Unausgesprochenes; noch nicht zur völligen Erscheinung gekommen, aber spürbar. Ich weiß kein besseres Wort für dieses Gedicht. Was aber ist eigentlich Latenz? „In der Situation der Latenz sind wir sicher, dass etwas da ist, das wir nicht fassen oder berühren können. Wir können weder sagen, woher wir diese Gewissheit der Präsenz nehmen, noch wo das Latente genau sein soll.“ Der Konflikt findet keine Sprache als die der stummen Blicke. „Verdrängung“ wäre das falsche Wort, man hört ja, wie die Heizung pocht; sie wird schon ihre Gründe haben. Die Kinder teilen ein unausgesprochenes Wissen darüber, dass der Vater die Antwort wissen könnte - und sie schuldig bleibt.

          Die Sammlung „Gleisdreieck“, aus der unser Gedicht stammt, erschien 1960, vier Jahre nach „Die Vorzüge der Windhühner“, dem lyrischen Erstling. Die Latenz der fünfziger Jahre steht nun schon an der Schwelle zur Sprachwerdung, sie kann thematisiert werden; deshalb ist sie eigentlich schon jetzt keine hundertprozentige Latenz mehr; sie wird gestaltet, kommt in den Blick.

          Der Vater ist mitbetroffen von allem, auch er entkommt der latenten Atmosphäre nicht. Er hat den auf sich gerichteten Blick der Kinder sehr gut erkannt, schlaflos bringt er die Nacht zu. Er will wissen, wer er ist, und schaut in den Spiegel. Auch jetzt bleibt: Latenz, es kommt keine Auflösung. Jener Grass, den alle Welt kennt, hat, je später, je mehr, versucht, die Latenz in politische Ausdrücklichkeit zu verwandeln, oft, aber nicht immer zum Nutzen seiner Dichtung. Die Kinder aber, die eben noch den Vater nur strafend anschauten, wurden wenige Jahre später, gerade erst halberwachsen geworden, zu öffentlichen Anklägern - und haben die Kindeskinder diese Rolle nicht übernommen? Der Nachkrieg, so hat es ein anderer Dichter formuliert, der viel jüngere Gerald Zschorsch, „schreitet von Jugend zu Jugend“.

          Günter Grass: „Der Vater“

          Wenn es in der Heizung pocht,

          schauen ihn die Kinder an,

          weil es in der Heizung pocht.

           

          Wenn die Uhr schlägt und Bauklötze

          stürzen, schaun die Kinder,

          weil die Uhr, den Vater an.

           

          Wenn die Milch gerinnt und säuert,

          strafen unverrückbar Blicke,

          weil sein Blick die Milch gesäuert.

           

          Wenn es scharf nach Kurzschluss riecht,

          schaun im Dunkeln alle Kinder ihn an,

          weil’s nach Kurzschluss riecht.

           

          Erst wenn seine Kinder schlafen,

          blickt der Vater in den Spiegel,

          weil er noch nicht schlafen kann.

          Günter Grass: „Lyrische Beute. 140 Gedichte aus fünfzig Jahren“. Steidl Verlag, Göttingen 2004. 272 S., geb., 35,- €.

          Die Audio-CD „Günter Grass liest: Lyrische Beute. 140 Gedichte aus fünfzig Jahren“, ebenfalls 2004 im Steidl Verlag erschienen, kostet 19,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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