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Veröffentlicht: 20.02.2015, 17:39 Uhr

Frankfurter Anthologie Günter Eich: „Fährten in die Prärie“

Weit über ein Jahrhundert deutscher Indianerromantik vermag Günter Eich in diesen zwanzig Hörspielversen zu verdichten. Und doch ist dieses Gedicht in erster Linie eine Hommage an Gottfried Benn.

von Jan Volker Röhnert
© Picture-Alliance Günter Eich, 1958

Man lege einmal diese beiden Fotografien nebeneinander: den Medizinmann und Häuptling der Lakota-Sioux, Sitting Bull, der 1876 mit seiner auf den Geistertanz eingeschworenen Stammeskoalition am Little Big Horn dem 7. Kavallerieregiment General Custers das berühmteste Desaster der amerikanischen Militärgeschichte bereitete, und den Berliner Facharzt für Haut-und Geschlechtskrankheiten, Gottfried Benn, der seit dem Erscheinen seiner dem Expressionismus und einer Ästhetik der klinischen Pathologie verpflichteten Morgue-Gedichte 1912 die deutschsprachige Lyrik auf den Kopf gestellt hatte - da sind zwei Schamanen, die der Welt mit dem undurchdringlichen Blick einer Sphinx ihre Stirne bieten.

Günter Eich widmete das Gedicht aus seinem Winnetou-Hörspiel „Fährten in die Prärie“ im Jahr 1936 nicht zufällig, wenn auch nur für Eingeweihte zu erschließen, Gottfried Benn, über dessen fünfzigsten Geburtstag damals in Deutschland öffentlich geschwiegen werden musste. Denn das SS-Hetzblatt „Das schwarze Korps“ und „Der völkische Beobachter“ hatten ihn, dessen Verkennung der Lage sich das Nazi-Regime 1933 geschickt zur Mithilfe bei der Gleichschaltung der preußischen Dichterakademie zunutze gemacht hatte, als entarteten Künstler diffamiert und damit ex cathedra aus dem literarischen Leben verbannt. Dass er seinen Eintritt in die Wehrmacht als „aristokratische Form der Emigrierung“ ansah, wie er bereits 1935 bekannte, wird aus dieser Perspektive nachvollziehbar.

Ein sehr deutscher Mythos

In den Kreisen der sogenannten „inneren Emigration“, mit welcher der junge Günter Eich wie seine Freunde und Mentoren Oskar Loerke, Wilhelm Lehmann und Elisabeth Langgässer sich identifizierte, hatte sich Gottfried Benn auf diese Weise schnell den Ruf ihres „Manitou“ erworben: Wer wollte, würde die Benn-Hommage wie jeder gute Fährtensucher aus diesen so unscheinbaren Hörspielversen herauslesen können. Sie versteckt sich in exotischen Reimwörtern wie „Prärie“ oder „Mokassin“, die auf Benns sprichwörtliche Reimpreziosen anspielen („Es schlummern orphische Zellen / in Hirnen des Okzident / Fisch und Wein und Stellen, / an denen das Opfer brennt“), aber auch hinter den dreihebig-elegisch über die Zeilengrenzen hinwegfließenden Jamben und den volksliednahen Kreuzreimstrophen, die ein romantisches, von Joseph von Eichendorff kultiviertes Schema fortführen, das Benn, gegen den Strich gebürstet, aber mit ebenso viel Melancholie und Pathos im Blut auf neue artistische Höhen gebracht hatte.

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Weit über ein Jahrhundert deutscher Indianerromantik - von den frühen, noch vom alten Goethe gerühmten Lederstrumpf-Übersetzungen der Romane James Fenimore Coopers über Friedrich Gerstäcker und natürlich Karl May bis hin zum Kulturimport erster schwarz-weißer Leinwandwestern - vermag Eich in diesen Versen zu verdichten. Der Indianer ist ein sehr deutscher Mythos, der schon Generationen Heranwachsender aus spießbürgerlicher Enge in die utopischen Weiten eines fernen, unerforschten Kontinents befördert hatte. Aber das ist längst nicht das Entscheidende: Eich findet für sich im Bild des Indianers eine Identifikationsfigur geistigen Widerstands in Zeiten totaler Repression.

Die ist mein Zwirn

Mochte dieser Widerstand nach außen hin - wie einst der Widerstand der amerikanischen Ureinwohner gegen die herandringende Zivilisation - auch folgenlos erscheinen, so schuf er doch zwischen den Mitverschworenen eine geheime Distanz zum Machtapparat, die ihnen die fatalen zwölf Jahre Nationalsozialismus zu überstehen half. Dass sie sich diesem gleichwohl nicht entziehen konnten oder wollten, zeigen nicht nur Eichs und Benns Wehrmachtsbiographien (die für beide sogar eine Art Karriere war, die sie bis in den Bendlerblock brachte, Benn als Oberstabsarzt und Eich als Unteroffizier in der Zensurstelle des OKW), sondern auch die Tatsache, dass der als Widerstandsfigur intendierte Indianer von den Machthabern ebenso zu einträglich harmloser Affirmation umgedeutet worden ist. Eich konnte sich schwerlich dagegen verwahren, dass sein Radiostück, das der Reichssender Berlin 1936 mit Will Quadflieg in der Winnetou-Rolle ausstrahlte, just vom Benn schmähenden „Völkischen Beobachter“ gelobt wurde.

Als der Hörspielpionier Günter Eich 1946 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft mit seinem Gedicht „Inventur“ auch seine lyrische Zeltbahn neu ausrollte („Dies ist mein Notizbuch, / dies meine Zeltbahn, / dies ist mein Handtuch, / dies ist mein Zwirn“, lautet die letzte der acht Strophen), ist er auf ganz andere Indianerpfade gelangt, als er sie noch zehn Jahre zuvor von seiner märkischen Prärie aus ersonnen hatte. Und doch ist das berühmte Gedicht der sogenannten „Stunde Null“ nicht ganz ohne das frühere zu verstehen, das wehmütig den Indianermythos beschwor. Deutscher sein, bemerkte Heiner Müller einmal sibyllinisch, heiße auch, Indianer zu sein. Günter Eich konnte ein Lied von Utopie und Abgrund dieser Vorstellung singen.

Günter Eich: „Fährten in die Prärie“

Gedenke noch bisweilen

der Knabenphantasie:

Einst über Meer und Meilen

flogst du in die Prärie.

 

Sie hält nicht nur die Spuren

von Huf und Mokassin, -

all deine Träume fuhren

mit übers Grasland hin . . .

 

Der Rand der Lagerfeuer,

wenn sich die Dämmrung naht,

wölkt um die Abenteuer

am Indianerpfad.

 

Es stampft die Bisonherde

in das Savannenlicht,

du spürst die ferne Erde,-

dein Auge sah sie nicht.

 

Da noch die Träume währten,

zuweilen wußtest du’s:

Im welken Gras die Fährten

sind auch von deinem Fuß.

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