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Frankfurter Antholgie : D.H. Lawrence: „Gloire de Dijon“

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Bild: Picture-Alliance

Einige der schönsten Liebesgedichte verdanken wir einer deutsch-englischen Liaison. D.H. Lawrence schreibt sie an seine Geliebte Frieda von Richthofen.

          Am 25. Mai 1912 bringt die Isartalbahn den siebenundzwanzigjährigen Bergarbeitersohn und hoffnungsvollen Autor D.H. Lawrence mit seiner Geliebten Frieda von Richthofen, die soeben ihrem professoralen Ehemann in England entlaufen ist, von München nach Beuerberg. Das Gasthaus, in dem die Schwester der Ausreißerin den beiden eine erste Herberge bereitet hat, wird dank Friedas „genialer Begabung für das Leben“ zum Aufbruchsort in eine so beglückende wie fordernde Gemeinsamkeit.

          Es ist eine englisch-deutsche Begegnung mit unabsehbaren literarischen Folgen, im Zeichen der sinnenfreundlichen liberalitas bavarica und einer malerischen Voralpenlandschaft. „Es war eine schöne, klingende, morgendlich strahlende Welt, für den Engländer unermeßlich und berückend. Seine Seele schien aufzubrechen, wie eine Schmetterlingspuppe in ein neues Leben bricht...Und er wurde ent-englischt (he became unEnglished)“, heißt es in dem autobiographischen Roman „Mr. Noon“. Am 15. Juni schreibt Lawrence einem Freund: „Mein Gott, es ist etwas Wunderbares, einer Frau wie Frieda begegnet zu sein. Ich könnte vor Freude kopfstehen bei dem Gedanken, daß ich sie gefunden habe. Wir sind erst drei Wochen zusammen, und jeden Morgen, jeden Abend liebe ich sie mehr. Keine Ahnung, wo das noch enden soll.“

          In der Gemeinschaft mit Frieda, und nach einer Lungenkrankheit revitalisiert durch den herben Reiz des Isartals, findet D.H. Lawrence auch als Dichter seine Stimme. Während des Krieges, im englischen „Exil“, wird er die poetische Ausbeute dieser Neuen Welt unter dem auftrumpfenden Titel „Look! We Have Come Through!“ veröffentlichen und gleichsam als erotisches Glaubensbekenntnis dem grassierenden Hass der Völker entgegensetzen. Darunter sind einige der schönsten englischen Liebesgedichte; morgendliche, augenöffnende Gedichte.

          Jeden Morgen, jeden Abend liebte er sie mehr

          Eines der bekanntesten trägt in seinem französischen Titel den Namen einer gelb getönten, stark duftenden Kletterrose. Auf das erste Wort kommt es dabei an: Gloire, als Epiphanie weiblicher Schönheit. „Sie ist eine Frau, prachtvoll anzuschauen“, hieß es in dem oben zitierten Brief über Frieda, „a splendid woman to look at“. Und der männliche Blick darf sich an dieser offenherzigen Szene erfreuen. Das Begehren will ins Bild gebracht, der einmalige Moment will Wort werden. Zur Dichtung des „leibhaftigen Jetzt“ vor allem bekennt sich Lawrence’ Poetik; „alle Fasern beben noch im Flug, wollen sich zu einem Gewebe verflechten, und die Wasser lassen den Mond erzittern.“

          Frauenschönheit als Rosenblüte, flores y mujeres – gibt es eine abgegriffenere Metapher? Hier ist sie zu neuem Leben erweckt, zu einer Frische, die mit dem Lebensgefühl der Liebenden in Einklang steht. In einem Einklang von Freiheit und Gebundenheit, wie ihn die expressive Form des Gedichts verkündet, mit ihren zwei asymmetrischen Strophen, ihrem Übergang vom anfänglichen Zeilenstil zur ekstatisch ausgreifenden Syntax, und ihren scheinbar willkürlich gesetzten Voll- oder Halbreimen, die am Ende dann doch so etwas wie einen Refrain bilden.

          Wie in den Badeszenen eines Renoir ist es die Synästhesie von Licht und Wasser, die den weiblichen Körper verklärt und ihm den erotisch-mythischen Zauber der Venus Anadyomene verleiht, der aus dem feuchten Element geborenen Venus. Das flüssige Sonnengold durchdringt und verwandelt die Textur des Körpers und bringt impressionistisch noch seinen Schatten zum Leuchten. Es ist eine Aktstudie, gemalt mit Worten, frei von Voyeurismus und aller Anstößigkeit.

          „Obszön“ war für Lawrence, der seine „Lady Chatterley“ für ein moralisches Buch hielt, das Arbeiterelend der heimischen Gruben und die europäische Kriegslust. Seine Definition von Unmoral lautet: „lebendig tot sein“. Während in den Schützengräben des Weltkriegs das obszöne Schlachten begann, wurde sein großer Liebesroman „The Rainbow“ wegen Unsittlichkeit verboten.

          Apropos: 1929, ein halbes Jahr vor seinem Tod, musste eine Ausstellung seiner Bilder – er hatte spät zu malen begonnen und nahm auch in diesem Medium auf bürgerliche Empfindlichkeiten wenig Rücksicht – polizeilich geschlossen werden. Die angedrohte Verbrennung der unsittlichen Gemälde konnten öffentliche Proteste verhindern. Lawrence kommentierte den Vorfall lyrisch: „Neulich sah ich, kaum auszudenken, / Londons keusche Bobbies in Ohnmacht sinken, / als sie sahen, in frommem Schock, wie nackt / er doch ist, so ein (pfui doch!) Lawrence’scher Akt.“

          D.H. Lawrence: „Gloire de Dijon“

          Wenn sie am Morgen aufsteht,

          laß ich mir Zeit, sie zu betrachten;

          sie breitet das Badetuch aus unterm Fenster,

          und die Sonne bleibt an ihr haften,

          glitzernd weiß auf ihren Schultern,

          während den Schoß hinab ein milder

          Schatten glüht, von Gold umflossen,

          wenn sie sich unterm Schwamm beugt, und im Schwung

          die Brüste wiegen sich wie vollerblühte gelbe

          Gloire de Dijon-Rosen.

           

          Von Wasser überspült triefen die Schultern

          silbern glitzernd, und sie wellen sich wie feucht

          fallende Rosen, und ich lausche

          dem Streichen ihrer naßgezausten Blätter.

          Und im Fenster voller Sonne

          sammelt ihr Schatten goldumflossen

          das Gefältel, bis er milde

          glüht wie lauter Glorienrosen.

           

          Icking

          Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels

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