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Frankfurter Anthologie : Robert Frost: „Innehaltend inmitten der Wälder an einem Schnee-Abend“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Was tut ein Farmer, der heimkehrt und seine vier Kinder nicht ernähren kann? Er stoppt im Schnee und hält inne. Und weiß: Es geht weiter. Ein Gedicht, das dem Leser sagt, was dieser kennt, ohne die rechten Worte dafür zu haben.

          Es ist Robert Frosts berühmtestes Gedicht und vielleicht sogar das populärste der amerikanischen Literatur. Frost hat es bei der Amtseinführung Kennedys vorgetragen, und der Präsident hat die Schlussstrophe am Ende seiner Reden oft dankbar zitiert. Man muss des Englischen nicht mächtig sein, um sich von diesen letzten Versen ansprechen zu lassen: „The woods are lovely, dark, and deep,/But I have promises to keep,/And miles to go before I sleep,/And miles to go before I sleep.“

          Spricht der Dichter hier von sich selbst? Es gibt zwei Entstehungsgeschichten, beide von Frost selbst überliefert: Er habe in einer Julinacht 1922 in seiner Steinhütte in Vermont an dem Titelgedicht des Bandes „New Hampshire“ gefeilt, für den er 1924 seinen ersten Pulitzer-Preis erhalten sollte. Erschöpft, aber aufgekratzt sei er frühmorgens vor die Tür getreten, da habe er die „alte Stimme“ gehört und das Gedicht in einem Zuge aufgeschrieben.

          „Es geht weiter“

          Gegen diese Legende von der freundlichen Inspiration steht nicht nur das später aufgefundene Manuskript mit markanten Änderungen, sondern auch die handfestere Version, die er dem Freund N. Arthur Bleau 1947 erzählte: Frost, 1874 in San Francisco geboren, arbeitete in den Jahren der Great Depression als Apfelfarmer. Eines Abends kam er vom Markt zurück, ohne etwas verkauft zu haben. Es war kurz vor Weihnachten, und er hatte nichts für seine vier Kinder. So sei er voller Verzweiflung mit seinem Pferdeschlitten am verschneiten Waldrand stehengeblieben.

          In diesem Sinne kann man „Stopping by Woods on a Snowy Evening“ als ein Gedicht über den Tod, gar über Selbstmordgedanken lesen. Ebenso gut aber sprechen die letzten Verse über ein Gelöbnis, die Pflicht, wach zu bleiben. „Was ich über das Leben gelernt habe“, sagt Frost, der früh einen Sohn und eine Tochter und 1938 seine Frau verloren hat, „lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Es geht weiter.“

          Die Klangtreue hätte Frost gewiss gefallen

          Zu diesem Weiterleben gehört ein robuster Humor. In den beiden Mittelstrophen ist es ein „kleiner Gaul“, der sich fragt, warum wohl sein „Herr“ an einem zugefrorenen Teich, umringt von verschneiten Wäldern, anhält. Er schüttelt sich, die Schelle am Zaumzeug „spricht“: ein Fehler, ein „Mißverständnis“? Natürlich gibt es keine Antwort. Was sollte der Heimkehrer auch zu seinem Pferd sagen?

          Paul Celan, der Frosts Gedicht wenige Tage nach dessen Tod im Jahr 1963 übersetzte, hatte offenbar Sinn für diesen tierischen Unernst der Mittelstrophen. Mit den Doppelpunkten, die im Original fehlen, leitet er die Rede des Rosses ein. Auch das Fragezeichen in der dritten Strophe und die Gedankenstriche sind Celans Zutaten. Und „verquer“ ist eine Übersetzung des englischen „queer“, die in ihrer Klangtreue Frost gewiss gefallen hätte.

          Innehalten ohne aufzuhalten

          Nur dass Frost selbst, der Berühmtheit seines Gedichts überdrüssig, nicht viel davon hielt, es auszupressen. Das sei, meinte er, wie Tennis ohne Netz zu spielen und hernach das Spiel zu loben. Celans Übertragung befolgt Frosts Rat, auf die Form zu achten, die ja Goethe zufolge den Inhalt macht. Vier Strophen hat das Gedicht, jeweils mit vier Versen, die im Englischen auch noch jeweils vier Hebungen haben und einen kunstvollen Kettenreim, den Celans Übersetzung leicht abwandelt zu einem Kreuzreim. Auffällig ist dabei das Wort „versprach“ in der drittletzten Zeile. Es ist, anders als bei Frost, das einzige ohne Reimpartner. Das Leben ein „Versprechen“, ein „Mißverständnis“, wie es der Sprecher das Pferd, denken“ lässt: das wäre wirklich tragikomisch, ein fast shakespearescher Gedanke.

          Es ist vor allem die Musik des Gedichts, die seine versteckte Modernität ausmacht. Frost sprach in einem der Briefe, die er gerne an seine Studenten richtete, vom „sound of sense“. Und meinte damit weder romantischen Stimmungszauber noch abgehobene Kunsttheorie. Für ihn sollte Poesie den Lesern etwas sagen, das sie kennen, ohne die rechten Worte dafür zu haben. Die gibt uns der Dichter (und sein Übersetzer), mit dem Auge auf dem Objekt und dem Ohr an den Geräuschen der winterlichen Natur, die einen innehalten lässt, aber nicht aufhalten soll. Denn es sind „Meilen Wegs noch bis zum Schlaf“.

          Wes diese Wälder sind, das weiß ich recht genau.

          Allein im Dorf erst, drüben, steht sein Haus.

          Der Schnee füllt ihm den Wald – steh ich und schau,

          dann sieht er mich nicht, macht er mich nicht aus.

           

          Mein kleiner Gaul, der findets wohl verquer:

          kein Haus, kein Hof – und dahier hält sein Herr;

          ein Teich, gefroren, und nur Wälder um uns her;

          der Abend heut – im ganzen Jahr kein finsterer.

           

          Das Zaumzeug schüttelt er – die Schelle spricht:

          Ist das ein Mißverständnis – oder nicht?

          Ich lausch und horch – ich hör sonst nichts;

          doch, dies noch: leichten Wind, die Flocken, erdwärts, dicht.

           

          Anheimelnd, dunkel, tief die Wälder, die ich traf.

          Doch noch nicht eingelöst, was ich versprach.

          Und Meilen, Meilen noch vorm Schlaf.

          Und Meilen Wegs noch bis zum Schlaf.

           

          Aus dem Amerikanischen von Paul Celan

           

          ***

          Whose woods these are I think I know.   

          His house is in the village though;   

          He will not see me stopping here   

          To watch his woods fill up with snow.   

           

          My little horse must think it queer   

          To stop without a farmhouse near   

          Between the woods and frozen lake   

          The darkest evening of the year.   

           

          He gives his harness bells a shake   

          To ask if there is some mistake.   

          The only other sound’s the sweep   

          Of easy wind and downy flake.   

           

          The woods are lovely, dark and deep,   

          But I have promises to keep,   

          And miles to go before I sleep,   

          And miles to go before I sleep.

          Paul Celan: „Übertragungen. Gesammelte Werke 4 und 5“. Hrsg. von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitwirkung von Rolf Bücher. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 1552 S., br., 23,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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