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Veröffentlicht: 23.10.2015, 17:00 Uhr

Frankfurter Anthologie Gary Snyder: „Vögel bestimmen“

Gary Snyder lernte Zen-Buddhismus in Japan und ließ sich anschließend in der Bergeinsamkeit der Sierra Nevada nieder. Nur in der Lyrik habe die Natur eine Lobby, meinte er. Dieses Gedicht beweist es.

von Jan Voker Röhnert
© ISIFA, picture-alliance/ dpa, Thomas Huber, dpa Thomas Huber liest „Vögel bestimmen“ von Gary Snyder

Japhy Rider war ein Typ aus dem östlichen Oregon, der in einem Holzhaus tief im Wald aufgewachsen war, ein Holzfäller, ein Farmer, der sich für Tiere und Indianerfolklore interessierte...als er schließlich aufs College kam und sich dem Studium der Anthropologie und dann später der indianischen Sagenwelt im Urtext widmete.“ Jack Kerouac hatte nicht viel hinzuerfunden, als er mit diesen Eingangssätzen den Helden seines Romans „Gammler, Zen und hohe Berge“ charakterisierte, zu dem ihn der 1930 in San Francisco geborene Dichter Gary Snyder inspiriert hatte.

Ein Jahr nach der Begegnung mit Kerouac, 1956, verabschiedete sich Snyder für fast anderthalb Jahrzehnte nach Japan, um Unterweisung im Zen-Buddhismus zu erhalten – begonnen hatte sein Studium mit der Übersetzung der „Gedichte vom Kalten Berg“ des chinesischen Bettelmönchs Han Shan. Sie wurden zur Wegmarke in der Begegnung von amerikanischem Modernismus mit fernöstlicher Kultur und lieferten der sich formierenden Gegenbewegung in neuer und alter Welt Argumente für alternative Daseinsentwürfe. Nach seiner Rückkehr aus Japan ließ sich Snyder in der Bergeinsamkeit der Sierra Nevada nieder und betrieb nachhaltige Land- und Forstwirtschaft auf einer Öko-Farm mit Solarstrom. Die Legende sagt, dass Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown sich Rat bei Snyder holt, wenn er nicht weiter weiß.

Lektionen der Wildnis

„Turtle Island“, Schildkröteninsel, nannten die amerikanischen Ureinwohner die pazifische Seite des Kontinents von Big Sur bis hinauf nach Alaska. Mythologie, Erdkunde, Steinzeit und Gegenwart verschmelzen auf wunderbare Weise im gleichnamigen Buch, für das Snyder 1975 den Pulitzer-Preis erhielt. Seine 1990 erschienenen Lektionen der Wildnis („Practice of the Wild“) sind ein Hauptwerk ökologischen Denkens und sollten in den Regalen aller unteren Naturschutzbehörden ganz oben stehen. Wilde Natur, so Snyder, besitze keine wirkliche politische Lobby – außer vielleicht in Gedichten mit ihren jähen Gedankenblitzen, assoziativen Volten und verblüffenden Bildern.

Davon zeugt das vorliegende Gedicht des Fünfundachtzigjährigen. Die Vögel, die wir mit aller empirischen Präzision bestimmen wollen, entziehen sich mit all den Reizen ihrer Erscheinung, ihrer namenlos flottierenden Poesie, sobald wir sie einmal auf den Begriff gebracht haben. Ist das nicht paradox? Sind all die empirischen Anstrengungen fehlerfreier Benennung und Bestimmung der Natur, die Klassifikationen Linnés, Buffons enzyklopädische Naturgeschichte, Brehms Tierleben und Lorenz‘ „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ umsonst gewesen, weil sich die Gegenstände der Beobachtung herzlich wenig darum scheren, was Menschen über sie denken, welche Namen sie ihnen geben? So besehen, sagt Vogelkunde wenig über Vögel und viel über uns Vogelkunde treibende Menschen aus.

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Gary Snyders elliptisch knappes, stichpunktartiges Gedicht ist ein Lehrstück in Zen-Philosophie: Die Natur, als unbändige Wildnis begriffen, setzt uns in Erstaunen. Dabei wollen wir es aber nicht belassen. Was uns erstaunt, will festgestellt und aufgeschrieben sein, faktisch nachprüfbar. Der Name stellt das, was wir bereits wussten, fest – der Vogel selber ist davon geflogen. Snyders Gedicht handelt von der intellektuellen Uneinholbarkeit der Natur und vom Scheitern jedes noch so guten Naturgedichts an seinem Gegenstand. Wenn einer Vögel bestimmen kann, dann ist es der Naturbursche Snyder. Er hat sie oft ins Visier genommen, und es scheint, als ziehe Snyder hier eine Summe seiner Begegnungen mit der atmosphärisch flüchtigen Spezies. Er weiß, dass es nicht hinreicht, die Natur „zu bestimmen“. Es ist höchstens ein Anfang, um die Begriffe wieder außer Kraft zu setzen. Die Poesie steckt im leeren Raum zwischen den beschriebenen Zeilen: das ist Snyders Zen-Parabel.

Gary Snyder: „Vögel bestimmen“ / „How To Know Birds“

Der Ort, an dem du bist

Die Jahreszeit

 

Wie sie sich bewegen, wo in Gras, Strauch, Wald,

Fels, Schilf sie anzutreffen sind

allein, in Schwärmen oder Grüppchen?

 

Größe, Geschwindigkeit, Flugbahnen

 

Eigentümlichkeiten. Schwanzwipp, Flügelschlag, Geflatter –

Siehst du auch, was sie vertilgen?

 

Rufe und Gesänge?

 

Erkennst du schließlich, falls es dir gelingt, ihre Färbung,

das Federkleid von nah – Linien, Punkte, Strichelung

 

Einzelheiten, die du brauchst, um an einen Namen zu gelangen

aber

 

diesen Vogel kannten wir doch schon.

 

Aus dem Amerikanischen von Jan Volker Röhnert.

***

The place you're in

The time of year

 

How they move and where in the meadows, brush, forest,

rocks, reeds, are they hanging out,

alone or in little groups?

 

Size, speed, sorts of flight

 

Quirks. Tail flicks, wing-shakes, bobbing –

Can you see what they're eating?

 

Calls and songs?

 

Finally, if you get a chance, can you see the colors,

details of plumage – lines, dots, bars

 

That will tell you the details you need to come up with a name

but

 

You already know this bird. 

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 61 84

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