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Aktualisiert: 12.07.2016, 17:50 Uhr

Frankfurter Anthologie Ephraim der Syrer: „Carmen Nisibenum 10“

Er gilt als der größte Dichter unter den Kirchenvätern. Das Leid, das Ephraim der Syrer vor 1800 Jahren in seinen Versen beschrieb, ist plötzlich wieder aktuell.

von Hartmut Leppin
© F.A.Z. Thomas Huber liest „Carmen Nisibenum 10“ von Ephraim dem Syrer

Fernsehbilder unserer Tage drängen sich auf, wenn man diese Verse liest, und doch: Sie stammen von einem Autor des vierten Jahrhunderts nach Christus, von Ephraim dem Syrer. Das Elend einer belagerten Stadt tritt vor Augen, dahinvegetierende Kinder und Erwachsene, Not und Sterben überall. Ephraim erspart dem Leser keinen Schrecken: Es herrscht Hunger und bei der Gluthitze sogar Durst, obwohl die Stadt an einem Fluss liegt. Faulende Leichen bedecken den Boden, der ihren Eiter aufsaugt. Mit solch verstörenden, drastischen Bildern schildert Ephraim das Geschehen wohl in Hanzit, einer Festung unweit seiner Heimatstadt Nisibis. Diese wiederum lag nahe der Grenze zwischen Römischem und Persischem Reich, in einer Landschaft zwischen Euphrat und Tigris, die immer neu von brutalen Kämpfen heimgesucht wurde. Nisibis mit seinen starken Mauern hatte mehreren Belagerungen getrotzt, noch furchtbarer als der Stadt erging es ihrer schlecht geschützten Umgebung.

Ephraim, der selbst keusch lebte, bekundet seine Nähe zu den Opfern, indem er sie als Verwandte anspricht, gar als seine Kinder; gerade Töchter - hier sind wohl zerstörte Bollwerke gemeint - standen in seiner Welt für Schutzbedürftigkeit. Die natürliche Ordnung hat sich verkehrt: Sprudelnde Quellen, bei Ephraim sonst Inbegriff der Fülle der Schöpfung, sind versiegt. An der Brust seiner Mutter verdurstet der Säugling. Der Dichter hadert mit seinem Gott; manche Verse klingen nachgerade sarkastisch, denn Gott scheint das Leiden nur steigern zu wollen. Aus den Versen dringt die Klage über das Elend dieser Welt, das einmal ein Ende finden soll und doch immer nur zunimmt. Ephraim kann nicht verstehen, warum Gott den Menschen so etwas antut. Eine bedrängend moderne Stimme des Sinnverlustes scheint vielmehr aus den jahrhundertealten Versen zu schreien.

Der Dichter hadert mit seinem Gott

Doch da ist der Refrain, der nach jeder der Strophen wiederkehrte, insgesamt zwanzigmal: Gepriesen sei deine Züchtigung! Das Elend gewinnt seinen Sinn. Anspielungen auf die Bibel deuten an, dass Sünden bestraft würden: Das neutestamentliche Gleichnis vom Reichen, der nicht bereit ist abzugeben und in der Hölle leidet, wird evoziert; Sodom, Inbegriff einer wegen ihrer Missetaten vernichteten Stadt, findet Erwähnung - doch es litt wenigstens kürzer als Hanzit. Der Dichter benennt keinen konkreten Frevel, aber für die Züchtigung richtet er seinen Dank an Gott, denn er weiß um die Sündhaftigkeit der Menschen. Er vertraut darauf, dass Gottes Handeln Lobpreis verdient, auch wenn er es nicht begreift. Nicht einmal das furchtbare Los der Belagerten bringt den Glauben dauerhaft ins Wanken. Es ist der Text eines christlichen Dichters, der einer Gemeinschaft entstammt, die unendlich viel Bedrückung erlebt hatte und darin Gottes Züchtigung erkennen wollte. Das kollektive Schicksal wird immer mehr zum eigenen Leid.

Die Verse sind aber keine private Meditation, sie gehören zu einem Hymnus, der wohl in Gottesdiensten vorgetragen wurde, vielleicht durch einen Einzelsänger mit einem Chor, der den Refrain sang. Sie bedienen sich der syrischen Sprache, einer in diesem Raum verbreiteten Spielart des Aramäischen, das wiederum in einer anderen Variante die Muttersprache Jesu war - es war also nicht das Arabisch, das in Syrien gesprochen wird. In Spätantike und frühem Mittelalter diente das Syrische als eine wichtige Verkehrs- und Bildungssprache im Gebiet des heutigen Syriens und des Iraks. Viele griechische Texte wurden über das Syrische an Araber und Armenier vermittelt. Syrischsprachige Missionare trugen die Sprache bis nach China und Indien, wo sie bis heute eine Rolle in den alten, vorkolonialen christlichen Kirchen spielt. Auf Syrisch verständigten sich wohl die meisten Christen in Nisibis.

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Ephraim war weit über den syrischen Sprachraum hinaus bekannt, und seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Er ist ein Klassiker des christlichen Orients und auch in der orthodoxen Welt durchaus bekannt. Doch Ruhm war nicht sein Ziel, und Leid erfuhr er reichlich. Ephraim sollte es noch erleben, wie sein Nisibis 363 an die Perser abgetreten wurde. Er musste wie die anderen römischen Untertanen nach Edessa, einem anderen kulturellen Zentrum der Syrer im Römischen Reich, auswandern. Dort starb er, ein Römer syrischer Zunge, zehn Jahre später eines friedlichen Todes.

Nisibis heißt heute Nusaybin und liegt im Südosten der Türkei nahe an der Grenze zu Syrien. Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus Kurden, aber auch Aramäer haben dort ihre Heimat, jedenfalls galt dies bis vor kurzem. Die jüngsten Nachrichten besagen, dass die Stadt unter einem Belagerungszustand stehe, der schon viele Tote gefordert habe, dass es zu Zerstörungen von Gebäuden gekommen sei; die Versorgungslage sei schlecht. Der letzte Christ, der Küster einer Kirche, soll die Stadt inzwischen verlassen haben. Die leidensbereite Welt, aus der Ephraim stammt, geht vollends zugrunde. Europa schaut ohnmächtig zu.

Ephraim der Syrer: „Carmen Nisibenum 10“

Meine Kinder sind hingeschlachtet und meine Töchter, die außerhalb meiner

Befestigung sind; ihre Mauern niedergerissen, ihre Kinder zerstreut, zertreten ihre Heiligtümer.

Refrain: Gepriesen sei deine Züchtigung!

Die Jäger haben von meinen Bollwerken meine Tauben gefangen, die ihre Nester

verlassen hatten und in Höhlen geflohen waren. Mit einem Netz fingen sie sie!

Wie Wachs von dem Feuer schmilzt, so zerschmolzen und vergingen die Leiber

meiner Söhne vor Hitze und Durst in den Befestigungen.

Anstatt der Quellen und der Milch, die für meine Söhne und Kinder flossen, fehlt nun

die Milch den Kleinen und das Wasser den Entwöhnten.

In Todeszuckungen fiel das Kind von der Mutter, denn es konnte nicht mehr saugen, und

sie vermochte es nicht mehr zu stillen; sie beide gaben den Geist auf und starben.

Wie konnte deine Güte ihren eigenen Brunnen Zügel anlegen, da doch der Überfluss

ihrer Quellen nicht gehemmt werden kann?

Und wie hat da deine Güte ihr Mitleid verschlossen und ihre Quelle dem Volk

vorenthalten, das danach schrie, seine Zunge zu benetzen?

Und ein Abgrund hatte sich aufgetan zwischen ihnen und ihren Brüdern, wie bei dem

Reichen, der schrie, und keiner war, der ihn erhörte und seine Zunge benetzte.

Und gleichsam mitten ins Feuer waren die Unglücklichen geworfen, und Gluthitze

hauchte das Feuer inmitten der Dürstenden aus, und in ihnen loderte es.

Es zerschmolzen ihre Leiber und wurden von der Hitze aufgelöst; es tränkten die

Verdursteten ihrerseits die Erde mit dem Eiter ihrer Körper.

Und die Festung, die ihre Bewohner durch den Durst ermordet hatte, trank nun

wieder den Ausfluss der Leichname derer, die vor Durst dahingeschwunden waren.

Wer sah je ein Volk, von Durst gequält, während es eine Mauer von Wasser umgibt,

und es doch nicht seine Zunge benetzen kann?

Mit dem Urteil von Sodom wurden auch meine Lieben gerichtet, und meine Kinder

wurden heimgesucht mit der qualvollen Strafe Sodoms. Die aber dauerte nur einen Tag.

Die Qual des Feuertodes, Herr, währt nur eine Stunde, aber das lange

Verschmachten bedeutet einen langsamen Tod und eine ausgesuchte Qual.

Nach meinen Schmerzen und bitteren Leiden, Herr, - soll das ein Trost sein, der

andere, den du mir gabst, dass du meine Unglückseligkeit vermehrt hast?

Die Medizin, die ich erwartete: der wirkliche Schmerz, der Verband, nach dem ich

ausschaute: eine bittre Wunde. Das wollen sie mir antun.

Und als ich erwartet hatte, dem Sturm zu entrinnen, wurde mir der Sturm im Hafen

gefährlicher als der im offenen Meer.

Und wenn ich gehofft hatte in meiner Beschränktheit, dass ich mich aus der Grube

herausgearbeitet hätte, da warfen mich meine Sünden wieder mitten hinein.

Sieh, Herr, meine Glieder! Schwerter dichtgedrängt in mir - sie haben meine Arme

gezeichnet -, und die entstellenden Wunden der Pfeile, eingesät in meine Seiten.

Tränen in meinen Augen, Kunde in meinen Ohren, Weherufe in meinem

Munde, Trübsal in meinem Herzen - kein neues Leid mehr für mich, o Herr!

 

Die Übersetzung basiert auf jener von Pius Zingerle, die mit der Edmund Becks abgeglichen wurde.

Glosse

Zum Einschmelzen zu schade

Von Andreas Rossmann

Für seine Rückkehr hat der Bischof jeden Tag gebetet, nun ist es unversehrt zurück: Das Borghorster Stiftskreuz rettete sein ideeller Wert vor dem Einschmelzen. Mehr 0

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