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Frankfurter Anthologie : E. E. Cummings: „XAIPE / 65“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Ganz untypisch für diesen Autor haben wir es hier mit einer Hymne zu tun. Erzählt wird in einer Sondersprache die Erweckung eines toten Schlafenden zur herrlichen Welt.

          Edward Estlin Cummings (1894 bis 1962), neben William Carlos Williams und Wallace Stevens einer der wegweisenden nordamerikanischen Dichter des letzten Jahrhunderts, gilt nicht gerade als Hymniker. Doch hier, in diesem Gedicht, offenbart er sich als solcher. Das Gedicht spricht von einer Epiphanie. Es fasst eine geistige Wiedergeburt in Worte. Es erzählt die Erweckung eines toten Schlafenden zur herrlichen Welt.

          Der Ruhm von E.E.Cummings beruht in erster Linie auf seinen überraschenden, mitunter auch verwegenen Sprachexperimenten. Anders als William Carlos Williams, der nah an den Fakten und der gesprochenen Sprache operiert, und Wallace Stevens, der mit Hilfe der Imagination die in der Realität versteckte Wirklichkeit freizulegen versucht, will E.E. Cummings das genormte Denken und mit ihm den vorgefertigten Menschen, wie er ihn im Drill des Ersten Weltkriegs und in der kapitalistischen Gesellschaft erfahren hatte, aufbrechen. So wie Rimbaud „un dérèglement de tous les sens“ forderte, eine verstörende Entregelung aller Sinne, so möchte E.E. Cummings mittels eines schmerzhaften Verfahrens des Entdenkens die Bedeutungsordnung der geläufigen Sprache und ihre Schablonen zerschlagen. Er entwickelte eine Sondersprache, in der Syntax und ‚normale‘ Wortfolgen durcheinander geraten konnten, bis hin zu verrückten typographischen Experimenten wie in seinem berühmten Grashüpfer-Gedicht. Schon von seinem ersten Gedichtband an, „Tulpen und Kamine“ („Tulips and Chimneys“, 1923) galt er als einer, der Klang- und Sinnstruktur von Sprache meisterlich neu zu ordnen verstand.

          Herrlich die Welt dem Wiedergeborenen

          So ist auch der erste Eindruck beim Lesen dieses Gedichts: Wir haben es mit einem kleinen, dreisten, raffiniert gebauten Musikstück zu tun. Die Form ist noch konventionell, letztlich ein Sonett mit unsauberen Reimen, die Mirko Bonné zum Teil wiedergibt, aber nirgends forciert, um auch im Deutschen die drängende Frische der Musik zu erhalten. Es gibt einige umgekehrte Wortfolgen – hier nur ein Beispiel: ,für meist den wundervollen tag‘. Im Original: ,for most this amazing day‘. Oder das für sich stehende ,ja‘ ganz am Ende der ersten Strophe. Dieses ‚ja‘ zieht inhaltlich alles zusammen: das Erkennen der Welt, ihrer Herrlichkeit, Bejahung und Danksagung für das ,grenzenlos geschehende‘ in der folgenden Strophe. Wer muss hier nicht an einen Choral denken oder an ein verdrehtes Kyrie eleison? Im Hellenistischen war dies ein Huldigungsruf an die herrschenden Götter, und der Titel des gesamten Bandes, dem dieses Sonett entnommen ist, XAIPE – ‚freut euch‘ auf Altgriechisch – scheint diese Interpretation zu stützen. Obwohl Cummings nicht besonders religiös war, ist diese Sprach- und Sinnmusik eine Huldigung, eine Preisung von Himmel und Erde und ihres Schöpfers.

          In dem Text geschieht nicht viel: Ein langsames Erwachen aus einer tiefen Depression oder einem todähnlichen Schlaf, bis das Ich, das spricht, sich wiedergeboren fühlt. Und welche Freude am Wahrnehmen, am Leben empfindet dieses Ich! Eine frische, funkelnde Weltfreudigkeit bricht sich Bahn. Wir spüren eine strömende Energie, ein durch Sprachkunst ausgelöstes Energiefeld. Die Bäume springen grün ins Sein, die Sonne wird geboren, die Liebe, die Flügel falten neu sich auf. Aus dem ganzen Nein des Nichts kommt die Erde leuchtend zum Vorschein und überwältigt uns mit ihrer Schönheit.

          Die zweite Strophe und das abschließende Verspaar hat Cummings in Klammern gesetzt, als sei der Raum hier privater. Das Ich spricht zur Seite und wie zu sich selbst. Es sagt, was mit ihm geschieht, dass seine Augen nun ganz offen und seine Ohren nun ganz empfänglich sind und es wie zum ersten Mal den Gott sieht und hört. Die dritte Strophe hatte dieses Erlebnis ins Allgemeine gehoben: Wie kann man die Gewalt der Schöpfung bezweifeln, wenn man sich seinen Sinnen anvertraut, dem Schmecken, dem Tasten, Hören und Sehen, wenn man atmet? Vielleicht hat Eva Hesse, die erste Übersetzerin von Cummings, an dieses Gedicht gedacht, als sie sagte, dass Cummings’ Gedichte „auf den Lippen und im Ohr entstehen.“

          E. E. Cummings: „XAIPE / 65“

          ich dank Dir Gott für meist den wundervollen

          tag: für dieses sprunghafte baumsein grün wie je;

          den klaren wahren traum von himmel; alles

          was natürlich ist, unendlich ist, was ja

           

          (ich der gestorben bin bin neu am leben heute,

          am werdetag der sonne, ja am werde

          tag von leben liebe flügeln: der erfreuten

          großen, grenzenlos geschehenden erde)

           

          wie sollte schmeckend tastend hörend sehend

          atmend irgend – aufgehoben aus dem nein

          des ganzen nichts – ein menschlich bloßes wesen

          bezweifeln unvorstellbar Dein?

           

          (jetzt wachen die ohren meiner ohren auf und

          jetzt sind die augen meiner augen offen)

           

          Aus dem Amerikanischen von Mirko Bonné.

          ***

          I thank You God for most this amazing

          day: for the leaping greenly spirits of trees

          and a blue dream of sky; and for everything

          which is natural which is infinite which is yes

           

          (i who have died am alive again today,

          and this is the sun´s birthday; this is the birth

          day of life and of love and wings: and of the gay

          great happening illimitably earth)

           

          how should tasting touching hearing seeing

          breathing any – lifted from the no

          of all nothing – human merely being

          doubt unimaginable You?

           

          (now the ears of my ears awake and

          now the eyes of my eyes are opened)

          E.E. Cummings: „39 Alphabetisch“. Gedichte. Amerikanisch/Deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Mirko Bonné. Urs Engeler Editor, Basel 2001. 96 S., br., 14,50 €.

          Von Joachim Sartorius ist zuletzt erschienen: „Für nichts und wieder alles“. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 96 S., geb., 15,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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