http://www.faz.net/-gr0-956s7

Frankfurter Anthologie : Robert Gernhardt: „Dorlamm meint“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Den fiktiven Dichter Dorlamm hat Robert Gernhardt, der dieser Tage 80 Jahre alt geworden wäre, in vielen Versen verewigt. Meist scheitert Dorlamm. Doch in diesem Gedicht ist es anders.

          Zahlreiche Gedichte zur Problematik des künstlerischen Schaffens verdanken wir Robert Gernhardt, der in diesen Tagen achtzig Jahre alt geworden wäre. Gleich zehn Gedichte widmete er einem uns dahin unbekannten Dichter namens Dorlamm. Allesamt bestehen sie aus schlichten Zweizeilern mit Endreim – einfacher geht‘s nicht. Im Kontrast zur Form steht der hohe Anspruch an sich selbst und seine Kunst, den der fiktive Dichter ein ums andere Mal formuliert. Er wird ihm nicht gerecht, scheitert an sich selbst und auch an seinem Werk, das er bei einer zufälligen Lektüre als Mist bezeichnet und danach erst als das eigene erkennt.

          Doch ist in dieser kleinen Schar von Gedichten eines, das einen wichtigen Punkt künstlerischen Schaffens treffend beleuchtet. „Dorlamm meint“ kommt in der für Gernhardt so typisch banalen Form einher, die selbst ein gewichtiges Thema wie flüchtig hingetupft erscheinen lässt. Vehement grenzt Dorlamm seine Meinung von der seiner Umgebung ab. Andere Meinungen, treffend bezeichnet als „Deinung“ und „Eurungen“, werden als störende Einmischungen beiseite gewischt. Das mag hochmütig, selbstverliebt und weltfremd klingen. Aber ist das Gesagte deshalb falsch?

          Wettstreit der Meinungen und Deinungen

          Wer ein Gedicht oder einen Roman schreibt, ein Bild malt oder ein Lied komponiert, tut dies vor dem Hintergrund einer unüberschaubaren Fülle vergleichbarer Gedichte, Romane, Bilder und Lieder. Wer dieses Umfeld bewusst wahrnimmt, kann schnell mutlos werden. Die idealtypische Vorstellung wäre zwar, dass ein Künstler oder Wissenschaftler alle in Frage stehenden Vorbilder und Vorläufer zur Kenntnis nimmt, sie durcharbeitet, um schließlich und endlich seinen darauf aufbauenden eigenen Beitrag hinzuzufügen – aber die Beobachtung kreativer Prozesse zeigt eher andere Verläufe. Wer zu Beginn eines großen Projekts all die Schwierigkeiten vor Augen hat, die er bei der Bearbeitung zu bewältigen haben wird, könnte aufgeben, bevor er begonnen hat – und das trifft auch auf viele Menschen zu. Sie sehen die sich auftürmenden Schwierigkeiten und beginnen gar nicht erst zu klettern. Derjenige, dem Größenphantasien zur Verfügung stehen, fliegt über das Gebirge der Realität, über Vorläufer und Konkurrenten hinweg und schaut das Land, das zu erobern er sich anschickt.

          Die hier in Frage stehenden Größenphantasien können dabei mehr oder weniger selbstkritisch gefärbt sein. Sie reichen von Arthur Schopenhauers Ausspruch: „ Bescheidenheit bei mittelmäßigen Fähigkeiten ist bloße Ehrlichkeit; bei großen Talenten ist sie Heuchelei!“, bis zur Aussage von Friedrich Schiller während seiner Arbeit am Wallenstein: „Ohne einen gewissen kühnen Glauben an mich selbst würde ich schwerlich fortfahren können!“ Der als kühn eingestufte Glaube an sich selbst ist zwingend notwendig, da umfangreiche, langwierige kreative Prozesse den schöpferischen Menschen in Bereiche der Einsamkeit führen. Grundlegend Neues kann nur errichtet werden, wenn zuvor alte Denk-, Handlungs- und Erlebensmuster aufgebrochen werden.

          Robert Gernhardt hat die Notwendigkeit, die eigenen Ideen und Meinungen zu sichern und abzugrenzen gegen Angriffe in seinem Gedicht „Dorlamm meint“ ironisch auf den Punkt gebracht. Deinungen und Eurungen können verunsichern, gegebenenfalls sogar zerstörend wirken. Abgrenzung und den kreativen Prozess absichernde Größenphantasien sind dann gefragt und zwingend notwendig. Das hat nichts mit einem krankhaften Narzissmus oder einem Größenwahn zu tun. In psychologischen Kreativitätstheorien wird diesen hilfreichen und notwendigen, „die Not wendenden“ Größenphantasien viel zu wenig Aufmerksamkeit gespendet.

          „Dorlamm irrt. Doch formulieren kann er.“ So endet das Gedicht. Es scheint, als würde sich Robert Gernhardts „ lyrisches Ich“ kurzfristig gemein machen mit der Kritik der Banausen und Philister, um die Stoßkraft ihres Angriffs („Senkt das Banner!“) abzufedern. Er behauptet zwar, dass sein Protagonist irrt, rettet ihn dann aber als Künstler. Ganz gleich, wie vertrackt die Wirklichkeit ist oder wie widersprüchlich die Themen daherkommen mögen, im Glauben an die Unverwüstlichkeit des Reims sind sich Dichter Dorlamm und sein Autor einig: „Das Dichten wird’s schon richten.“

          Robert Gernhardt: „Dorlamm meint“

          Dichter Dorlamm läßt nur äußerst selten
          andre Meinungen als seine gelten.

          Meinung, sagt er, kommt nun mal von mein,
          deine Meinung kann nicht meine sein.

          Meine Meinung – ja, das läßt sich hören!
          Deine Deinung könnte da nur stören.

          Und ihr andern schweigt! Du meine Güte!
          Eure Eurung steckt euch an die Hüte!

          Laßt uns schweigen, Freunde! Senkt das Banner!
          Dorlamm irrt. Doch formulieren kann er.

          Robert Gernhardt: „Gesammelte Gedichte 1954 – 2006“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 1168 S., geb., 16,– €.

          Von Hartmut Kraft ist zuletzt erschienen: „Die Lust am TABUbruch“. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015. 244 S., br., 20,– €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kühnert kämpft Video-Seite öffnen

          Vor Koalitionsgesprächen : Kühnert kämpft

          Der Juso-Chef Kevin Kühnert stemmt sich gegen eine neue große Koalition und geht auf Werbetour. Damit gerät die SPD weiter unter Druck. Und ganz besonders ihr Vorsitzender.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Trump in Zahlen : 2600 Tweets und 86 Tage auf dem Golfplatz

          Über die ersten 365 Amtstage des amerikanischen Präsidenten werden ganze Bücher geschrieben. Manchmal aber sagen Zahlen mehr als tausend Worte – FAZ.NET präsentiert die spannendsten.
          Ein Ersatz für Männer? Beruflich vielleicht schon.

          Ökonom warnt : Computer kosten vor allem Männer ihre Stellen

          Computer und Automatisierung bringen viele Verlierer, warnt der bekannte Ökonom Carl Benedikt Frey. Das treffe vor allem Männer. Dazu drohen ganzen Regionen zu verarmen.

          SPD vor Groko-Abstimmung : Muss Schulz Opfer bringen?

          In Bonn entscheiden am Sonntag 600 Delegierte darüber, ob die Sozialdemokraten regierungsfähig bleiben. In vielen Landesverbänden wird ein Zeichen des Neuanfangs verlangt – dabei geht es auch um die Zukunft des Parteichefs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.