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Frankfurter Anthologie : Dirk von Petersdorff: „Raucherecke“

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Uni Jena

Raucherecken, früher dick umwölkt, sind an den Schulen auf dem Rückzug. In diesem Gedicht wird ihnen und dem verschworenen Lungenzug ein Denkmal gesetzt.

          Erinnerung nimmt ihre eigenen Wege, ist nicht zu steuern. Ereignisse, die ganz vergessen waren, tauchen plötzlich wieder auf, mit allen anhängenden Gefühlen. Ein Ort mit seiner Atmosphäre erscheint wieder, aber gleichzeitig ist man schmerzhaft von ihm getrennt. Für ein solches Gemisch aus Vergangenheit und Gegenwart ist die Lyrik immer schon zuständig gewesen, und so ist es mir mit der Raucherecke (Gedichttext im Kasten unten) ergangen.

          Der Begriff der Raucherecke ist vielleicht kommentarbedürftig, weil sich diese Einrichtung gesellschaftlich auf dem Rückzug befindet? Es handelt sich um einen kleinen, meist etwas abgelegenen Bezirk, etwa neben dem Fahrradkeller, an dem Schüler von einem bestimmten Alter an rauchen dürfen. In der Gedichtszene ist früher Morgen, die kleine Gruppe friert, was an der Jahreszeit liegt, aber auch daran, dass man in diesen Entwicklungsphasen oft friert.

          Düstere Ahnungen

          Mit dem Ort der Raucherecke ist auch eine Haltung verbunden: Man steht zusammen, kehrt der Welt, ihren Mechanismen und Regeln, den Rücken zu und muss nicht viel sagen, ist sich schweigend einig (selbst wenn man gar nicht so genau weiß, worin man sich eigentlich einig ist). Man ist noch nicht der flexible Mensch, sondern steht trotzig und fest, Haare hängen in die Stirn. Zur Aura dieses Ortes gehört auch eine Gefühlslage. Sie setzt sich zusammen aus einem überlegenen Wissen, aus düsteren Ahnungen, Schicksalsglauben, aber auch aus der Hoffnung, errettet zu werden, am besten von einem weiblichen Körper. Seinen Ausdruck findet dieser Habitus im kunstvollen Ausstoßen des Rauches. Allerdings muss ich zugeben, nie geraucht, sondern immer nur dabei gestanden zu haben.

          In der Entstehung dieses Gedichts schossen Inhalt und Form zusammen, denn gleichzeitig mit dem Wiederauftauchen der Raucherecke hatte ich den Ton im Kopf, der von Friedrich Gottlieb Klopstock stammt. In seiner Ode „Die frühen Gräber“ steht ein Ich in einer Sommernacht an den Gräbern seiner jung verstorbenen Freunde, spricht mit dem Mond, dem „Gedankenfreund“, und dann mit den Weggefährten: „Ihr Edleren, ach, es bewächst / Eure Male schon ernstes Moos! / O, wie war glücklich ich, als ich noch mit euch / Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht!“

          Dieser Klopstockton, in die Gegenwart transportiert, macht es möglich, zu einer Verbindung von Ernst und leisem Scherz zu gelangen. Die Odenverse Klopstocks sind in der „Raucherecke“ in frei-rhythmische Verse überführt, aber die Bewegung aus gleichmäßigem Wechsel, schnellerem Fluss und Stauung wollte ich behalten. Dabei finde ich die Vorstellung sehr schön, dass in der „Raucherecke“ das 18. Jahrhundert mitredet, so wie sich auch Klopstock seinen Ton aus einer fernen Zeit, der Antike, holte. Denn so wie Gedichte einen genauen, erkennenden Blick auf die eigene Zeit werfen können, so stehen sie auch in einer durch die Zeiten reichenden Kette, in der Töne, Rhythmen, Wendungen und Ideen weitergegeben werden. Man kann grüßen, verehren oder parodieren, jedenfalls ist die Geschichte des Gedichts auch ein Hallraum, in dem es singt, dröhnt, flötet, fiept, zupft, zerrt, streicht, zischt und was sonst noch. Da kann auch der hohe, anrufende, elegische Ton einem abgelegenen, betonierten, kühlen Ort Wert und Bedeutung geben.

          Dirk von Petersdorff

          Ihr Langen, wo seid ihr? Ich hab

          nicht mal mehr eure Nummern.

          Gibt es denn Besseres als am Morgen

          eine Schar,

          eng zusammen,

          frierend;

          ich glaube, wir froren fast immer.

          Damals sprach keiner zu viel,

          sondern stand, den Rücken zur Welt,

          in Mänteln aus Stoff,

          ihr Dünnen.

           

          Nur der verhangene Blick

          sieht tief, kennt sein Schicksal,

          das traurige Pochen

          ferner Hügel,

          sieht freudig erschreckt

          sich am seligen Busen erwachen.

          Wie ihr den Rauch

          ausstoßen konntet,

          ihr Edlen, ach,

          alles war gut, als ich mit euch

          sah sich röten den Tag, viertel vor acht.

          Dirk von Petersdorff: Nimm den langen Weg nach Haus. Gedichte. Verlag C.H.Beck, München 2010. 101 S., geb., 16,95 €.

          Zuletzt ist von Dirk von Petersdorff erschienen: „Sirenenpop“. Gedichte. Verlag C.H. Beck, München 2014. 86 S., geb., 16,95 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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