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Frankfurter Anthologie : Salvador Espriu: „Die Stierhaut“

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Bild: akg-images

Die Katalanen machen Europa im Moment ja eher fassungslos. Eine gute Gelegenheit, ihren größten Dichter wiederzulesen, der zeitlebens an der Dissonanz seiner Heimat litt.

          Der verliebte göttliche Stier, der die phönizische Königstochter Europa übers Mittelmeer hinweg auf seinem Rücken ins Offene trug, ist längst erlegt. Besiegt. Geschlachtet. Und naturgemäß gehäutet. Die weit ausgespannte Trophäe, die sein Fell ist, bedeckt im Wesentlichen kaum mehr als die iberische Halbinsel. Sie bildet seine Haut in ihren Umrissen getreulich ab. Und die laszive Europa, die sich einst stolz und immer auch ein wenig selbstverliebt auf ihr räkelte, als die liebestolle Gotteshaut noch Leben, Blut, Fleisch, Knochen, Leidenschaft und Spannkraft, Gewalt und Lust, Raserei und Rumor umhüllte, rutschte dem schnaubenden Gott irgendwann den Buckel runter und blieb dann ziemlich unordentlich liegen. Findet seitdem nirgends richtig Halt. Wandert unruhig ratlos von Land zu Land, kennt keine Grenzen, sehnt sich immer noch ins große Offene (ihr gottgegebenes Erbe!), aber muss dauernd an jeder Nationalstaatsecke ihren Ausweis vorzeigen, den sie nie hatte (ihr gottgegebener Fluch!). Eine Dauerexilierte im Eigenreich. Denn keiner weiß so richtig, wer sie ist, zu wem sie wie und warum gehören könnte. Aber alle nehmen sie in Beschlag. Und reden über sie. Und manchmal fallen sie sogar über sie her. Oder reißen sie ungeniert umarmend an sich.

          Mit besonderem Fleiß tun dies aber die Übergeschnappten: also Völker und Parteien und Gruppen und Regionen, die, je winziger ihre Lungen sind, desto heftiger sich aufblähend nach der heißen Luft schnappen, von der sie glauben, dass sie allein von ihr satt würden. Dabei vergessen alle, die von Europa reden, auch von der Haut des Stieres zu reden, der sie einmal getragen hat.

          Ein Tierkampf um Katalonien

          Man schaut ja den Katalanen etwas fassungslos zu, wie sie großmäulig dissidentisch gegenwärtig gerade am Überschnappen sind. Und wie sie sich gerne aus der spanischen Stierhaut, deren rechten Flankenteil (ungefähr in Brusthöhe) sie bilden, herausschneiden würden: absurde, ganz und gar uneuropäische, aber laut nach Europa schreiende Sehnsucht nach einem kleinen Fetzen Rest-Fell, dem die Haare büschelweise ausfallen würden. Salvador Espriu, ihr größter Dichter, den sie am 22. Februar 1985 zu Grabe trugen, nachdem er im Palast der Generalitat, dem Regierungsgebäude der Autonomen (!) Region Catalunya, in Barcelona aufgebahrt worden war und sich das gesamte katalanische Kabinett vor dem Katafalk verneigt hatte, litt zeitlebens und zeitschreibens (und das Dichten, Erzählen, Theaterstückeschreiben und erfolgreiche Publizieren begann der Höchstbegabte schon mit sechzehn) an der katalanischen Dissonanz. Also an den sich aneinander reibenden Doppeltönen, mit denen von der großen Stierhaut die Rede sein musste. Die poetische Rede, die sie politisch verdammte, vor allem, wenn diese Rede als Echo der Zeit der franquistischen Diktatur und Unterdrückung schmerzensschrill tönte und nach Freiheit dürstete. Und zugleich die politische Rede, die in der grandiosen Poesie einer uralten Sprache der nationalen Schicksalshaut des Stieres Paroli bot und ihr das Einsame, Eigen-Mythische, Eigen-Sinnige, Eigen-Göttliche auf den Pelz brannte. Ohne freilich den Pelz zerschneiden zu wollen.

          In den 54, mit lateinischen Ziffern numerierten Gesängen seiner „Stierhaut“ (La Pell de Brau), seinem 1960 erschienenen lyrischen Hauptwerk, exiliert sich Espriu, Jahrgang 1913, Sohn eines Notars aus der Provinz Girona, in einem brillanten mythologischen Umkehrschwung wie aus einer großen imaginierten hebräischen Ferne hinein in die große Arena „Sepharad“ (ein altes jüdisches Wort für Spanien), ein grandioser Hiob als Katalane des Schmerzes. „Galopp des dürren Pferdes,/durch triste Jahre, über rauhe/Wege von Sepharad“ (wie es im vierten Gesang heißt). Aber die eigene, blutige Haut, die man dem Urviech erst abgezogen hat, bevor der Stier sie (gleich im ersten Gesang), auch er wohl unter rasendem Schmerz, in den Sonnenglast hinauf schleudert, wo sie zum frivol geblähten, schmutzgolden zerfransten Fahnenlappen wird („és ja parrac espesseït per l‘or del sol“), gehört „Opfer und Henker zugleich“. Und wo „Hass und Liebe, Wehklage und Gelächter“ eins sind, wird der Tierkampf um Katalonien auch zu einer lyrischen Feier: des Risses, der durch die Seelenbühne geht, auf der hier gespielt wird, die eine kleine, große katalanische Welt bedeutet und über der ein Plakat hängt, auf dem in alten schönen Lettern steht: Habt euch nicht so!

          Salvador Espriu: „Die Stierhaut“ I. / „La Pell de Brau“ I.

          Der Stier, in der Arena Sepharads,

          griff die ausgebreitete Haut an,

          und emporschleudernd, macht er sie zur Fahne.

          Gegen den Wind gehißt, ist diese Stierhaut,

          die Haut des blutbedeckten Stiers,

          jetzt ein vom Gold der Sonne aufgeblähter

          Lappen, ausgesetzt für immer der Marter

          der Zeit, unser Gebet

          und unser Lästerfluch.

          Opfer und Henker zugleich,

          Haß und Liebe, Wehklage und Gelächter,

          unter der tauben Ewigkeit des Himmels.

           

          Aus dem Katalanischen übertragen von Fritz Vogelgsang.

           

          ***

          El brau, en l’arena de Sepharad,

          envestia l’estesa pell

          i en fa, enlairant-la, bandera.

          Contra el vent, aquesta pell

          de toro, del brau cobert de sang,

          és ja parrac espesseït per l’or

          del sol, per sempre lliurat al martiri

          del temps, oració nostra

          i blasfèmia nostra.

          Alhora víctima, botxí

          odi, amor, lament i rialla,

          sota la closa eternitat del cel.

          Salvador Espriu: „Die Stierhaut“. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Katalanischen übertragen von Fritz Vogelgsang. Vervuert Verlag/ Iberoamericana, Frankfurt am Main 1987. 157 S., br., vergriffen.

          Von Gerhard Stadelmaier ist zuletzt erschienen: „Umbruch“. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2016. 222 S., geb., 22,– €

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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